Zimmer 27

Eine Begegnung mit dem Charme der 70er

von Frank Becker

Foto © Frank Becker
Zimmer 27
 
Eine Begegnung mit dem morbiden Charme der 70er
(und mit einer verführerischen Schönen)
 
Wanderer kommst Du nach N., diesem blitzsauberen Städtchen in Ostwestfalen und suchst nach einem besonderen Abenteuer: nimm Quartier im „Westfälischen Hof“. Dort nämlich scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, als hätte wer mit leiser Hand die Uhren angehalten, den Kalender einfach nicht weitergeblättert und dann dezent die Szene verlassen.
 
Es ist ein solides Haus mit festen Ziegelsteinmauern und hohen Räumen - seine Geschichte mag weit, weit zurückgehen - dessen frühere Besitzer einst im wirtschaftlichen Aufschwung der 1970er Jahre daran gegangen zu sein scheinen, neues Leben ins historische Gemäuer zu pflanzen. Das geschah im wesentlichen durch die Anschaffung grundsolider Möbel im Blockbau-Stil der damaligen Rückbesinnung auf die deutsche Eiche und den Einbau von Duschen für schlanke Menschen. Dann muß sich irgendein

Foto © Frank Becker
Prinzeßchen mit einer Spindel in den zarten Finger gestochen haben und die Zeit hielt an. Bis heute, denn die Zeiten sind selbst für fleißige Hoteliers nicht rosig. Das gastliche Haus hat mittlerweile neue Eigentümer gefunden, die es mit Herzblut betreiben und in dem musealen Stil erhalten haben. Man hat artiges, adrettes Service-Personal (der russische Akzent ist unüberhörbar) und moderate Preise. Man gibt sich Mühe, knickt die blütenweißen Kopfkissen mit einem gehörigen Karateschlag, begrüßt den Gast mit einem Zückerchen und brüht zum Frühstück einen ordentlichen Morgenkaffee. Doch auf den Fluren beschleicht den Reisenden ein merkwürdiges Gefühl der Verlorenheit in Zeit und Raum – zwischen wuchernden Sansiverien, Clivien und Gummibäumen laden schwellende Sammetpolster, kombiniert mit besagter deutscher Eiche und matter Beleuchtung, eher zum Vorbeieilen ein denn zum ruhenden Verweilen. Man spürt den Hauch der bleiernen Zeit, gegen den damals eine Generation aufstand. Hier hat die Revolution offensichtlich einen Bogen geschlagen.
Die Möbel von anno 72/73 sind geblieben, die Vorhänge auch, die Schranktür knarzt, die Matratzen sind alt, wenn auch recht bequem und frisch bezogen, und im winzigen, weil sintemalen dem Raum abgerungenen Brausebad hängen immerhin flauschige Handtücher (gut, abtrocknen muß man sich vor der Tür, eckte man doch sonst an). Der Kalender an der Wand aber beweist: es ist das Jahr 2010.
 

Foto © Frank Becker
Und da ist noch etwas. Etwas ganz eigenes. Man hört von weitgereisten Menschen, daß sie - zumal in irischen oder englischen Schloßhotels - davon hörten, in den alten Zimmern sei mitunter die Anwesenheit geheimnisvoller „Weißer Frauen“ zu spüren, die als Geister schrecklicher Begebnisse der Vergangenheit zu mitternächtlicher Stunde als stumme Erscheinung die Hotelgäste besuchen.
Wer in unserem „Westfälischen Hof“ absteigt, kann vermutlich in fast jedem der Zimmer eine solche oder ähnliche Begegnung haben, was allerdings nicht an schrecklichen Vorgängen der Geschichte des Hauses liegt, sondern am beherzten Einkauf der dekorativen Bilder aus der Tschechei, die heuer die Wände über den Betten schmücken. Die strapsbewehrte „Weiße Frau“ von Zimmer 27 zum Beispiel, unter deren üppigen Brüsten der fühlende Gast kaum traumlos wird schlafen können (wir geben keine Hinweise auf Trauminhalte), ist eine solche permanente Erscheinung, die in ihrer omnipräsenten verführerischen Laszivität schon fast wieder ein Pluspunkt ist, denn es gibt Kitsch, der im richtigen Kontext die Nähe zum Kult in sich birgt. Diese Bilder sollten, so finde ich, gemeinsam mit dem Haus den energischen Schutz der Denkmalsbehörde beanspruchen dürfen. Und ich weiß, wovon ich spreche.


Foto © Frank Becker

G
eschätzter Wanderer, möchtest Du also einmal ein Zeit-Reisender sein, weißt Du was zu tun ist...