Ein Brief der Annette von Droste-Hülshoff

Anläßlich ihres 160. Todestages

ausgewählt von Frank Becker

Handschrift der Annette von Droste-Hülshoff (im Rüschhaus zu sehen)
Foto © Frank Becker

Annette an Sibylla Mertens

Annette von Droste-Hülshoff pflegte von der Münsteraner Provinz aus einen umfangreichen Briefwechsel. Am 24. Mai 1843, genau fünf Jahre vor ihrem Tod in Meersburg schrieb sie aus der Klausur im Rüschhaus bei Münster an Sibylla Mertens, mit der sie seit 1825 eine Freundschaft pflegte:

"Du wirst aus meinem langen Schweigen schon geschlossen haben, lieb Herz, daß es mit der Besserung sehr langsam zugegangen ist. Warum ich Dir nicht durch andre habe Nachricht geben lassen? Weil ich gern zu Dir wollte, lieb Kind, und dachte: "Habe ich erst durch eine fremde Hand aufschreiben lassen, so ist´s rein aus damit." Du weißt, wie es mit diesen Nervenübeln geht, zuweilen so gute Tage, daß man denkt: "Noch eine Woche crescendo, und ich kann Wind und Wetter ein Schnippchen schlagen", und dann ist mit einem Male wieder alles nichts! Du begreifst, daß unter diesen Umständen, bei meiner großen Schwäche, die Meinigen (denen sonst, auf Ehre! die Sache ganz recht gewesen wäre) mich nicht fortlassen wollten, da mir ohnedies noch die Anstrengung zweier Reisen bevorsteht, und begreifst auch, daß ich ihnen nicht die Gelegenheit geben wollte, alles rein abzumachen.
(...)
Wenn ich in Meersburg bin (etwa von Ende Septembers bis zum nächsten Mai oder Juni) steckst Du wahrscheinlich in Rom oder Neapel, oder kömmst Du vielleicht im Frühjahr, wenn es dort überheiß ist, nach Mailand, Genua, Florenz zurück? In diesem Falle gelänge es mir vielleicht, Dich auf 8-14 Tage besuchen zu können, notabene wenn Du häuslich eingerichtet wärst, sonst geht es natürlich nicht an, und ich würde nach zwei bis drei Tagen wieder zurückkehren müssen, was doch nach so weitem Wege eine allzu kurze Lust wäre. Liebes Herz, laß uns dem Glück vertrauen; wir verleben beide die nächsten zwölf Monate en voyageur, da wird man oft wunderlich verschlagen und kann karambolieren, eh man´s denkt. Laß uns unsern Briefwechsel nicht einschlafen, damit wir immer wissen, wo wir uns zu suchen haben. Deine Briefe adressierst Du vorläufig fortwährend nach Rüschhaus, da mein Befinden (obwohl seit kurzem bedeutend besser) den Zeitpunkt der Abreise noch sehr ungewiß macht, nachher erhältst Du meine jedesmaligen Adressen, so wie ich die Deinigen erwarte.
(...)
Halt meine Münsteraner nicht deshalb für dümmer, als sie sind; niemand kann meine Pfote lesen, ich muß alles diktieren, wo dann die abgebrochenen Zeilen häufig keinen Sinn für den armen Schreiber haben, den mein manchen undeutliches Organ ohnedies hinlänglich verwirrt. Morgen kömmt die Demoiselle; geht´s auch mit dieser nicht, so weiß ich keinen andern Rat, als dem St. Matthäus seinen Engel abzuborgen, der in den fast zweitausend Jahren, wo er ihm das Dintenfaß hält, doch wohl etwas in der Literatur wird profitiert haben.
(...)
Nun, lieb Herz, muß ich Dir Lebewohl sagen, doch nicht, ohne zuvor die sehr herzlichen Grüße meines Mütterchens zu überbringen, das Dich jetzt ernstlich lieb hat... (...) Nochmals adieu! Antworte mir doch bald, ich freue mich so, wenn ich einen Brief von Dir bekomme. Mit alter Treue

                                                                                                                               Deine Nette