Postkarten

Geschichte und Geschichten um ein rechteckiges StŁckchen Karton

von Frank Becker

Schöne Post im Kasten!

Seit 142 Jahren gibt es in Deutschland Postkarten.
Das immer größer werdende Angebot an originellen
und lustigen Exemplaren dieses praktischen Vehikels
zur kurzen Nachrichten- oder Grußübermittlung
regt zu einer Betrachtung an.


Schreib mal wieder!

Mit diesem Slogan hat einst die Deutsche Bundespost, als sie noch nicht zum geldgierigen Kommerzbetrieb Post AG umgestaltet worden ist, jahrelang versucht, Sie und mich dazu zu bewegen, ein paar Zeilen zu Papier zu bringen und ordentlich adressiert und frankiert - natürlich mit dem

Monopo­listen Post - zur Freude des Empfängers und der Staatskasse zu verschicken. Lange Zeit ging das auch gut. Aber die Briefkultur, die nach Matthias Claudius, Schiller und Goethe bei Gottfried Keller, Theodor Storm und Eduard Mörike, später bei Hermann Hesse und Thomas Mann zu neuer Hochblüte gelangt war, kam von Jahr zu Jahr mehr zum Erliegen. Erste Verluste fügte früh der Fernsprechapparat der Briefpost zu, das "Fräulein vom Amt" ver­knüpfte schneller, als es der Briefträger schaffte. Schließlich konnte man gar selber wählen ("Wähle 333 auf dem Telefon, wähle 333 und du hast mich schon...“ - O-Ton Graham Bonney), heutzutage bis in den hintersten Winkel der Mongolei und wenn man will, mit dem Mobiltelefon von jedem Platz der Welt, ob Klo oder Linienbus („Ich bin hier grad' in der Linie 733 am Borsigplatz - ich fahr noch nachem ALDI, dann komm ich zu Hause", teilt jeder Schwachkopf den Mitreisenden und seinem Telefonpartner heutzu­tage mit).


Elektropost


 
Dann der nächste Schlag ins Gesicht des anständigen und aufs Briefaufkommen angewiesenen Zustellers: Fax! Häßliche Billigkopien von der Endlosrolle spie mit einem Mal der an den Fern­sprechapparat angeschlossene Impulsnehmer aus, und kaum einen Atemzug später folgt noch Grausameres: beim Stichwort E-Mail („Du, ich schau mal eben in meinen Account.") bricht Liebhabern von Tintenschrift auf weißem Papier der Schweiß aus, Tränen füllen ihre Augen und die jedes anständigen Postboten, und Hersteller von Briefkuverts träumen von besseren Zeiten. Hausbriefkästen enthalten nicht mehr den berühmten duftenden Umschlag mit der „blaßblauen Frauenhandschrift“, sondern Berge unerwünschter Werbesendungen, die dem Postboten die Freude am Zustellen nehmen. Von den erotisches Glück und günstige Geldanlagen verheißenden SPAM-Fluten mal ganz zu schweigen. Mit all diesen begrenzt praktischen Neue­rungen geht natürlich der Hang zur Faulheit einher - oder war es umgekehrt? Ist die Denk- und Schreibfaulheit derer, die das Verfassen umfänglicher und inhaltsreicher Botschaften, den rituellen Vorgang des Umschlagbeschriftens und Aufklebens einer Briefmarke lieber vermeiden, der Grund? Schreibt denn niemand mehr?


Schauen wir mal zurück


Banausen! schreit der Fühlende gequält auf und schaut sich nach Rettung um. Dabei steht die seit besagten 142 Jahren in Deutschland unauffällig in der zweiten Reihe bereit und zeigt sich für den Kurz-Mitteiler att­raktiver und schillernder als je zuvor. Wir sprechen von der recht­eckigen, aus festem Karton bestehenden Erfindung des Generalpost­meisters Heinrich von Stephan, 1865 erstmals von ihrem Erfinder der Postkonferenz der deutschen Staaten vorgeschlagen, 1869 in Österreich

 
eingeführt und schließlich 1870 im Norddeutschen Postgebiet: der Postkarte des Weltpostvereins, anfangs Correspondenzkarte genannt.

Das schlichte Stückchen Pappe wurde seitdem sehr gut angenommen und er­freut sich vor allem als Glückwunsch oder Urlaubsgruß ungebrochener Beliebtheit. Eine kurze Mit­teilung sollte seinerzeit schnell den Empfänger erreichen und nicht viel kosten. Das klappte auch, denn über Jahrzehnte, bis weit ins 20. Jahrhundert konnte man für 5 Pfennige Porto innerhalb von 24 Stunden Nachrichten von Berlin nach Thorn, von Tübingen nach Hamburg oder von Lieberhausen nach Elberfeld expedieren – Absende- ­und Eingangsstempel belegen das. Innerhalb einer Stadt war die Übermittlung sogar vom Vor- bis zum Nachmittag garantiert: "Lieber Wilhelm, ich komme heute Nachmittag um 1/2 vier Uhr zum Kaffee bei Euch vorbei." Zustellung zweimal täglich. Gol­dene Zeit! Mit viel Glück gelingt das heute innerhalb 1-2 Tagen, manchmal braucht´s aber auch eine Woche und kostet in jedem Fall 45 Cent.


Eine Freude für Empfänger und Sammler


 
Aber zurück zur Geschichte der Postkarte. War es einst eine schmucklose Mittei­lung, entwickelte sich bald eine Kombination von Bild- und Text­seite daraus: die Ansichtskarte. Aus dem Urlaub konnte man einen Wetter- und Stimmungsbericht schicken, kurz gefaßt natürlich, denn die andere Seite der Karte zeigte eine photographische An­sicht des Urlaubsortes. Dort konnte man das Zimmerfenster des Hotels ankreuzen, hinter dem man faulenzte oder den Berg, den man tapfer erklommen hatte. Gilt bis heute! Schnell kamen andere Themen- und Motiv­kreise dazu - Glückwunschkarten zu allen möglichen Anlässen, Scherzkarten und leider auch ungezählte Feldpostkarten. Mit vaterländischem Pathos, Wehmut und Galgenhumor wurde dem Untergang ins Auge geblickt. Schier unerschöpf­lich zeigte sich die Welt von Illustration, Idee und Motiv. Und weil der Mensch ein Wesen ist, das sehr über das Auge lebt und genießt, wurde bald erkannt, daß Absen­der und Empfänger das Originelle und das Opulente zu schätzen wissen und ein Geschäft damit zu machen ist.

Ein neues Steckenpferd entstand: das Sammeln von Postkarten. Die wurden in prächtige Alben gesteckt, nach Motiven und Serien sortiert und so sorgfältig aufbewahrt, daß viele davon zwei Weltkriege überdauert haben und im Nachhinein heute noch Freude machen können. Und weil das Sammeln nun mal eine Wissenschaft ist, gibt es dazu Kataloge, Untersuchungen und Sekundärliteratur.


Mit Kitsch und viel Humor


Die Fülle der angebotenen hübschen, ästhetischen, originellen, erotischen, witzigen und

 
künstlerischen Bildpost­karten ist mittlerweile nahezu unüberschaubar. Unzählige oft kleinste Verlage bringen herrlich komische oder wunderschöne Motive auf den Markt und man hat als Schreiber gar nicht genug Empfänger zur Hand, um all die spaßige Pracht an den Mann und die Frau zu bringen. Da gibt es die fotografische Satire, die originelle Visualisierung von Texten, die Karikatur und den Cartoon, die Kunstverfremdung, Weisheiten und kluge Sprüche und vieles, vieles andere. Ganze Kollektionen wurden von namhaften Illustratoren wie Loriot und Bernd Pfarr, Michael Sowa oder André Poloczek gestaltet. Mal ist das Kartenmotiv der Träger der Botschaft, dann wieder nur höherer Blödsinn, auf den sich Verlage wie Joker, Inkognito, Voller Ernst, Retro, Weltniveau und viele andere besonders gut verstehen.

Daß es darunter natürlich auch Ausreißer gibt, liegt auf der Hand. Die findet man dann (natürlich auch gesammelt) in Büchern wie „Boring Postcards“, "Langweilige Postkarten" oder „Bild der Heimat – Die Echt-Foto-Postkarten aus der DDR“. Es ist, glauben sie mir, höchst kurzweilig, sich aufmerksam auch solche Exemplare anzuschauen. Aber Vorsicht – macht süchtig!


Tips, wo´s gratis ist


 
In Kneipen, Cafés und Postämtern (Tip!) gibt es häufig nette Gratis-Postkarten, die meist Werbebotschaften transportieren und kostenlos sind, z.B. "City-Cards" und "Edgar auf der Karte“ ­(lesen sie zu Edgar hier unseren Jubiläumsbericht). Meist im Format 10 x 15 cm gibt es eigentlich nichts, was es als Thema auf der Karte nicht gibt: dumme Sprüche, echte Kunst oder pure Reklame – meist aber originell. Im Zweifelsfall bastelt man sich flugs selber eine. Eigene Fotos sind beliebt. Nur ein paar Beispiele aus der Fülle können wir hier zeigen, als Anregung, die Postkartenständer in Buchhandlungen, Schreibwarengeschäften,
Souvenirläden und Gra­phik-Agenturen zu durchstöbern, die Beute zu beschriften, zu adressieren und ordentlich frankiert zur Freude der Empfänger und der Postboten auf den Weg zu bringen. Mir klingt noch der Ruf meines früheren Zustel­lers Heribert B. im Ohr: "Komm runter, is' schöne Post im Kas­ten!"

 
 


















Alle Abb.: Archiv Musenblätter