... damit ich nichts vergesse!"

Erinnerungen an Mario Vargas Llosa

von Hermann Schulz
„ ... damit ich nichts vergesse!"
 
Die hohe Luftfeuchtigkeit hatte die Polstermöbel angegriffen. Sechs Monate waren der Dichter Mario Vargas Llosa und seine Frau nicht in Lima und hatten ihre Wohnung im 8. Stochwerk nicht betreten. Als ich ankam, wuchteten sie die schweren Kissen zum Lüften auf den Balkon. Von hier aus hatte man einen grandiosen Blick über Lima. Ich besuchte ihn 1981, wir saßen in seinem Arbeitszimmer, seine charmante Frau brachte uns Kaffee und Gebäck. (War sie es, deretwegen er sich mit Gabriel García Marquez am Flughafen von Lima geprügelt hatte? Nach solchen Klatschgeschichten kann man nicht fragen, wenn man sich zum ersten Mal begegnet.)
Ich erzählte ihm, dass ich häufig mit Nicaragua und seinen Dichtern zu tun habe. Das interessierte ihn, denn er plante eine Reise in das revolutionäre Land, um ein Buch darüber zu schreiben. Zu meinem Erstaunen fragte er nach Carlos Martinez Rivas, er sei ja doch sicher der größte unter allen Dichtem Zentralamerikas. Ich kannte Carlos, war ihm in der Universität von Costa Rica 1972 im Büro von Sergio Ramirez begegnet. Der eher unscheinbare Mann in ungebügeltem Kamm­garnanzug und mit Krawatte, zog damals meine Aufmerksamkeit nur auf sich, weil man erzählte, er habe testamentarisch und notariell festgelegt, nie dürften seine Gedichte in eine fremde Sprache übersetzt werden und nie ein Buch von ihm mit einem Foto des Autors erscheinen. Letzteres wunderte mich, selten hat ein Autor so viel Einsicht!
Nein, er sah nicht aus wie ein Mann, der gute Gedichte schreibt. Aber wie sieht so jemand aus? Charismatisch natürlich,, bärbeißig wie Karl Otto Mühl, ein bißchen verrückt vielleicht wie Hölderlin, oder schön wie Friedrich Schiller. Alles das und vieles mehr!, aber nicht wie Carlos Martinez Rivas. So jemand passt in ein Finanzamt, oder in eine Stadtverwaltung ... Wären mir nicht immer wieder seine wunderbaren Gedichte in die Hände gefallen, hätte ich ihn sicher vergessen. Von Freunden hörte ich, er sei nach und nach dem Alkohol verfallen, verursache im Suff ent­setzliche Skandale, sei völlig aufgeschwemmt und dem Tod nah, mit allen anderen Dichtern Nicaraguas und mit dem Rest der Welt verfeindet. Auch sei es gefährlich, ihn im Auto mitzuneh­men, er uriniere ungeniert und in großen Mengen wie ein Pferd, wo immer es ihm paßte.
Der Journalist und Filmemacher Theo Schneider überredete mich, noch einmal zu versuchen, einen Vertrag mit Carlos für eine deutsche Ausgabe seiner Gedichte zu schließen, er sei doch der Größte von allen ... Außerdem sei er inzwischen so heruntergekommen, daß er nicht mehr lange zu leben habe. Jetzt sei vielleicht der richtige Augenblick, ihn zu überreden.
Nun ist das kein Argument für eine teure, vielleicht unverkäufli­che Gedichtausgabe. Aber immer, wenn ich seinen Namen hörte in all den vergangenen Jahren, klangen jene unvergleichlichen süßen, starken Verse in mir nach, von körperlicher und anderer Liebe, von Dimensionen der Religiosität, die mir nie sonst begegnet waren, von Duft und Dünstungen des Lebens, wie wir es aus eigenen Jugend­sehnsüchten kennen und so leichtfertig vergeudet haben. Vielleicht, dachte ich, hatte diese immer wiederkehrende Erinnerung an Carlos eine Bedeutung.
Im Januar 94, ich hatte ohnehin in Nicaragua zu tun, wollte ich ihn sehen. Einen Vertrag hatte ich vorbereitet in der Tasche, als ich mit meinem Freund, dem Dichter Julio Valle, an seiner Wohnung vorfuhr. Von außen war kein Leben zu erkennen. Der spärliche Rasen vor dem Haus ungepflegt, die schmutzige Vorhänge zugezogen, die Tür verschlossen, das Gartengatter mit einem Schloß versperrt.
Julio ruft: Carlos, Hermann ist hier! Immer wieder ruft er. Bis der Vorhang zur Seite geht. Carlos macht sich an der Tür zu schaffen, öffnet ein Dutzend Schlösser und schlurft murmelnd zur Gartenpforte, sucht den Schlüssel, sperrt auf. Er trägt Sandalen und einen verschlissenen, unsäglichen Mor­genrock. Ich sehe seine offenen Beine und nehme den durchdrin­genden Geruch von Rum, Schweiß und Urin wahr, als er mich um­armt. Ja, er erinnert sich an jede unserer wenigen Begegnungen.
Das Haus ist praktisch leer von den üblichen Möbeln. In seinem Zimmer steht ein überladener Schreibtisch voller Papiere und Bücher, daneben ein Tisch, eben­falls vollgepackt mit Schriften und Büchern. Aus einem Neben­zimmer zerrt Carlos mit nervösen, schleppenden Bewegungen zwei Schemel und stellt sie uns bin. Ich betrachte diese Mönchs­zelle. Die grauen Wände sind vollgeschrieben mit Gedichtzei­len, Zitaten, Daten und unlesbarem Gekritzel. Über der Tür der Satzfetzen: ,,... wäre doch nur dies, die Liebe". Carlos setzt sich nicht, beginnt einen langen Monolog, sucht nach Büchern, schlägt sie auf, zitiert Poe und Pound, Whitman, Proust und Neruda. Pausen legt er nur ein, um sich mit zittrigen Lippen seinem Rum-Becher zu widmen. Meine Versuche, ihn zu unterbrechen, nimmt er nicht wahr, so daß ich zwischendurch flüsternd an Julio Fragen richten kann.
Ein paar Freunde bezahlen eine Zugehfrau, die dreimal die Woche kommt. Und sie bezahlen seinen Lebensunterhalt, so gut es geht. Er nimmt außer Rum kaum noch etwas zu sich, trotzdem ist sein Bauch dick wie eine Trommel.
Das Gesicht dieses Dichters zeigt während seines Monologs bewegen­de Wandlungen, wird zur höhnischen Grimasse, zum weinerlichen Kindsgesicht, zum selbstbewußten, auftrumpfenden Antlitz oder zum romantisch-träumenden Abbild seiner Jugend. Für ihn gibt es nur noch die Dichtung, sie lebt ihn, sie liebt ihn, sie peinigt ihn, läßt ihn die Welt begreifen und vergessen mit allen den Liebschaf­ten, die er einst gelebt hat. Dieser Alkoholiker hat nicht dessen Gesicht, obwohl der Alkohol es zerstört hat. Kein Idiot spricht da zu uns, auch wenn die scheinbare Sinnlosigkeit seines Geredes uns schwindlig macht. Er springt von Thema zu Thema, wühlt nach Gedichtzeilen, als hinge die Welt davon ab, fasst sich verzweifelt an die Stirn, kratzt die Schwären an seiner verschwitzten Brust, bis eine Zeile wieder da ist, die für ihn und für uns jetzt gesagt werden muß, legt weinerlich oder wütend ein Buch zur Seite, dessen Seiten Zeile um Zeile farbig markiert sind. Mir gelingt es, ihn nach den Markierungen zu fragen. Er antwortet kurz: Damit ich nichts vergesse ...
Er weiß mehr von Literatur, als ich je geahnt habe, daß man von Literatur wissen kann.  Sie hat ihn scheinbar besiegt, in eine unsanfte untröstliche Einfalt gehüllt.
Julio ist ebenfalls erschöpft, er ist blaß. Ich spüre, wie ihn der Besuch an­strengt. Er kommt jede Woche einmal hierher, um mit Carlos zu sprechen, ihm zuzuhören. Von den Geruchswellen bei jedem Windzug wird mir flau im Magen. Nach zwei Stunden schließlich stehe ich auf, lege den Vertrag auf den Tisch und bitte Carlos, zu unterschreiben, wie am Telefon verabredet. Wortlos nimmt er seinen Füllhalter und unter­schreibt. Er stimmt auch zu, daß Julio die Auswahl macht, und nicht er selbst. Ich fühle mich wie ein Verräter, als ich ihm fünfhundert Dollar in bar gebe. Er stopft das Geld achtlos in die Tasche seines Morgenmantels.
„Welchen Titel willst Du nehmen?"
Ich bin überrascht. „Das werden wir sehen, ich habe noch keine Idee."
„Nenn das Buch 'Alte Gedichte und neue'", sagt er in fließen­dem Deutsch; ich hatte keine Ahnung von seinen Deutschkenntnis­sen, „nicht 'Alte und neue Gedichte', das ist was anderes, verstehst Du?"
Ich verstehe gar nichts, beruhige ihn aber, keinen Titel ohne seine Zustimmung zu wählen. Er bittet uns, ihn im Wagen zur nächsten Ecke mitzunehmen, wo sich ein Verkaufsstand für Rum befindet. Er schwankt, hält sich an der Theke fest, drückt eine Flasche an seine Brust.
Danach habe ich ihn nicht wiedergesehen.
Julio schlägt mir vor, den Vertrag mitzunehmen, um ihn zu kopieren, dem Autor eine Kopie zu bringen und mir das Original auszuhändigen. Julio fand vor meiner Abreise den Vertrag nicht wieder und verspricht, ihn mir mit der Post zu schicken. Er ist nie angekommen, das Buch nie erschienen. Manchmal habe ich gedacht, es sei vielleicht besser so.
Ein halbes Jahr später ist der Dichter gestorben; die Regierung gab ihm ein Staatsbegräbnis mit allen Zeremonien. Carlos hätte darüber noch einmal Spott und Hohn gegossen, vielleicht auch über meinen Versuch, ihm einen Verlagsvertrag abzuschwatzen.
 
 
 
© Hermann Schulz – Erstveröffentlichung in dieser Form in den Musenblättern 2010