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Die Kolumne am Mittwoch

von Friederike Zelesko
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Die Kolumne am Mittwoch
von  Friederike Zelesko
 
Wie jedes Jahr um diese Zeit vor der Buchmesse, ist die Longlist des Deutschen Buchpreises verkündet worden. Michael Köhlmeier ist zum zweiten Mal für den Deutschen Buchpreis nominiert. Mit seinem neuen Buch "Madalyn". Darüber freue ich mich, denn mit Michael Köhlmeier verbindet mich nicht nur ein schöner Leseabend in Düsseldorf, sondern auch die Liebe zu Wien. Dort wurde er als Hörfunkautor bekannt. Der Radiosender Ö1 strahlte seine freien Nacherzählungen antiker Sagenstoffe und biblischer Geschichten aus. Michael Köhlmeiers Roman „Abendland" war ein großer Wurf. Ebenfalls damals für den Buchpreis nominiert, liest sich die Odyssee eines alkoholkranken Gitarristen und eines greisen Wissenschaftlers so spannend wie ein Krimi. Er ist  gleichzeitig auch ein „Ritt durch das 20. Jahrhundert, der Zeit der k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarns, der Zeit des ersten und zweiten Weltkrieges, der Zeit des Kalten Krieges und des Deutschen Herbstes“, und das alles auf 784 Seiten. Bei seiner Lesung 2008 in der Buchhandlung Rudolf Müller im Heinrich Heine Haus in Düsseldorf erzählte er, daß von Seiten des Radiosenders Ö1 gar nicht erwartet wurde, daß er mit den freien Nacherzählungen Erfolg haben würde, weil die Sendungen in der Sauregurkenzeit liefen. Da er selbst gelesen hatte, war er erschüttert als er merkte, daß Schauspieler viel mehr Honorar bekommen als der Autor, den sie lesen.
            Er wollte nach dieser Hörfunksache seinen Ruf als Schriftsteller nicht verlieren und fing wieder an einen Roman zu schreiben. Das konnte er sich nun leisten, denn die Radiosendungen waren so erfolgreich und wurden auf CD's produziert und verkauften sich wie die warmen Semmeln. Das Schreiben des Romans hatte immerhin sechseinhalb Jahre gedauert und er wurde 1000 Seiten lang. Michael Krüger vom Hanser Verlag hatte dann das Buch „Abendland“ mit ihm auf 784 Seiten gekürzt und er sah das alles ein. Wie der Leser spätestens jetzt merkt, hat der Mann auch Witz. Übrigens hatte er in Deutschland in den Siebzigern in Marburg Germanistik und in Frankfurt und Gießen Mathematik und Philosophie studiert.
            Ich erlebte viele Déjà-vus während er aus „Abendland“ las und nachher meinte Köhlmeier, als er gefragt wurde, wie es kommt, daß die Österreicher in den letzten Jahren so gute Literatur erzeugten, daß er es auch nicht wüßte. Als er aber damals in Deutschland studierte, war man unglaublich politisch, in Österreich war man da nur ästhetisch. „Vielleicht besteht ja jetzt ein gewisser Nachholbedarf, aber das vielleicht nur unter Künstlern, denn die Bevölkerung hat sich kaum verändert, läßt über das gute alte Wien nichts kommen. Das hat auch seinen Charme, denn die Torten sind einfach gut und der Kaffee nirgends so gut und ich möchte jetzt schon am liebsten losfahren … und wieder mal Grüß Gott sagen.“



© Friederike Zelesko - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2010