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Die Kolumne am Mittwoch

von Friederike Zelesko

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Die Kolumne am Mittwoch
von  Friederike Zelesko



In der Sitzreihe rechts hält ein Mann seine Spiegelreflexkamera griffbereit. Neben ihm redet pausenlos eine Frau mit grell geschminktem Mund und einem Golddukaten-Ohrgehänge, das rhythmisch mit dem fahrenden Zug schwingt.
            In diesem Rhythmus schwinge auch ich. Ich fahre im ICE – im luxuriösen Großraumwagen. Der Platz neben mir ist frei. Ich genieße das, und richte mich mit einem Buch, einem Notizblock und meinem Lieblingsstift auf eine Zehnstundenfahrt ein. Zu dieser Reise nach Undorf – ein Ort am Rande des Winters – habe ich mich ganz spontan entschlossen.
            In den neuen ICE-Zügen gibt es Schiebetüren mit automatischer Öffnungshilfe und selbsttätiger Schließung. Das finde ich sehr praktisch. Kein hastiges Absetzen und Aufnehmen meines Gepäcks mehr, mit gleichzeitigem Öffnen der Verbindungstüren von einem Waggon zum anderen. Keine Reisetasche verläßt meine Hand. Ich habe alles fest im Griff. Stellen Sie sich vor, kein Stolpern über einen Koffer in den Gängen! Dafür gibt es rechts und links im Innenraum des stromlinienförmigen Waggons großzügige Gepäckregale, wo sich mein Koffer sauber an den anderen lehnt. Ich nehme sorglos im Großraumwagen Platz. Der Platz wurde selbstverständlich für mich reserviert. Apropos sauber, auch für die Sauberkeit des Zuges ist ausreichend gesorgt. Große Abfallbehälter hängen neben den Gepäckregalen und in den Einstiegsräumen. Dort ist auch ein Hinweisschild zum Zugrestaurant.
            Im Rahmen der Aktion „TV-Köche tischen auf“ unterstützt die Deutsche Bahn in den Bordrestaurants ein Hilfsprojekt für Afrika. Ein ganzes Jahr werden jeden Monat zwei Hauptgerichte und eine Suppe eines bekannten Fernsehkochs serviert. 50 Cent von diesen Gerichten gehen an die Stiftung: Menschen für Menschen. Immerhin. Das ist lobenswert und ich nehme mir vor, später „Brasato“ mit Polenta und Ratatouillegemüse von der Hamburger Sterneköchin Cornelia Poletto zu probieren, um mich für Afrika stark zu machen. Übrigens „Brasato“ ist das italienische Wort für Schmorbraten.
            „Dort wo ein gedeckter Tisch mit gutem Essen steht, schlägt der Puls, herrscht Geselligkeit und Miteinander“, sagt Cornelia Poletto. Das mag vielleicht in ihrem Restaurant in Hamburg gelten, im Bordrestaurant sitzen nur zwei Leute als ich es betrete, und ich schaue mich verzweifelt nach der Geselligkeit um. Aber ein Miteinander gibt es dennoch – mit der Landschaft, die an mir vorbeifliegt, die sich mir so unvermittelt preisgibt und mir beibringt, wie man sich diese auch ohne Kamera einverleibt: Wenn die kalte Sonne über die Ebene wandert, fällt ihr Strahl auf einen Baum. Schon winterfest gerüstet, hält der Baum nur noch eine handvoll Laub zwischen den Zweigen. Bald wird es ins Winterquartier fallen, sachte wie Schnee.



© Friederike Zelesko - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2010