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Die Kolumne am Mittwoch

von Friederike Zelesko
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Die Kolumne am Mittwoch
von  Friederike Zelesko


Beeke hatte ich an einem naßkalten Novembertag kennengelernt. Wir hatten beide das gleiche Problem. Übergewicht. Immer bevor wir zu Weight Watchers gingen, trafen wir uns im Teehaus in der Nähe der Sophienkirche. Wir liebten beide den Duft der vielen Teesorten. Sie trank bevorzugt Rooibos, mal mit Erdbeer-Aroma, mal mit Vanille-Aroma. Ich trank meistens Jasmintee. 
Beeke hatte viel Humor. Als ich einmal schon im Teehaus auf sie wartete und an einem Tisch saß, kam sie lachend auf mich zu und reichte mir einen Strauß bunter, leuchtender Herbstblätter:
„Würde es dir was ausmachen, auf der Bank dort drüben zu sitzen?“
Ich saß an einem Tisch in einem Korbstuhl, in dem ich eben noch hineinpaßte. Beeke wollte es offensichtlich nicht darauf ankommen lassen. Sie hatte ein schönes Gesicht, das ihre Fülle vergessen ließ, außerdem kleidete sie sich sehr geschickt und sie schrieb wunderbare Gedichte. Es kam wie es oft kommt mit Menschen die uns über den Weg laufen - wir verlieren sie. Sie fand den Weg zurück in ihre Heimat Holland – da hatten wir beide so um die zwanzig Pfund abgenommen. Unsere Begegnung war also erfolgreich. Ein Gedicht lag bis heute bei mir in einer Mappe, und als ich es wiederfand, war ich berührt von den Novembergedanken darin, die in einem Leib „herumirrten, ihn hungern, frieren, austrocknen und verenden“ ließen. Natürlich hatte ich ihr damals geantwortet. Ich fand, daß das wichtigste Wort in ihrem Text das Wort TOR sei. Alles andere leite sich wie von selbst ab. Ich schenkte ihr meine Überlegungen:
           
            TOR
            Offen ist es wie das o.
            Geschlossen wird es vom T und r.
            Ein offenes und ein geschlossenes Wort ist es:
            Das Tor läßt sich schließen.
            Hinein geht das Persönliche,
            das Geschützte,
            das Versteckte.
            Das Tor läßt sich öffnen.
            Heraus kommt das zur Schau gestellte,
            das Befreite, das Entdeckte.
 
Jetzt, wo ich dies schreibe, würde ich Beeke gerne wiedersehen, aber ich beuge mich der Unausweichlichkeit von Schicksal, das uns in viele Richtungen und durch viele Tore führt, und wir stehen immer wieder allein vor diesem Ausschnitt, den ein Tor einfängt vom großen Ganzen.
In dem Augenblick aber, wo uns alles verloren scheint, erreicht uns zuweilen die Stimme die uns retten kann; man hat an alle Tore geklopft, die auf nichts führen, vor dem einzigen aber, durch das man eintreten kann, und das man vergeblich Jahre lang hätte suchen können, steht man, ohne es zu wissen, und es tut sich auf.“
 
Dieser Satz von Marcel Proust hätte auch Beeke gefallen.
           


© Friederike Zelesko - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2010
Redaktion: Frank Becker