bis Z

Die Kolumne am Mittwoch

von Friederike Zelesko

… bis Z
 
Die Kolumne am Mittwoch
von  Friederike Zelesko



Es treibt der Wind im Winterwalde die Flockenherde wie ein Hirt, und manche Tanne ahnt, wie balde sie fromm und lichterheilig wird, und lauscht hinaus. Den weißen Wegen streckt sie die Zweige hin – bereit, und wehrt dem Wind und wächst entgegen der einen Nacht der Herrlichkeit -


So hat sich Rainer Maria Rilke zur vorigen Jahrhundertwende in Adventsstimmung gebracht. Seitdem hat sich nicht nur das Jahrhundert gewendet, sondern auch das Jahrtausend, und die Lichter werden schon vier Wochen vor der „einen Nacht“ auf den Plätzen der Stadt, in den Geschäften und Märkten heilig. Der Frömmigkeit der Tannen hilft das wenig, wenn sie schon lange vor der Zeit abgeholzt und in den Beton gepflanzt werden. Dafür aber hilft das dem Kommerz. Man hofft auf ein florierendes Weihnachtsgeschäft – koste es was es wolle. Da bringt man schon mal den Wald in die Stadt. Als ich kürzlich am Niederrhein mit dem Auto unterwegs war, sah ich erstaunt, daß sogar jeder Kran, Bagger und Bauwagen nachts einen leuchtenden Tannenbaum wie ein flammendes Schwert schwingt.
            Folgendes hat sich in meiner Kindheit zugetragen. Die Zeit nach dem Krieg war mager und man mußte sich schon was einfallen lassen, um die Kinderaugen zum Leuchten zu bringen. Nachts ratterten die Nähmaschinen auf den Puppenkleidersäumen und die Laubsägen fraßen sich durch Sperrholzplatten. Heimlich wurde genäht, gesägt, genagelt, gemalt und geklebt. Manches wurde erst in letzter Minute fertig und durfte noch nicht angefaßt werden, so wie der von uns heißgeliebte, große, rote Autobus – frisch gestrichen stand auf einem Schild davor.
            Die Geschichte eines mißglückten Weihnachtsgeschenkes, das letztlich doch ein Geschenk wurde, schrieb mir mein Bruder in einem Brief:
 „Unsere Mutter wollte mir zu Weihnachten 1951 einen Wintermantel schenken – einen damals modischen, grünen Hubertusmantel. Zuversichtlich und voller Freude fuhren wir nach St. Pölten und begaben uns in der Kremser Strasse in das Modegeschäft Fürnkranz, nächst dem Hauptbahnhof. Verlegen und verschüchtert unsere Mutter: 'Ich hätte gern einen Wintermantel für mein Burscherl'. Ja, sie sagte einfach Burscherl. So hatte sie mich Zwölfjährigen noch nie genannt. Sie war eben sehr unsicher, weil sie nur wenige Schillinge in der Tasche hatte, was ich nicht wußte. Der Verkäufer hatte die gewünschte „Ratenzahlung“ dann abgelehnt und uns den bereits verpackten Wintermantel wieder abgenommen. Offensichtlich waren wir nach seiner Einschätzung nicht kreditwürdig. Wieder in der Kälte auf der Straße, hatte unsere Mutter bitterlich geweint. Ich hatte sie beruhigt und ihr gesagt: 'Schau, es kommt in einigen Wochen doch der Frühling. Wozu brauch ich einen Wintermantel.' Der Frühling kam und der Wintermantel war längst vergessen. Etwas schenken zu wollen mit so viel innerer Bewegung ist wohl das wunderbarste, in der Erinnerung bleibende Geschenk.“


© Friederike Zelesko - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2010