Ein inspirierender Schul-Klassiker

So wie du mir. - Variationen auf "Die Judenbuche"

von Martin Hagemeyer
Ein inspirierender Schulklassiker
 
Ein Junge namens Friedrich wächst bei seinem zwielichtigen Onkel auf. Eines Tages wird er Zeuge, wie dieser den Förster des Dorfes ermordet. Als der Onkel ihm eröffnet, Friedrich sei in Wahrheit sein inzestuös gezeugter Sohn, tötet der Junge ihn – just an einer alten Eiche, wo einst sein vermeintlicher Vater erfroren war.
Wem diese Inhaltsangabe dunkel bekannt vorkommt, der lasse sich durch den Hinweis „Droste-Hülshoff“ auf die Spur bringen; denn mit ihrer Novelle „Die Judenbuche“ liegt man fast richtig. Aber eben nur fast: Wie war das noch mit dem Vater bei der Droste? Und… warum eigentlich „Eiche“?
 
„So wie du mir“ heißt das Buchprojekt des Pendragon-Verlags, das 19 Variationen des „Sittengemäldes aus dem gebirgigten Westfalen“ enthält, wie der Untertitel der „Judenbuche“ lautete. Ebenso viele Autoren und Autorinnen, darunter so bekannte Namen wie Judith Kuckart, Tanja Dückers oder Hugo Dittberner haben sich die vielgehaßte Schullektüre vorgenommen und sie zur Grundlage neuer Texte gemacht. Das Original erzählt die Geschichte eines Halbwaisen, der unter Mordverdacht in die Ferne flieht, nach Jahrzehnten in sein Dorf zurückkehrt und sich als ein anderer ausgibt; schließlich erhängt er sich am Tatort – der Buche, in die eine hebräische Verwünschung eingeritzt ist. Davon inspiriert sind nun sehr unterschiedliche Texte entstanden.
 
Einige, wie Stefan Brams‘ innerer Monolog „Friedrich Mergel – Ein Geständnis“, variieren vor allem die Täterschaft und bleiben stark bezogen auf die Ursprungsnovelle. Hier ist Friedrich gleich dreifacher Mörder – am Förster, an dem Juden Aaron und an Johannes, seinem Doppelgänger. Interessanter erscheinen diejenigen Versuche, die auch für sich allein stehen könnten, wie Stefanie Vierecks „Vor dem eigenen Schatten“: Dabei überfällt der überhebliche Friedrich die verwirrte Mutter des Außenseiters Johannes; die Flucht um die Welt wird zur Verfolgungsjagd, und am Ende beobachtet Johannes genüßlich, wie sein Rivale in der Wüste zugrundegeht. Noch eigenständiger ist „Das Harmonium“ von Tanja Dückers, eine Künstlergeschichte im Zweiten Weltkrieg: Friedrich stirbt als Soldat, sein jüngerer Bruder kann zu Hause bleiben, das titelgebende Instrument spielen und wird Pianist – später erfährt er, daß die Eltern es einst verfolgten Juden zum Schleuderpreis abgeknöpft haben. Jenny Erpenbeck schließlich entfernt sich vollends von der Vorlage: Ihre traurige Episode „Frisch und g’sund“ um zwei alt gewordene Mütter hat mit der „Judenbuche“ nicht viel mehr gemein als die Themen Vergangenheit und Selbstmord.
 
Würde Annette von Droste-Hülshoff heute neben all diesen Autoren bestehen, wenn sie an dem Projekt „So wie du mir“ teilnehmen würde? Diese scherzhafte Frage im Nachwort kann man getrost bejahen. „Die Judenbuche“ besticht nach wie vor – etwa durch die psychologischen Aspekte oder durch die raffinierte Komposition, die den Leser immer wieder in die Irre führt. Eines aber kann die große Dichterin, anders als ihre Nachfolger, nicht bieten: das besondere Vergnügen, wenn man sich während der Lektüre einer der Variationen fragt: Kurzkrimi, Sozialdrama oder traumartiges Stimmungsbild – was wird diesmal aus der Droste?
 
Beispielbild

So wie du mir.
19 Variationen über „Die Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff

Günther Butkus / Frank Göhre (Hg.):.
 
Mit der vollständig abgedruckten „Judenbuche“ von Droste-Hülshoff und einem Nachwort von Walter Gödden,
 
© 2010 Pendragon Verlag, Bielefeld.
301 Seiten, Paperback  ISBN:978-3-86532-200-5
€ 12,95.

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