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Die Kolumne am Mittwoch

von Friederike Zelesko
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Die Kolumne am Mittwoch
von  Friederike Zelesko


Das meistbesuchte Gebäude am Alten Markt ist das Haus Nr. 9. Schon vor Mozarts Zeiten kaufte der Sohn eines nach Salzburg gekommenen Tenors ein Kaffeehaus, aus dem dann das „Café Tomaselli“ wurde. Anton Romako schrieb 1877: „Hier ist echte österreichische Provinz, im Caffee Tomaselli sitzen die Offiziere nur unter sich und da ist der Zusammenkunftsort aller Eleganz.“
            Von der besagten Eleganz blieben die Lüster, die alten Ölgemälde an den holzvertäfelten Wänden mit Einlegearbeiten, die samtüberzogenen Bänke und die runden Marmortische. Alles ein wenig abgenutzt. Auch der Griff nach den Zeitungen aus aller Welt ist bald abgenutzt – das Gedruckte über Nacht schon Makulatur.
            Heute sitzen alle unter sich und sobald die Tasse Mocca schwarz oder gold (mit Obers) serviert ist, folgt eine typische Bewegung: der Riß in das Zuckerpäckchen. Elf Sorten Kaffee werden von den Kellnern mit schwarzen Fliegen und blendend weißen Hemden gebracht, mit diesem unvermeidlichen Glas Wasser daneben. Nach dem ersten Schluck dieses sündhaft starken Genusses weiß man auch warum. Schließlich gibt es empfindliche Mägen.
            Doch dem Genuß sind noch lange keine Grenzen gesetzt. Die hausgemachte Mehlspeis in Form von Torten, darunter die beliebte Mozarttorte, Cremeschnitten, Strudel und Guglhupf etc., winken hinter einem gekühlten Büffet mit Glastüren. Diese öffnen und schließen sich unter den Händen der Kuchenmädchen. Mit den Rüschenvolants an den Trägern und Säumen der weißen Schürzen über dem schwarzen Kleid unterstreichen diese das Flair von drei Jahrhunderten. Die Mädchen stellen eine Auswahl dieser Köstlichkeiten auf ein riesiges Tablett, das sie anschließend auf eine ihrer Schulter stellen und mit der flachen Hand ausbalancieren. So ausgestattet gehen sie von Tisch zu Tisch und stellen die süße Pracht direkt vor die Augen der Gäste. Kaum einer kann diesem Anblick widerstehen. Mit silbernen Zangen fassen die Kuchenmädchen geschickt nach den Torten und Kuchen, stellen sie auf die Teller und kassieren sofort. Das Kuchengeschäft floriert.
            Der süße Duft der Kuchenmädchen, in doppelter Bedeutung, zieht sich durch das ebenerdig gelegene Ur-Café hinauf ins Obergeschoß und auf die Sonnenterrasse mit Blick auf die Festung Hohensalzburg. Bereits drei Jahre vor Mozarts Geburt erhielt Karl Tomaselli, der nun auf dem Friedhof St. Peter ruht, für seine Verdienste um die Kaffeehauskultur Wappen und Titel: „Hochfürstlich Hoffbefreyter Caffee Süder und Chocolatmacher“.
            Der frische Teint des Kuchenmädchens strahlt, als eine Gruppe amerikanischer Touristen fragt, wo sie Platz nehmen soll. „Wherever you want“, ist ihre Antwort. Doch das ist nicht so einfach, denn das Café ist immer voll und da ist es nicht verwunderlich, wenn der Kellner schon mal kommt und kassiert, falls man etwas zu lange sitzt. Er zückt einen dieser altmodischen, schmalen Blocks der Brauerei Trumer, auf dem man unter der schnell im Kopf errechneten Summe des Verzehrten den Spruch lesen kann: „Einfach leben!“
            Da hält man sich auch an die Tradition, passend zu den Messinglampen aus Milchglas und Messinghaken an den runden Holzsäulen. Die Säulen stützen eine blendend weiße Stuckdecke und an der Rückwand gibt es einen großen Spiegel, der den Raum um ein Vielfaches erweitert. Man möchte hineinsteigen und für immer bleiben.
                       

© Friederike Zelesko - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2010