Bauch, Der / Beerdigung, Welstfälische

Aus dem Zettelkasten

von Erwin Grosche

Erwin Grosche - Foto © Frank Becker
Aus meinem Zettelkasten
 
Bauch, Mein Bauch kann nicht lesen: Eigentlich wollte ich nur sechs Brötchen kaufen. Einen Sonntagmorgen ohne Marmeladenbrötchen kann ich mir nicht vorstellen. Natürlich lockt eine Bäckerei auch mit anderen Genüssen. In der Kühltheke stand eine kleine Erdbeertorte. Ich war gerührt von den kleinen Sahnetupfern, auf die der Bäcker geschickt halbierte Erdbeerstückchen gesetzt hatte. Auf der Sahneoberfläche des Biskuitbodens hatte man mit Erdbeerpüree den Wunsch gespritzt: „Liebes Julchen - Gute Besserung von Deiner Uroma.“  Frau Hermisch hatte gerade die sechs Brötchen in eine Tüte verstaut und fragte wie immer: „Darf es sonst noch was sein?“ Die Sonne schien und die Welt am Sonntag lockte mit einer Titelgeschichte über Teenies, die eine unbekannte Seele haben. Ich wollte einen Witz machen und zeigte auf das Törtchen „Diese Torte hätte ich gerne noch.“  Frau Hermisch lachte. „Die können sie gerne haben, sie ist gestern nämlich nicht abgeholt worden.“ Sie hielt kurz inne und sprach dann weiter: „Schade ist nur, das schon was drauf steht.“ Ich überlegte. Das war das kleinste Problem. Mein Bauch kann nicht lesen. Ich wurde einen anderen Gedanken nicht los. Hoffentlich war da nichts passiert. Hoffentlich ging es Julchen und der Uroma gut.
 
Beerdigung, Westfälische: Als er mit der Schippe über dem offenen Grab stand, dachte er daran, daß ein gestorbener Mensch, egal welches Leben er geführt hatte, im Augenblick seines Dahinscheidens plötzlich 40 Gramm leichter werden würde. Er dachte daran, daß mit diesen 40 Gramm das Gewicht der Seele gemeint ist, die dem Sterbenden entweicht. Heute Morgen hatte ein Nutella-Glas auf seinem Frühstückstisch gestanden, welches für den selben Preis 40 Gramm mehr Inhalt versprach. Da hatte er gleich gedacht: Kann denn Nutella das Gewicht der Seele aufwiegen, obwohl es nur ein Aufstrich ist? Kann man das, was einem nach dem Tode fehlen wird, im Leben vorbeugend ausleben? Kann denn Nutella uns auf den richtigen Weg bringen? Er wurde, wie gesagt, sehr nachdenklich, war aber zu traurig, um wirklich konkret sein zu können.
 
Benimmregeln: Der Mann kam immer näher. Ich entdeckte ihn schon, da dachte er noch, man sähe ihn nicht. Er ging dann sehr schnell, als wenn er sich beobachtet glaubte. Er wollte so tun, als wäre er guter Dinge. Schade, dachte ich, bald wird er hier sein und will gelobt werden. Ach ginge er doch wieder und hinterließe keine Spuren. Es ist beeindruckend, einen Mann kommen und gehen zu sehen, lästig ist nur sein Bleiben.


© Erwin Grosche
 

Das
„Weltlexikon“, das sich aus Erwin Grosches Zettelkasten speist, wird im Oktober im Bonifatius Verlag erscheinen.