Das Piemont

Eine Reise in die Nebel der Vergangenheit

von Frank Becker

Spurensuche im Nebel - Foto © Frank Becker
Auf den Spuren der Savoyer
 
Ein Besuch im königlichen Piemont
 

Nun ist gerade der Oktober nicht eben der günstigste Monat für eine Reise ins Piemont, aber sogar unter dem lastenden Nebel des Herbstes kann die Region im Nordwesten Italiens einen gewissen Charme entwickeln, dann nämlich, wenn man durch die jetzt menschenleeren, sonnenlosen Parks der Savoyer-Sitze schlendert oder die schier endlosen Gänge und Zimmerfluchten der als Museen geöffneten Schlösser durchwandert. Beim Blick durch die Fenster sieht man mit den Augen der einstigen Bewohner die Welt wie verwunschen im rätselhaften Grau versinken. Wo im Sommer reges Treiben herrscht, kehrt nun Stille ein.
Und doch, wer ein wenig genauer hinschaut, findet auch jetzt, außerhalb der touristischen Saison Betrachtens- und Erlebenswertes. Denn längst nicht alles ruht, sondern geht in gelassenerem Schritt. Und der eine oder andere Sonnenstrahl schafft auch jetzt den Weg durchs Grau, gibt mit seinem milden Licht gemütvolle Momente und läßt das Piemont, das im Sommer funkelt und gleißt, sanft schimmern.
 
Geschichte: Reichtum und Hypothek

Die landschaftlich abwechslungsreiche und geschichtsträchtige Provinz im Nordwesten Italiens mit ihrer Hauptstadt Turin und ihren sieben Provinzen Cuneo, Asti, Alessandria, Novara, Vercelli, Biella

Turin, Piazza San Carlo - Foto © Frank Becker
sowie Verbano-Cusio-Ossola
birgt neben ihrer Vielzahl prächtiger Schlösser, Palazzi, Castelli, Villen und Herrensitze aus königlicher Zeit, in denen eine kaum überschaubare Menge an Kunstwerken vom 15. bis zum 19. Jahrhundert den Kulturreisenden erwartet, auch herausragende Sammlungen moderner Kunst, wie u.a. die Pinacoteca Giovanni e Marella Agnelli in Turin und die Kunstsammlung Castello di Rivoli. Überhaupt Turin: in der Stadt mit rund 900.000 Einwohnern, die ehemals Sitz der Könige war, wird für die Augen viel geboten. Architekturen und Kunstsammlungen aller italienischen Epochen, herrliche Plätze, elegante Cafés, schicke Modegeschäfte und für trübe Tage Museen, in denen man sich verlieren kann. So gibt es dort das Ägyptische Museum (Museo Egizio), das, wenn auch hoffnungslos verstaubt und muffig wirkend - wie nebenbei bemerkt auch einige der überladenen Schlösser - immerhin nach Kairo die zweitgrößte Sammlung antiker ägyptischer Kunstschätze der Welt hat. Das beeindruckende Gebäude der Mole Antonelliana, das einst als Synagoge geplant war, birgt heute das nationale italienische Filmmuseum – unbedingt einen Besuch wert!
 
Foto © Frank Becker
 
Weitere Informationen unter: www.regione.piemonte.it und www.comune.torino.it
 
Wer sich auf die Spuren der Savoyer begeben will, kann gleich hier in Turins Mitte beginnen: der Palazzo Reale (Königspalast) liegt zentral an der Piazetta Reale zwischen Po und Dora Riparia, gleich nebenan der Palazzo Madama und das alte Zeughaus und quasi „um die Ecke“ an der Via Accademia delle Scienze, 5  der Palazzo Carignano, ein barockes Meisterwerk von Guarino Guarini. Einst war er  Sitz des ersten italienischen Parlaments, heute ist er Sitz des Nationalen Museums des Italienischen Risorgimento.

Venaria Reale und Dolce Stil Novo

17 ehemalige Savoyer-Residenzen hat das Piemont zu bieten, einigen davon statten wir einen
 
Venaria Reale - Foto © Frank Becker
kurzen Besuch ab. Da wäre zum Beispiel der Palazzo Venaria Reale, 1658-1679 von Amedeo di Castellamonte in der gleichnamigen Ortschaft erbaut, 1693 von französischen Truppen zerstört und 1699-1713 von Michelangelo Garove im Stil von Versailles neu gestaltet. Das wuchtige Gebäude und sein weitläufiger Park mit Wasserspielen und Barockgärten (jetzt noch eine riesige Baustelle) werden derzeit umfassend in Stand gesetzt. Bilder von Balthasar Mathieu, Jan Miel, Giorgio Sandri Trotti, Melchior Hamers, Jacob van Schuppen, Andrea Locatelli und vielen anderen Größen schmücken die weitläufigen Hallen und Fluchten. Dauerausstellungen zeigen historische Versatzstücke und textile Kostbarkeiten aus der Geschichte der Savoyer. In die barocken Gärten wird zeitgenössische "Land Art" gepflanzt - zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftig.
 
Alfredo Russo/Noemi Icardi - Foto © Frank Becker

Auch einen kulinarischen Grund gibt es, Venaria Reale zu besuchen, nämlich das in den Räumlichkeiten eines Seitenflügel des Schlosses gelegene Spitzenrestaurant „Dolce Stil Novo“ von Alfredo Russo, das bei striktem Understatement eine der besten Küchen des Piemont führt. Wer dort die Wirsingroulade im Nudelteig, den butterzart gegrillten Tintenfisch mit Kapersauce und die göttliche geschmorte Rinderwange gekostet hat, ist dem Himmel bereits ein ganzes Stück näher gekommen und das königliche Schloß wird zur Nebensache.
 
Informationen unter: www.lavenariareale.it  und  www.dolcestilnovo.com

Zeitgenössische Kunst in historischen Mauern

 
Das Castello Rivoli im gleinamigen Ort nahe Turin, ein groß angelegtes Bau-Projekt aus dem 18.

Maurizio Cattellan "Novecento" - Foto © Frank Becker
Jahrhundert, wurde nie zu Ende gebracht. Kluge Restauratoren habe die antike Bauruine mit einem herausragenden Museum aktueller moderner Kunst kombiniert. Beton, Glas und Stahl vertragen sich allerbestens mit altem Mauerwerk. Die barocken Räume und die darin ausgestellten Arbeiten  u.a. das raffinierte Spiegelsystem von Rebecca Horn (Mirror of the Lake“),Günther Förgs Kritzeleien („ohneTitel“), Maurizio Cattelans Environment „Charlie don´t surf“ und  seine verblüffende Pferdeplastik „Novecento“, Bertrand Laviers Klavierobjekt  „Steinway & Sons“, Paola Pivis („Fotografien“), Francesco Vezzolis begehbare Rauminstallation „Per Bruce con amore – Milva“, Claes Oldenbourgs „Loosje van Bruggen“ und die raumfüllende Riesenkugel „Houseball“ und Giuseppe Penones „Breathing the shadow“ harmonieren im Gegensatz zur Erfahrung mit der Venaria Reale überraschend gut. Draußen kann man eine elektrische Eisenbahn bewundern, die bei Wind und Wetter unablässig in 8 m Höhe ihre Runden dreht oder im eleganten Restaurant mit Blick über Rivoli speisen.
 
Castello di Rivoli - Foto © Frank Becker

Dieses Museum ist ein wirkliches Muß für Freunde zeitgenössischer Kunst, ein Ausflug lohnt.
 
Informationen: www.castellodirivoli.it

Racconigi


D
er kleine Ort Racconigi in der Provinz Cuneo mit seinen nur knapp 10.000 Einwohnern birgt eine der kostbarsten Schloßanlagen der Savoyer. Schon im 14. Jahrhundert als Festung gegründet, wurde das mächtige Gebäude mehrfach umgebaut, 1676-1679 von Guarino Guarini, 1755-1757 von Giovanni Battista Borra, weitere Anbauten von Ernesto Melano kamen noch Mitte des 19. Jahrhundert dazu. Besonderen Ruhm genießen das chinesische Zimmer, das Russische Haus, das Herkules- und das Diana-Zimmer mit den prächtigen Wand- und Deckenmalereien. Kulturhistorisch besonders interessant sind die mit Original-Stücken eindrucksvoll so ausgestatteten Schloßküchen, Wohnräume der königlichen Kinder und der Bediensteten verschiedener Ränge, daß man jeden Moment erwartet, sie eintreten zu sehen.
Der Park in den enormen Maßen von 178 ha und mit altem Baumbestand von 36 Arten wird von etwa

Racconigi Blick in den Park - Foto © Frank Becker
25 km Wegen durchzogen, er wurde Ende des 18. Jahrhunderts von André Le Notre, dem Landschaftsmaler Giacomo Pregliasco und dem Gartenarchitekten Xavier Kirsten realisiert. Wer nach langem Spaziergang einkehren und ordentlich essen möchte, dem sei das „Il Torre“ empfohlen. Das Vitello conciata, die Torta tendasca, die Agnelotti, das Geflügel-Ragout „Gallina alla caccioatore“ und das Schokoladen-Bonet zum Dessert können sich sehen lassen.
 
 

Savigliano


D
as 20.000-Einwohner-Städtchen Savigliano (1187 waren es weniger als 1.000)  in der Provinz Cuneo hat zwar kein Savoyer-Schloß, doch seine geschichtliche Bedeutung ist deshalb nicht

Tartini - Foto © Frank Becker
geringer. Auch hier logierten die herzoglichen und königlichen Savoyer, doch als Gäste in den bürgerlichen Palazzi der wohlhabenden Stadt, deren Platz und Torbogen der Via Beggiami aus dem 12. Jahrhundert stammen, der Stadtturm aus dem 13. Jahrhundert, die Ziegelstein-Glockentürme aus dem 15. Jahrhundert und der Triumphbogen von 1585. Sie zeugen von Macht, Wohlstand und Selbstbewußtsein. Arkadengänge rund um die Piazza del popolo erinnern an Turins weitläufige Arkaden, und in der Tat stand Savigliano Anfang des 16. Jahrhunderts in Konkurrenz mit Turin um den Rang der Hauptstadt. Nun, Turin gewann, Savigliano fiel über lange Zeit in einen Dornröschenschlaf. Zwar ist die einstige Pracht ein wenig angegriffen, doch Savigliano ist dabei, den einstigen Reichtum sichtbar zu machen. So sind die berühmten Fresken aus dem Jahr 1620 im Palazzo Tartini, der einer Bankiers-Familie gehörte, erhalten und zu besichtigen und wird der Palazzo Cravetta mit seinem Theaterhof, den verwitterten Büsten und seinen prächtigen Fresken um 1600 derzeit wieder
 
Cravetta - Foto © Frank Becker
vollständig hergestellt. In diesem Haus, das einer Anwaltsfamilie gehörte, starb 1630 Carlo Emmanuele I. (eines natürlichen Todes).

Wer den Abend mit einem Dinner im Restaurant „El Brandé“ und seiner sensationellen Küche in der Via Saluzzo 101 beschließt, ist bei allen landestypischen Gerichten, vor allem gegrilltem Fisch und Fleisch auf der absolut sicheren Seite - und der Arneis, der dort gut gekühlt serviert wird, ist ein Göttertropfen. Hier ist aber auch ein Warnung für Reisende angebracht, die Wert auf ihre Ruhe und eine gepflegte Umgebung legen: nur wirklich anspruchslose oder restlos verzweifelte Besucher werden im Hotel Gran Baita absteigen!
 
Informationen: www.comune.savigliano.cn.it

Relikte der Renaissance


Auf der Azienda Maero Emidio - Foto © Frank Becker
E
ines der bedeutendsten Renaissance-Schlösser des Piemont findet sich in Lagnasco. Der Sitz der Markgrafen Taparelli wurde auf trockengelegtem Sumpfgelände ursprünglich bereits im 12. Jahrhundert gegründet und im 16. und 17. Jahrhundert umfangreich umgebaut. Derzeit wird es umfassend restauriert. Aus anfangs drei Schloßanlagen (West, Mitte Ost) wurde ein wuchtiger Gesamtkomplex gebildet, dessen mehr als 1000 m² Fresken noch aus der Renaissancezeit heute eine große Attraktion sind.
Im benachbarten Weinberg der Azienda Maero Emidio findet sich ein bis unter das Dach mit historischem Gerät jeglicher Couleur vollgestopftes kleines Museum, das der dortige Winzer zusammengetragen hat und gerne erläutert.
 

Barattis Nougat... hmmm - Foto © Frank Becker
Kehren wir nach all den Besichtigungen noch einmal nach Turin zurück, um im San Carlo oder bei Baratti e Milano einen Caffé und ein Lunch zu nehmen und einen Bummel durch die bunten Einkaufsstraßen, Arkadengänge oder über die belebte Piazza San Carlo zu unternehmen, in der Gelateria "Pepino" ein Eis oder im Baratti Nougat zu naschen, im „Tre Galli“ zu Abend zu essen und eine kleine Bilanz zu ziehen. Es gibt weit freundlichere Jahreszeiten als den Oktober, um die Schönheiten des Piemont kennenzulernen. Darauf sollte sich der Reisende einstellen. Wer jedoch nur an den unzähligen Museen, Palästen und Restaurants interessiert ist, kann sich sogar dann dort wohl fühlen. Festes Schuhwerk, eine Wetterjacke und ein Schirm gehören dann unbedingt ins Reisegepäck. Und auf den Fotoapparat kann man beinahe verzichten, denn die Landschaft gibt unter dem lastenden Nebel nichts her - und in den Savoyer-Schlössern und Museen ist das Fotografieren strikt untersagt.

Doch kann es in der Weltstadt Turin mit ihrer undurchsichtigen Verkehrsführung - nehmen Sie am

Auf der Piazza am Abend - Foto © Frank Becker
besten nicht das eigene Auto, gehen Sie kürzere Wege zu Fuß oder nehmen Sie ein Taxi - dann auf dem Heimweg sein, daß an einem der seltenen warmen Herbstabende ein älterer Herr auf einer Bank der Piazza San Carlo auf einer Mandoline Volkslieder spielt, sich eine Traube von Passanten bildet und feine Damen, elegante Herren, Arbeiter und Hausfrauen, Bürger, Banker und Flaneure so herzerfrischend fröhlich einstimmen, daß man ausrufen möchte: Italien, Du hast es besser! Im Frühling möchte ich wiederkommen!
 


W
er mehr über Turin und das Piemont wissen möchte, schaut hier nach:  www.regione.piemonte.it und www.comune.torino.it