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Die Kolumne am Mittwoch

von Friederike Zelesko

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Die Kolumne am Mittwoch
von  Friederike Zelesko


Vor den Gänsen muß man sich in Acht nehmen, sagt man. Sind sie tatsächlich wie ihr Ruf, schnatternd, hinterhältig und wichtigtuerisch? Müssen sie deshalb am Ende des Jahres ihr Leben lassen, frage ich und werde dabei gleichzeitig belehrt: „Sie schmecken in den letzten Monaten des Jahres am besten und sind am bekömmlichsten!“ Gleich eine Reihe von Festtagen kommen uns gelegen sie auf den Tisch zu bringen, angefangen mit St. Martin. Es gibt kaum ein Restaurant in Wuppertal, das nicht wirbt mit: Gans lecker, Gans knusprig oder Gans zu Ihren Diensten! Solche Sprachspielereien sind gar nicht mehr originell.
            Im vorelektrischen Zeitalter war der Mensch voller Angst, wenn das Jahr alt und schwach wurde und die Tage kürzer. Dann gab es etwas das tröstete, nämlich den Gänsebraten, der Magen und Seele erquickte, wenn es draußen stürmte und schneite. Auch ein Augustinerpater des beginnenden 18. Jahrhunderts fragt:
            „Warum aber wird Martinis Bild einer Gans zugemahlet? Sogar in Bauernkalendern wird man statt seines Bildnis eine Gans sehen. Warumen das? Wo hat Martinus Gansfleisch gegessen? Das wird nirgendwo in seinem Leben gelesen. So geschieht es anheut, viel tausend Gäns' müssen auf dem Kuchelfeuer zum Brandopfer werden.“
            Das Christentum hatte einfach das heidnische Erntedankfest zum Martinstag gemacht und Wotan, den Anführer der wilden Reiter, in die Rauhnächte verbannt. Seine Gans blieb und verwandelte sich vom Korndämon in die Martinsgans. Bis heute feiert sie den Sieg über die bösen Geister - klassisch mit Kraut und Knödeln.
            „Gänse stehen gern auf einem Bein. Wenn sie jung sind, ist das Standbein besser, weil muskulöser, fleischiger. Bei alten Tieren sind die Keulen des Spielbeins zart, während das Standbein sehnig, zäh und ungenießbar wird“, so steht es in meinem Kochbuch. Da muß sich der Ganslkenner schon beim Tranchieren entscheiden, was er lieber hat, Stand- oder Spielbein. Die Frage: Fleisch- oder Fettgans wurde von meiner Großmutter zugunsten des Fetts entschieden, denn das Ganslschmalz erinnerte uns noch lange nach Weihnachten an den Festtagsbraten.
            Ständiges Zupfen von Gras. Ein strahlend weißes Federkleid nach der Reinigung mit dem  Schnabel. Manchmal liebevolles Schnattern und Schnäbeln mit der Nachbargans. Heben der Flügel mit Schütteln und Plustern. Majestätisches Watscheln mit Heben und Senken der Schwanzfedern. Zufriedenes Schnattern bis aufgeregtes Kreischen bei der Fütterung.
            Wenn Sie, lieber Leser, in dem kleinen, ostfriesischen Dörfchen Berumerfehn dieses Gänseglück gesehen hätten so wie ich, könnten Sie dann noch einen Gänsebraten genießen? Zu Silvester gibt es einen Karpfen...



© Friederike Zelesko - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2010