Bücher - eine Leidenschaft

Zum Welttag des Buches

von Frank Becker

Bücher - eine Leidenschaft

Dieser Montag, der 23. April 2007 ist zum Welttag des Buches proklamiert worden. Aber kann das nicht für jeden Tag gelten? Denn für den Liebhaber des bedruckten Papiers ist genau in dem Augenblick Feiertag, in dem er ein Buch öffnet, um einzutauchen, zwischen den Deckeln Entspannung oder Spannung, Information oder Unterhaltung, Vergnügen oder Trost zu finden. Egal wann, egal wo. Ein Buch ist ein Freund. Heute. Morgen. Jeden Tag.

 Bücherfreunde wissen: es gibt unendlich viele und wunderschöne Bücher - über Bücher. Ich habe mich mal mit dem Thema beschäftigt und mir einige davon, ältere wie neuere angesehen. Eine Schatztruhe tat sich auf. Vieles von dem, was ich ihnen jetzt hier vorstellen möchte, ist im Sortimentsbuchhandel schon lange nicht mehr zu bekommen. Es sind Kuriositäten dabei, kurzweilig unterhaltende Betrachtungen zum Buch, aber auch verschiedene höchst informative Nachschlagewerke. Ans Herz legen möchte ich ihnen ein jedes dieser Bücher, denn jedes einzelne hat seinen eigenen Wert.

Der "Focus"-Kulturredakteur Rainer Schmitz
hat liebevoll und kenntnisreich für sein Buch "Was geschah mit Schillers Schädel?" (Eichborn Berlin, 2006) Fakten zu allem und jedem zusammengetragen, was zentral oder marginal mit Literatur, Autoren, dem Verlags- und Druckwesen, Merk- und Denkwürdigkeiten aus der Welt der Bücher zu tun hat. Geordnet nach zum Teil völlig neuen Gesichtspunkten und Stichworten und zweispaltig gesetzt, macht der großformatige Band schon rein äußerlich den Eindruck eines Lexikons - und er hält, was die Aufmachung verspricht. Mehr noch, die Fülle an kurzweiliger, spannender und hochinteressanter Information mit ihren zahlreichen
Querverweisen macht aus diesem mächtigen Band - hier zitiere ich den Verlag:  "...ein Buch, das sich nicht auslesen läßt".
"Was geschah mit Schillers Schädel?"  muß jedem kulturgeschichtlich interessierten Leser, gleich ob Literaturfreund, Musikliebhaber, Arzt oder Historiker wärmstens empfohlen werden. In diesem  Überraschungspaket ist für jeden etwas drin: daß Schillers "Verbrecher aus verlorener Ehre" ursprünglich "Verbrecher aus Infamie" hieß und Agatha Christies "The Mousetrap" zunächst unter dem Titel "Three Blind Mice" erschien, ist ebenso wissenswert wie die Auflagenhöhe des Postleitzahlenbuchs, nämlich 42,3 Millionen.
Schmitz decouvriert Plagiate, Vetternwirtschaften, Schmeißfliegen, Lesben und Schwule, er erklärt Druckfehler (denen er selbst häufig genug zum Opfer gefallen ist - "There Blind Mice", Carl Michael Bellmann u.a.) und er plaudert und informiert meisterlich über jeglichen Aspekt der Literaturforschung. 25 Jahre lang hat er gesammelt, zu fast 4.000 Personen gibt er in 1.200 Einträgen Auskunft. Sprechen wir mit Georg Christoph Lichtenberg (von dem es heißt, er sei kleiner als 1,46 Meter oder gar 1,30 gewesen): "Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an!".
Und was geschah nun wirklich mit Schillers Schädel? Wir wissen es nicht.  Es gibt noch immer zwei davon. Kurios.

Ganz aktuell auf dem Markt - ich habe es noch nicht anschauen können - empfiehlt ein Band "1001 Bücher die sie gelesen haben müssen...". Auf eins weniger bringt es der opulente Wälzer aus dem Harenberg Verlag, der seit 2002 unter dem Titel "Das Buch der 1000 Bücher" reich illustriert und mit aufschlußreichen Tabellen ausgestattet
hochinteressante Informationen, Hintergründe, Wirkungen und Entstehungsgeschichten weltbedeutender belletristischer und Sachbücher vermittelt. Das ist auch wieder so ein Buch, in dem man sich festliest und von Artikel zu Artikel hangelt, ohne aufhören zu können. Man erfährt vieles Wissenswerte über die Autoren und ihr übriges Werk, über Illustrationen, unterschiedliche Ausgaben, findet Szenenfotos aus Verfilmungen berühmter literarischer Stoffe und  ungezählte Beispiele schöner Umschlaggestaltung.
Was "Das Buch der 1000 Bücher" besonders charmant macht, ist der Verzicht auf literarisches Elite-Denken. Sogenanntes Triviales wird ebenso behandelt wie Philosophisches oder der Krimi. Patricia Highsmith und Luise Rinser finden sich ebenso wie Edgar Wallace, Martin Heidegger und Curzio Malaparte. Umberto Eco und Meister Eckhart teilen sich eine Seite, Siegfried Lenz und Donna Leon ebenso.
So bunt das Bücher-Interesse der Menschen ist, so bunt ist auch die hier angebotene Palette, die es schafft, jedem Lesegeschmack Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Literatur-, Musik- und Theaterkritiker Joachim Kaiser hat es herausgegeben.

Anleitungen zum Lesen und Empfehlungen, was man denn zur Hand oder mit auf die einsame Insel nehmen soll und Bücher über Bücher gibt es wohl, seit Menschen angefangen haben Bücher zu sammeln. Hermann Hesse hat "Eine Bibliothek der Weltliteratur" (1929 Reclam UB 7003) geschrieben, Günter Kunert  hat sich 1976 mit der Frage "Warum schreiben?" auseinandergesetzt und auch gleich seine Lieblingsbücher  eingebracht (Aufbau Verlag),  Dr. Hans W. Eppelheimer hat
1958 anläßlich der Weltausstellung in Brüssel  die "Bibliothek eines geistig interessierten
Deutschen"
zusammengestellt und Helmut Bode beschwört  1962 für den Bertelsmann Lesering die "Freundschaft mit Büchern". Klaus Schöffling hat mit Beiträgen von u.a. Alfred Polgar, Anton Kuh, Italo Calvino, Kurt Tucholsky, Boris Vian, George Orwell, Karl Kraus Jean Paul und vielen anderen "Geschichten vom Buch" gesammelt, ein köstliches Kompendium (1985 Insel TB it 722).
Daß man im angloamerikanischen Sprach- und Kulturraum natürlich ganz andere Bücher empfiehlt, belegt z.B. "Good Reading - A Guide to the World´s Best Books" eines "Committee on College Reading" der USA aus dem Jahr 1947.

Man könnte wiederum Bände über die Bücher füllen, die sich mit Bücher befassen. Ein vergnügliches Geschäft, sich allein schon durch diese Abhandlungen zu schmökern. Lassen wir es aber damit gut sein. Drei besonders sympathische Beispiele noch zum Schluß: das zauberhafte "Literatur Brevier für eine junge Dame", 1954 von Heinz Dieckmann für den Perlen-Verlag in Marbach zusammengestellt und reizvoll von Lilo Rasch-Nägele illustriert. Dieses überaus charmante Buch empfiehlt der jungen Leserin u.a. Heinrich Heine und Wladimir Majakowski, William Butler Yeats und Voltaire, Hermann Hesse, Arthur Rimbaud und Petrarca. Eine illustre Zusammenstellung und hier nur im Auszug wiedergegeben.

Dann ist da noch Werner Bergengruens "Titulus", der sich, 1960 im Arche-Verlg erschienen, humorvoll-statistisch mit der Qual der Titelwahl beschäftigt, der Autoren bzw. Verlage unterliegen: "Titulus - Das ist: Miszellen, Kollektaneen und fragmentarische, mit gelegentlichen Irrtümern durchsetzte Gedanken zur Naturgeschichte des deutschen Buchtitels - oder: Unbetitelter Lebensroman eines Bibliotheksbeamten".
Schließlich Martin Beheim-Schwarzbach. Wieso ausgerechnet er zum Schluß? Weil wohl kaum ein zweiter Autor so oft von anderen in Anthologien über das Buch zitiert worden ist - nämlich mit seinem Feuilleton "Das verliehene Buch", das nachdrücklich davor warnt, ein Buch zu verleihen. Wir alle wissen, es kommt nie zum Eigentümer zurück.  In "Von den Büchern", 1952 bei Hans Dulk verlegt, ist diese humorvolle, aber durchaus ernsthafte Mahnung nachzulesen.

Ich wünsche ihnen viel Vergnügen beim Schmökern!


 
 
 















Postscriptum: Beinahe hätte ich doch eine eindringliche Warnung von Antolin López Peláez vergessen, seines Zeichens Erzbischof von Tarragona, der in einem 1915 in der Herderschen Verlagshandlung zu Freiburg im Breisgau erschienenen Traktat von immerhin 195 Seiten aus "Die Gefahr des Buches" aufmerksam macht. Protestantische Bibeln z.B. sind das reine Teufelswerk, sittliche Gefahren lauern in der Lyrik eines Rilke oder Verhaeren: "Die sittlichen Gefahren der modernen Lyrik entstehen aus der in zahlreichen Gedichtbänden der letzten Jahrzehnte so stark hervortretenden erotischen Färbung. Die Geschlechtsliebe nimmt in der Dichtung der Gegenwart einen Raum ein, wie er nur aus der nervösen Hypersexualität der modernen Zeit verständlich ist."

Und das Lesen von Romanen ist ja fast lebensgefährlich: "Nicht selten verursacht die Romanlektüre ernstliche Störungen des Nervensystems und schwere Gehirnerschütterungen. Ein durchaus zuverlässiger und unparteiischer Beurteiler, Tissot, sagt: >Die Vermehrung der Romane in unserer Zeit ist zweifelsohne der Hauptgrund der erschütterten Gesundheit der Frau.< Das viele Lesen bringt besonders bei der Frau die lebhaftesten Erregungen hervor...".
Und nun Schluß - und sagen sie nicht, ich hätte sie nicht eindringlich gewarnt!



© Frank Becker - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2007