Musikstunde

Plauderei über Giuseppe Verdi, Nabucco und das italienische Nationalgefühl (2. Teil)

von Konrad Beikircher

Foto © Frank Becker

Konrad Beikircher
Musikstunde

Über Giuseppe Verdi, Nabucco
und das italienische Nationalgefühl

(2. Teil)


Jetzt ist natürlich die Frage: was macht denn diese Oper zu einer nationalen Institution? Das kann ich Ihnen sagen: es sind nicht die Arien, es sind die Chöre und da vor allen Dingen einer: der Gefangenenchor.  Als der Chor bei den Proben zur Uraufführung das erste mal auf der Bühne „Va pensiero“ intonierte, hörten alle Bühnenarbeiter auf zu arbeiten und hörten zu. Als der Chor zu Ende war, applaudierten sie minutenlang. In diesem Moment wußte Verdi, daß er einen Hit geschrieben hat. Den größten seines Lebens. Dieser Chor ist nicht nur irgendein Chor und eine schöne Melodie, dieser Chor war (und ist) der italienische Schrei nach Freiheit. Nicht vergessen: Norditalien war damals unter der österreichischen Fuchtel, im Westen herrschten die Franzosen ein ganzes Stück ins Italienische hinein, der Gedanke der italienischen Einheit und eines italienischen Staates war 1821 von den Österreichern unterdrückt worden und wuchs damit zu einer nationalen Bewegung die schließlich zur Einigung Italiens führte, das kann man alles in den Geschichtsbüchern nachlesen. Verdi war mit diesem Chor plötzlich zum Komponisten der Befreiung geworden. Dieser Chor ist bis heute die eigentliche Nationalhymne Italiens, was jeder spürt, wenn er in einem italienischen Opernhaus den Nabucco sieht und die Stelle mit dem Gefangenenchor kommt. Niemals hat die offizielle italienische Hymne diese Wirkung auf italienische Herzen, zumal die auch noch meistens falsch gespielt wird. Michele Novaro, der Komponist der Hymne „Fratelli d’Italia“ hat übrigens aus genau dieser Oper ganz schön geklaut, finde ich, nämlich vom Chor „È l’Assiria una regina“ zu Beginn des dritten Teils.

Michele Novaro also, der Komponist der Italo-Hymne fratelli d’Italia, die meistens falsch gespielt wird, nämlich auf die 1:
Frà – telli d’Italia  (stellen Sie sich mal vor ich säng das jetzt vor)
Es muß aber als Auftakt gesungen werden, nämlich:
Frau-tèlli d’Italia
Das kriegen aber die Bande, die Carabinieri-Hup-Orchester nicht hin!
Fratelli d’Italia, aber um Himmels Willen nicht ganz, ich würde gerne abbrechen:
Nee, nee, jetzt is aber gut, also das müssen wir jetzt nicht ausufern lassen, zumal diese offizielle Hymne nicht wirklich geliebt ist.

Es gibt aber noch eine dritte italienische Hymne, die Anti-Rom Hymne quasi und das ist ein Lied von Paolo Conte: „Genova per noi“. Da erzählt der Turiner Rechtsanwalt, Barde und geniale cantautore von den Bauern und ihrer Sehnsucht nach der Großstadt. Ich übersetze Ihnen schnell den Text:
Das Gesicht ein bißchen so
der Ausdruck ein bißchen so
wie bei uns, bevor wir nach Genua fahren
und jedes mal fragen wir uns, ob der Ort,
wohin wir gehen, uns nicht verschlingt
und wir nicht mehr zurückkehren
und trotzdem: wir sind ein bißchen verwandt
mit den Leuten, die dort sind:
im Grunde sind sie Wilde wie wir.
aber was für eine Angst macht uns dieses dunkle Meer,
das niemals ruht
und sich auch nachts bewegt.
Genua für uns
die wir zuhinterst auf dem Land wohnen
die Sonne scheint nur selten auf unseren Platz
der Rest ist Regen, der uns näßt
Genua, wie gesagt, ist eine Idee wie jede andere
aber das Gesicht ein bißchen so
und der Ausdruck ein bißchen so
wie bei uns, wenn wir Genua anschauen
und jedes mal wenn wir es beschnuppern
bewegen wir uns ganz vorsichtig
und fühlen uns herrenlos
Macaia, Affe aus Licht und Wahn,
Dunst Fische Afrika Schlaf Erbrechen Phantasie
und in der Zwischenzeit bewahren sie im Schatten ihrer Schränke
Linnen und alten Lavendel
laß uns zu unseren Gewittern zurückkehren
Genua hat lauter gleiche Tage
(aber) auf dem unbeweglichen Land
mit dem Regen, der uns näßt,
und den roten Krebsen, die ein Traum sind,
ist die Sonne ein gelber Blitz
auf der Windschutzscheibe
aber das Gesicht ein bißchen so
und der Ausdruck ein bißchen so
wie bei uns, die wir Genua gesehen haben...

Das ist also der Text und er ist nur die Oberfläche. Denn darunter ist eine andere Sehnsucht gemeint: die nach der Hauptstadt, Rom. Und das ist so: Zweieinhalbtausend Jahre lang haben die Römer allen anderen Italienern vorgeworfen, daß sie nur Provinz seien. Nur Rom hat Leben, das diesen Namen verdient, und Zivilisation und Kultur. Selbst einem der differenziertesten römischen Geschichtsschreiber, Titus Livius, hat man seine Provinzialität vorgeworfen: weil er aus Padua war geißelte man seine Sprache, der eine gewisse patavinitas – Paduanität quasi – anhafte, was eine Frechheit! Aber es hat funktioniert. Und wer einmal von Mailand Richtung Westen gefahren ist und alle paar Kilometer die abgebrochenen Autobahnüberführungen gesehen hat, die links aus dem Boden wachsen, über die Autobahn führen um rechts nach zwanzig Metern wieder im Boden versinken, im Nichts quasi und wer dann weiß, daß das deshalb ist, weil hier die Mafia gebaut hat, wissend, daß das alles in Rom kontrolliert wird, aber wer fährt denn schon von Rom aus in die Provinz! Also kann man fiktiv bauen und real kassieren! Wer das alles weiß, weiß auch, daß jeder Italiener zwar eine gewisse Sehnsucht nach Rom hat, dann auch mal hinfährt um aber dann zu wissen: Rom bringt es nicht, wie schön, daß es die Provinzen gibt! Und genau das drückt dieses geniale Lied aus, das ich auf der CD “amore e passione” für sie singe.
Das ist also die dritte heimliche italienische Nationalhymne und was haben wir?
 
Jetzt aber, bitte, die wirkliche, wahre, die von Giuseppe Verdi, der Chor, der die Oper Nabucco unsterblich macht (und das nicht nur in Italien) , der Chor, bei dem in sensiblen politischen Situationen in jedem italienischen Opernhaus ein Sturm losbricht wie bei der Gesamtaufnahme der Oper von 1949, der ersten Gesamtaufnahme mit der jungen Maria Callas. Das Ganze fand in San Calo, Neapel statt. Dort lagen noch die Schiffe der 6. amerikanischen Flotte vor Anker, die man im Krieg natürlich als Befreier gefeiert hatte. Jetzt aber wurden sie langsam lästig. Und es gab Kommunalwahlen. Da gab es dann eine proamerikanische Fraktion und eine antiamerikanische. In dieser aufgeheizten Situation gab man den Nabucco und da geschah’ es: kaum war der Chor verhallt, da gab es einen Aufschrei: “Viva Italia” von der antiamerikanischen Fraktion, gefolgt von Brüllen und Buh-Rufen der proamerikanischen, ein wahrer Hexenkessel brach los, der sich erst beruhigte, als der Chor wiederholt wurde. So ist das in Italien. Und da wird auch kein Berlusconi was dagegen machen können, no, wie auch! Schönen Tag wünsche ich Ihnen und bleibe, wie immer
 
Ihr ergebener
Konrad Beikircher
 
 
 
© Konrad Beikircher - Erste Veröffentlichung in dieser Form in den Musenblättern 2010
Redaktion: Frank Becker