Das Fundament der Kunst. Die Skulptur und ihr Sockel seit Auguste Rodin

Eine Ausstellung im Arp Museum Rolandseck

von Rainer K. Wick

© Edition Braus
Experimentierfeld Sockel

Eine Skulpturenausstellung der besonderen Art
im Arp Museum Rolandseck
 
 
Im Jahr 1928 äußerte sich Josef Albers, damals Lehrer am Bauhaus in Dessau und noch nicht gefeiert als der Maler strenger Quadratbilder, über die in seinem Gestaltungsunterricht stattfindenden plastischen Materialübungen aus gefaltetem Papier. Er betonte, daß es entscheidend auf „die Aktivierung der Negativa (der Rest-, Zwischen- und Minuswerte)“ ankomme. Und weiter: „Gleiche Berücksichtigung und Bewertung der Positiva und Negativa läßt nichts ‚übrig’. Wir unterscheiden … nicht mehr tragend und getragen, wir lassen nicht mehr Scheidung zu in dienend und bedient, schmückend und geschmückt. Jedes Element … muß gleichzeitig helfend und geholfen wirksam sein, stützend und gestützt. So schwinden Sockel und Rahmen und damit das Denkmal, das auf einem Übermaß von Unterbau ein Untermaß von Getragenem trägt.“
Diese Bemerkung könnte geradezu als Ariadnefaden durch die Ausstellung „Das Fundament der Kunst“ dienen, die derzeit in Richard Meiers großartigem Erweiterungsbau des Arp Museums in Rolandseck zu besichtigen ist. Denn mit dem Beginn der Moderne verlor der Sockel seine althergebrachte Funktion als Mittel der Hervorhebung, der Bedeutungsverleihung und -steigerung, der Überhöhung und Heroisierung, ja er verschwand zum Teil ganz aus der Kunst, um später in verwandelter Form – als autonomes Gebilde – zurückzukehren. (In Klammern sei angemerkt, daß der Sockel übrigens auch in der Kunstgeschichte überaus stiefmütterlich behandelt wurde, wie

Auguste Rodin, Die Bürger von Calais, Modell mit
Sockel, 1884 (Foto Rainer K. Wick)
fotografische Abbildungen bedeutender Plastiken in kunsthistorischen Abhandlungen zeigen, die ihn nicht selten schlichtweg unterschlagen, obwohl er, mit Inschriften und/oder Reliefs versehen, oft Träger wichtiger Botschaften und mithin wesentlicher Teil des Gesamtwerks ist.)
 
Rodin und die Klassische Moderne
 
Auguste Rodin war einer jener Bildhauer, die Ende des 19. Jahrhunderts dezidiert mit dem Sockel experimentierten und mit unterschiedlichen Sockelhöhen „spielten“. Daß er seine lebensgroße „Eva“ auf Augenhöhe mit dem Betrachter plazierte, war seinerzeit revolutionär. Und seine Figurengruppe „Die Bürger von Calais“ sollte sich ursprünglich ebenfalls nicht auf einem Sockel erheben, sondern ebenerdig lediglich auf einer rechteckigen Grundplatte, einer Plinthe, stehen, um so die situative Dramatik und menschliche Tragik des Dargestellten unmittelbar erfahrbar zu machen. Man hat dieses Konzept einer sockellosen Darbietung als maßgeblichen Schritt zur „Demokratisierung“ der Kunst interpretiert – ein Konzept, das von den damaligen Stadtvätern allerdings nicht verstanden wurde, sodaß die Gruppe entgegen Rodins Absicht zunächst auf einem Sockel aufgestellt werden mußte (dazu in der Ausstellung ein kleines Bronzemodell), bis sie erst Jahrzehnte später vor dem Rathaus in Calais im ursprünglichen Sinne ohne Sockel plaziert werden konnte.

Hans Arp, Schachfigur, 1958
Unter den Meistern der Klassischen Moderne, die um das Sockelproblem gerungen haben, sind vor allem Constantin Brancusi, Hans Arp und Alberto Giacometti hervorzuheben. Daß Brancusi in Rolandseck mit keiner einzigen Arbeit vertreten ist, muß verwundern und ist nur zu bedauern. Umso eindrucksvoller ist der Auftritt von Arp, dessen fünfzehn Skulpturen den Nukleus der Ausstellung bilden – was Wunder in einem Museum, das den Namen des Künstlers trägt und eine der größten Sammlungen seiner Werke besitzt. Unter- und Überbau, unten und oben, Tragendes und Getragenes lassen sich in zahlreichen Arbeiten der Künstlers nicht mehr eindeutig voneinander scheiden, sondern durchdringen einander. Das gilt auch für eine Reihe von Skulpturen Giacomettis, dem erst Anfang des Jahres das Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg eine herausragende Ausstellung gewidmet hatte. Sockel und Figur zeigen den gleichen plastischen Duktus, gehen bruchlos ineinander über und bilden eine unauflösliche skulpturale Einheit. 
 
Spielerischer Umgang
 
Zahlreiche der in Rolandseck präsentierten Arbeiten verzichten gänzlich auf den Sockel, wie z.B. die Bodenskulpturen von Franz Erhard Walther, oder begnügen sich mit seiner bloßen Andeutung, etwa in Form einer Palette bei Jean Tinguely, eines Holzfasses bei Daniel Spoerri oder eines Baumstumpfes bei Michael Buthe. Besonders interessant sind im Kontext der Ausstellung jene Arbeiten, die das Problem des Sockels in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts explizit

Jean Tinguely, Pjotr Kropotkin. Philosoph,
1988 (Foto Rainer K. Wick)
thematisieren und künstlerisch reflektieren. Aus der Fülle des präsentierten Materials mit seinen sehr unterschiedlichen, oft humorvollen, in manchen Fällen aber auch bierernsten Ansätzen seien nur einige Arbeiten herausgehoben. Der „Totalkünstler“ Timm Ulrichs, der sich selbst im Rahmen einer Performance schon in den Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts als „erstes lebendes Kunstwerk“ ausgestellt hat, schuf ein plastisches Ensemble, auf das sich Nietzsches Diktum von der Umwertung aller Werte anwenden ließe: Es handelt sich um einen Körperabguß des Künstlers, dessen Oberkörper in klassischer Manier auf einen hohen Sockel steht, während die untere Körperhälfte ihrerseits einen Sockel trägt. Hier wird das traditionelle Verhältnis von Sockel und Figur in sein Gegenteil verkehrt und mithin hinterfragt, vielleicht sogar ironisiert. Erwin Wurm, dessen große Ausstellung im Bonner Kunstmuseum kürzlich zu Ende gegangen ist, macht in Rolandeck seinem Ruf als Spezialist für absurde Skulpturen alle Ehre, indem er eine stehende, gestiefelte, aber kopflose Figur mit einem brauen Mantel bekleidet, der als sockelähnlicher Quader geformt ist. Bernd Altenstein läßt die sitzende Figur seines „Mäzens“

Timm Ulrichs, Im Sockel - vom Sockel,
1981-1990 (Foto Rainer K. Wick)
im Kubus des Sockels verschwinden. Figur und Sockel verschmelzen so zu einem verstörenden Ganzen. Mit der erdrückenden Übermacht des geschichtlichen Erbes setzt sich Markus Lüpertz auseinander, wenn er seinen „Herkules“ auf einen traditionellen Sockel stellt, ihn aber zugleich ridikülisiert, indem er das klassische Proportionsschema mißachtet, die Keule des Helden eher wie eine Krücke erscheinen läßt und das edle Material Bronze farbkräftig bemalt. Und als eine spezifische Form der Auseinandersetzung mit dem Kulturerbe Griechenlands erscheint auch die fotografisch dokumentierte Performance „Akt“ von Stefanie Trojan, einer Künstlerin, die sich ­– mit feministischem Hintergrund – in der Münchner Glyptothek neben dem „Kuros von Tenea“ auf einem schlichten Galeriesockel nackt als lebende Skulptur darbietet. Sie zitiert gleichsam die charakteristische Körperhaltung archaischer Statuen, wobei die Pointe doppelter Natur ist: erstens, weil in der Archaik immer nur Männer unbekleidet dargestellt wurden, während die Frauen prinzipiell Gewänder trugen (dies änderte sich erst in der Klassik), und zweitens, weil in den „heiligen Hallen“ eines „Musentempels“ wie der Antikensammlung am Königsplatz die Präsentation einer nackten Frau aus Fleisch und Blut durchaus als kulturkritische Attitüde gedeutet werden kann.


Stefanie Trojan, Akt, 2000-2007 (Foto: Katalog)
 
Der Sockel als Kunstobjekt und Bühne
 
Mit dem Verschwinden des Sockels in der Kunst des 20. Jahrhunderts ging in den letzten Jahrzehnten allerdings auch eine gegenläufige Entwicklung einher, nämlich den Sockel selbst zum Kunstwerk zu erklären. Von dem italienischen Konzept-Künstler Piero Manzoni stammt ein Sockel in der Form eines Pyramidenstumpfs, dessen auf der quadratischen Standfläche applizierte Fußsohlen ursprünglich zur Benutzung aufforderten. Museal abgesperrt, präsentiert sich dieser Sockel indessen mittlerweile als autonomes Kunstobjekt – ganz ähnlich wie der leere Sockel von Marcel Broodthaers, der ihn, dem historischen Beispiel Duchampscher Deklarationspraxis folgend, durch seine bloße Signatur zum Kunstwerk machte.

Piero Manzoni, Base magica. Scultura vivente 1961 (Foto Rainer K. Wick)
Daß der leere Sockel aber auch in abwechslungsreicher Weise „bespielbar“ ist, zeigt das Londoner „Fourth Plinth Project“. Es handelt sich um einen frei gebliebenen Sockel aus dem 19. Jahrhundert auf dem Trafalgar Square, der seit einigen Jahren für einen bestimmten Zeitraum von einem ausgewählten Künstler „möbliert“ werden kann. Der vielleicht spektakulärste Beitrag zu diesem Projekt stammt von Antony Gromley, der im Jahr 2009 an hundert Tagen 2400 Engländerinnen und Engländer für jeweils sechzig Minuten auf diesem „vierten Sockel“ als lebendige Statuen agieren bzw. sich selbst inszenieren ließ – jeder für kurze Zeit frei nach Andy Warhol sein eigener Superstar. Mehr Demokratie in der Kunst läßt sich kaum denken.
Ein Besuch dieser anregenden Ausstellung, die zuvor in ähnlicher Form im Städtischen Museum Heilbronn und im Gerhard-Marcks-Haus in Bremen gezeigt wurde, ist ebenso empfehlenswert wie die Lektüre des erkenntnisfördernden Katalogbuches mit sachkundigen und facettenreichen Beiträgen aus der Feder von neun ausgewiesenen Autoren.
 

Erwin Wurm, Hypnose II (Mantel), 2008
(Foto Rainer K. Wick)
Das Fundament der Kunst. Die Skulptur und ihr Sockel seit Auguste Rodin

Bis zum 24. Oktober - dienstags bis sonntags von 11 bis
18 Uhr
Arp Museum Rolandseck, 53424 Remagen
http://www.arpmuseum.org/

Katalogbuch:
© 2010 Verlag Edition Braus, 160 S., 200 Bilder, fester Einband - in der Ausstellung € 26,-, im Buchhandel € 35,-

Weitere Informationen unter: www.editionbraus.de

Lesen Sie in den Musenblättern auch: Andreas Rehnolt "Der Sockel als Fundment der Kunst"

Redaktion: Frank Becker