Rom

Mit der Tram abseits ausgetretener Pfade

von Jrg Aufenanger

Foto © Gerd Altmann/Pixelio
Rom
 
 
Alle Wege führen bekanntlich nach Rom, doch warum dann dort immer den ausgetretenen Pfaden folgen, die den Touristen durch das historische Zentrum von der Spanischen Treppe, über den Trevibrunnen, das Pantheon zur Piazza Navona führen? Auch Rom besitzt Orte, die die Reiseführer nicht oder nur flüchtig erwähnen. Das beste Mittel für eine ungewöhnliche Stadtrundfahrt bietet die Straßenbahn, die in einem Bogen um die Innenstadt herumrumpelt und die das Hop-on und Hopp-off umstandslos ermöglicht. Zudem bleibt man unter Römern, denn Touristen begegnet man in ihr kaum.
 Bevor wir die Tram der Linie 3 am Ausgang des Pincio gegenüber dem Museum für moderne Kunst bestiegen, waren wir am oberen Ende der spanischen Treppe weiter hochgestiegen, hatten einen

Piazza di Popolo - Foto © bildpixel/Pixelio
Blick in die Villa Medici geworfen, die Akademie der französischen Künstler, die seit kurzem auch zu besichtigen ist. Wir entdeckten nicht nur majestätisch anmutende Räume, sondern einen weitläufigen Park, in dem Künstlerateliers verborgen sind, unter anderem auch jenes, das dem Maler Balthus einst gehörte. Wir erreichten den Pincio, einen der sieben Hügel Roms, schauten auf die Piazza di Popolo, durch dessen Tor so viele deutsche Künstler und Dichter, und nicht nur Goethe, die Stadt einst betreten hatten. Entlang den Büsten italienischer Poeten stießen wir auf einen winzigen Lago mit dem Tempel des Esculapio, durchquerten ihn aber nicht mit einem Ruderboot, sondern erfrischten uns auf der Terrasse des Casino del Lago mit einem Aperol, der im Sonnenlicht funkelt, während wir uns an dem weiten Blick über die ewige Stadt nicht satt sehen konnten. „Rom ist eine Welt“ hat Goethe festgestellt. Sie lag vor uns und mit der Tram wollten wir sie nun erkunden.
 Am Zoo der Stadt vorbei klettert sie gemächlich in sanften Kurven hinan, im Passo umano –im menschlichen Schritt- , wie wir auf einem Schild lesen, durch eins der nobelsten Viertel Roms. Rosa oder weiß blühende Oleanderbäume säumen die Straße des Pinciano. Hinter dicken Mauern

Tram - Foto © Matthias Winkelmann
und www.stone-berlin.de
verbergen sich palastähnliche Villen, kein Mensch ist auf den Straßen zu sehen. Vornehm versteckt sich der Reiche. Erst als die Tram die Spitze des Hügels erklommen hat, sehen wir die schöne und reiche Jugend Roms in den Straßencafés der Piazza Ungheria turteln, plaudern und ihre neuesten lässig auf die Stirn geschobenen Sonnenbrillen vorführen. Wir steigen aus, gesellen uns nicht dazu, sondern bummeln durch den weitläufigen Park der Villa Ada. Hier finden wir Stille vor Rom, wenn nicht wie abends oft ein Open-Air-Konzert stattfindet. In einem Winkel entdecken wir die Katakomben der Priscilla, in denen die ersten Märtyrer begraben sind, und neben alttestamentarischen Wandmalereien das wohl erste aus dem 2. Jahrhundert stammende Marienbildnis zu sehen ist. Doch zurück zur Tram, die Schienen geben uns den Weg vor. Wir zuckeln und rumpeln mit dem antiquierten Gefährt durch die Viale Regina Margherita, eine Einkaufsstraße, erblicken die Villa Albani, in der Johann Winkelmann vor genau 250 Jahren dem Kardinal Albani eine Kunstsammlung einrichtete. Einst haben sich Fürsten und Kardinäle vor den Mauern der Stadt solch prunkvolle Landsitze erbauen lassen. 
 An der Ecke zur Via Nomentana springen wir erneut ab, wollen zur Villa Torlonia. Edler und bombastischer Kitsch, der das Auge beleidigt, ziert sowohl ihr Inneres als auch das Äußere. Die Villa war im Faschismus Mussolinis Domizil, der sie nach seinem Geschmack umbauen ließ. Die

Verliebt - Foto © Frank Becker
Familien, die im Park zum Picknick lagern, kümmert die Vergangenheit ebenso wenig wie die Verliebten, die sich auf dem Rasen oder unter den immergrünen Steineichen tummeln. Plötzlich tut sich ein Sportplatz mitten im Park auf, der wie in einem Gemälde von de Chirico unwirklich anmutet, da irgendwie fehl am Platz. Hier turnte, focht und joggte der Diktator.
 Wir laufen einige Straßenecken weiter, vorüber am Todeshaus des Dichters Pirandello zur Deutschen Akademie, der Villa Massimo, lesen am verschlossenen Tor, am Abend präsentieren die Künstlerstipendiaten ihre Werke, und dann kann wie beim Open-Day ein jeder die zypressen-  gesäumten Kieswege zur Villa schreiten und den zwölf  Künstlern begegnen, die in dieser Oase bis zu einem Jahr das römische Leben genießen können.
 Die nahegelegene St. Agnes-Basilika mit der Bocciabahn, wo die gläubigen Spieler ihre Kugeln rollen lassen und die sieben kilometerlangen Katakombengängen sparen wir uns für morgen auf, denn wie magisch von ihr angezogen eilen wir zur Tram zurück, müssen indes lange auf sie warten, denn einen festen Fahrplan kennen in Rom weder Bahnen noch Busse. Nächstes Hop-Off ist der größte Friedhof der Stadt, der Verbano.
 Wer noch nie einen italienischen Friedhof gesehen hat, der sollte hier die zweifamilienhaushohen Grabstätten und die mehrstöckigen Grabkammern bestaunen, zwischen denen die größten Katzen

Foto © Yvonne Kellermann/Pixelio
Italiens hausen. Uns zieht es schnell in das universitätsnahe San Lorenzo. Zum lebendigsten Viertel der Stadt machen es eine preiswerte Trattoria neben der anderen, zudem Szeneclubs und eins der schönsten Cafés der Stadt mit Pergola-Terrasse am Largo degli Osci, wo wir lange verweilen könnten, denn es ist auch unfreiwillige Bühne, so viele Geschichten können wir hier beobachten.
 Doch die Tram klingelt und nimmt uns wieder auf. An der Stadtmauer der Porta Maggiore vorbei steigen wir an der Porta S. Giovanni erneut aus, besichtigen nicht die Lateranbasilica, sondern die Scala Santa nebenan, staunen ehrfürchtig die Gläubigen an, wie sie im Gebet versunken die steile „heilige Treppe“ auf Knien hochrutschen, um oben angelangt dem Zwiegesang von Nonnen zu lauschen.
 Vorsichtig, damit sie nicht aus den Gleisen rutscht, umkurvt die Tram das Colosseum. Soviel könnten wir besichtigen, doch wir entscheiden uns für den Celio, einen weiteren Hügel Roms, denn hier gibt es vor allem sonntags ein italienisches Familienspektakel zu sehen. Die Kirche Santa Maria in Domnica ist die Hochzeitskirche Roms, eine lange Schlange von Brautpaaren wartet ungeduldig darauf, für das Leben vereint zu werden. Sind sie es endlich, so eilen sie in den Park, wollen von professionellen Photographen in diesem stolzen Moment abgelichtet oder von der Familie vor der künstlichen Grotte mit der Handykamera verewigt werden. Die Kinder der italienischen Großfamilien stehen beim Luftballonverkäufer an, der Bräutigam schleckt an einem ersten Eis danach. Der Celio, in der Woche eine der Ruheoasen Roms, ist sonntags lebendige Bühne.
  Umgestiegen in die Linie 13 wollen wir zum berühmtesten Schlüsselloch der Welt. Am Circo

Cestius-Pyramide - Foto © Bildpixel
Massimo springen wir ab, lassen ihn rechts liegen, eilen den Aventin hoch, erreichen das Tor des Malterserklosters, stellen uns kurz an und dann blicken wir hindurch: Eingerahmt durch das Schlüsselloch blicken wir eine lange Allee entlang und am Ende richtet sich die Kuppel des Petersdom auf. Was für ein Bild! Ich will das rechte Auge nicht abwenden, doch hinter mir drängeln die Nächsten, dann sehe ich noch, das Metall links unten neben dem Loch ist abgewetzt durch die vielen Nasen, die sich da schon gerieben haben.                                                                           
Was bleibt uns jetzt noch? An der nächsten Station machen wir kurz Halt, umrunden die vom Straßenverkehr umtoste marmorne Cestiuspyramide, die in die Stadtmauer hineingebaut ist und in deren Schatten Goethe begraben werden wollte. Neben ihr liegt der akatholische Friedhof, wo die Protestanten aus aller Welt, die in Rom einst zu Tode kamen vor den Mauern der Stadt begraben wurden. Plötzliche Stille umfängt uns, und wir entdecken viele deutsche und englische Namen auf den Grabsteinen, auch den von Goethes Sohn, der in Rom vom Alkohol vergiftet verstarb.
 Wir springen wieder in die Tram, die Fahrt aufnimmt, den Tiber quert, vorbei an der Porta Portese und dem größten Flohmarkt Roms. Wir haben Hunger. Doch erst noch den Gianicolo hoch zur Villa Sciarra, mit dem vielleicht schönsten, da auch verwilderten Garten Roms, mit einem winzigen

Blick über Rom - Foto © Marc Pojer/Pixelio
Freiluftheater, verschwiegenen Laubengängen, zwischen denen einst Pfauen spazierten, als die Villa noch in Fürstenbesitz war.
Vom Plateau des Gianicolo blicken wir über die abendliche Stadt hinüber zum Pincio, wo wir am Morgen mit unserer Tram aufgebrochen sind, steigen hinab zur Viale Trastevere in die beste Pizzeria der Stadt neben dem Kino, wo es zudem typisch römische Weißebohnengerichte gibt, vor allem die Fiagoli al Fiasco. Den Espresso nehmen wir in der Bar S. Calisto am gleichnamigen Platz, in der sich die römische mit der internationalen Bohème-Szene mischt. Hier kommt jeder mal vorbei, den man treffen möchte. Also warten wir und bleiben bis tief in die Nacht.


© Jörg Aufenanger - Zuerst erschienen in der Frankfurter Rundschau

 

Einige Rombücher (Auswahl und Kommentar von Jörg Aufenanger)

Foto © m-o-d-(Pixelio)
 
• Julien Gracq: Rom – Um die sieben Hügel, Amman- Verlag
• Uwe Timm: Vogel. Friß die Feige nicht, Kiepenheuer&Witsch
(Römische Aufzeichnungen aus der Zeit des Aufenthalts in der Villa Massimo)
Rolf Dieter Brinkmann: Rom – Blicke, Rowohlt
(Ebenfalls während der Zeit in der Villa Massimo geschrieben)
Wie auch: Hanns-Josef Ortheil: Römische Sequenz, Judith Kuckart: Sätze ohne Datum
(Beides herausgegeben von Deutsche Akademie Rom)
Marie Luise Kaschnitz: Engelsbrücke, S. Fischer
Birgit Ohlsen: Zauberhaftes Rom, Wiesenburg Verlag (Kürzlich erschienen, ein sehr persönliches Rombuch der Autorin, die lange in Wuppertal gelebt hat, nun in Berlin - Streifzüge durch die unbekannte Stadt)
 

Redaktion und Bildauswahl: Frank Becker