Die Salzstreuer

...auf der Suche nach der Würze des Lebens

von Erwin Grosche

DIE SALZSTREUER


Die ersten Salzstreuer waren Kopfgeburten. Zu viele und zu große Löcher ließen zuviel Salz zu. Wie wichtig Löcher sein können, weiß man nicht erst seitdem man Fahrradschläuche flickt. Ich habe schon Löcher gesehen, die leiteten eine eigene Fernsehsendung. Vorsicht Falle. Ich kann beim Schütteln eines Salzstreuers hören, ob sich das Salz eingeengt fühlt. Aber aufgepasst, zuviel Freiheit kann auch gefährlich sein, besonders für Eieresser. Auf Ei und Kartoffeln rieselt es herab wie in einem Hagelsturm und Überfluss schafft Überdruss. Zum Glück gibt es den Salzstreuertester. Manchmal rieselt es, manchmal schneit es, manchmal tropft es, auch wenn es streuen soll. Manchmal kommt nichts aus einem Streuer, alles ist verstopft und quält sich im Deckel. Manchmal kommt alles auf einmal zu Fall und man entdeckt nicht das Ei unter dem Salz Mont Blanc. Es sind oft viele Anläufe nötig um die optimale Schüttelart für die jeweilige Salzlochgröße zu entdecken - aber die Suppe dankt und die Kartoffel schmeckt wie ein König. Heute gibt es sogar Salzstreuer, die durch einen Drehdeckel verschiedene Salzlochgrößen anbieten. Dieses System lässt mehr Spielraum, zumal einem Frühstücksei eine ganz andere Salzmenge  zusteht als einer Straße im Winter. Trotzdem ist das Gewürzmittel Salz sensibel einzusetzen und mit Respekt zu behandeln. Nicht jeder Mensch weiß, wie viel davon für ihn gut ist und übertreibt oft mit den Gaben des Meeres. Einmal entdeckte ich in einer türkischen Pizzeria einen Salzstreuer auf dem ein P gelocht war. P wie Pfeffer, P wie Panne und ich dachte, wie muss sich Salz fühlen, dass durch einen Irrtum Palz heißt und plötzlich palzig pfeffert. Pech. Wer lernt mit Salz verantwortungsbewusst umzugehen, hat schon viel vom Leben begriffen. Ich bin Salzstreuertester, ich suche nach der Würze des Lebens.

 

© Erwin Grosche - Ersveröffentlichnug in den Musenblättern 2007

 

Beispielbild
Erwin Grosche - Foto © Uwe Nölke

Erwin Grosche * 25.11.1955 in Anröchte.

Er lebt heute als Kabarettist, Schauspieler und Autor in Paderborn. Neben Kleinkunst- und Theaterproduktionen schreibt er Kinderbücher und dreht Filme. Er erhielt u.a. 1996 den „Prix Pantheon“,1999 den „Deutschen Kleinkunstpreis“, wurde im Jahre 2000 Kulturpreisträger der Stadt Paderborn und im Jahre 2004 von der Evangelischen Akademie Hofgeismar mit der „Silbernen Akademieze“ ausgezeichnet. Seit 2003 ist er Schirmherr von UNICEF PADERBORN. Er spült gerne und mäht den Rasen. Oft wäre er gerne weg, aber er geht nicht gern auf Reisen.

Werke (Auswahl): „Über das Abrichten von Grashüpfern“ (Kleinstadtgeschichten), „Vom großen G und kleinen Glück (Geschichten und Bühnentexte), „Alle Gabelstaplerfahrer stapeln hoch (Kriminalroman), „Der Schlafbewacher“ (Bilderbuch), „Warmduscherreport“, "Lob der Provinz", „Die Wirklichkeit und andere Übertreibungen“, „König bin ich gerne“, „Padermann, der Superheld“

Filme (Auswahl): „LiebesLeben“, „Die Bluthochzeit“, Tatort „Lastrumer Mischung“, „Jahrestage“, „Ich sing für die Verrückten...“, „Keiner liebt mich“, „Mutter der Braut“, „Blinde Leidenschaft“, „Wer der Welt den Atem nimmt“, „Hütchenzauber“

Rundfunk-Moderator (Auswahl WDR): „Bärenbude“, „Lilipuz“, „Unterhaltung am Wochenende“, „WDR-Liedernacht“

Weitere Informationen unter:
www.erwingrosche.de