Deutschlands schönster Buchladen

Thalias neue Filiale im ehemaligen Bonner Metropol-Kino

von Rainer K. Wick

Foto © Rainer K. Wick
Deutschlands schönster Buchladen

Thalias neue Filiale im ehemaligen
Bonner Metropol-Kino
 
 
Persönlicher Rückblick
 
Ich erinnere mich noch wie gestern: es war 1953 oder 1954 als ich, damals noch ein Kind, im Rahmen einer Sonntagsmatinee das Vergnügen hatte, einen meinen ersten Kinofilme sehen zu dürfen. Der Film: Walt Disneys für die damaligen Verhältnisse sensationeller Dokumentarfilm „Die Wüste lebt“. Ort des Geschehens: Das Bonner Metropol-Filmtheater am Markt. Von dem Film war ich tief beeindruckt. Daß es sich bei den Räumlichkeiten des Kinos um ein architektonisches Schmuckstück aus einer versunkenen Epoche handelte, vermochte ich damals noch nicht zu erkennen. Es mußten Jahre vergehen, bis ich in Bonn das Studium der Kunstgeschichte aufnahm und ein Freund, der an der TH Aachen Architektur studierte, mir die Augen für die Baukunst des 20. Jahrhunderts öffnete. Doch unser Blick war zunächst verengt auf die Heroen der Moderne, etwa auf die „Drei Meisterarchitekten – Le Corbusier, Mies van der Rohe und Frank Lloyd Wright“, wie der Titel eines damals gerade erschienenen und bis heute lesenswerten Buches von Peter Blake lautete. Und so dauerte es nochmals Jahre, bis mir allmählich dämmerte, daß Bonn mit dem Metropol-Kino mitten im Herzen der Stadt über ein architekturgeschichtlich bedeutsames Gebäude aus den späten Zwanziger Jahren verfügte, dessen Fassade zwar durchaus Züge der zeittypischen Sachlichkeit aufwies, dessen Inneres zugleich aber einem ganz anderen Stilkonzept verpflichtet war, nämlich dem eher „unsachlichen“, weil dekorativen Art Deco.
 
Triumph und Niederlage der Denkmalpflege
 
1928 nach Plänen des Architekten Toni Kleefisch erbaut und 1929 eröffnet, war das Metropol bis vor

Metropol-Filmtheater - Historische Aufnahme vor 1945
einigen Jahren eines der letzten erhaltenen Lichtspieltheater aus der Frühzeit des Kinos. Damit ist es nun endgültig vorbei. Wo jahrzehntelang Filme gezeigt wurden, Premieren stattfanden und Stars wie Luis Trenker, Asta Nielsen, Heinrich George, Marika Rökk, Gerd Fröbe, Zarah Leander und Claudia Cardinale zu Gast waren, werden seit Mitte November 2010 Bücher verkauft. Zur wechselvollen Geschichte des Gebäudes gehören nicht nur die kriegsbedingten Bombenschäden, die jedoch schon 1946 behoben werden konnten, sondern seit den Achtziger Jahren die wiederholten Versuche profitorientierter Investoren, die zunächst auf Abriß und Neubau, später auf eine Umnutzung der historischen Bausubstanz zielten. 1982 hatte die WWK-Lebensversicherung das Gebäude mit der Absicht erworben, an dessen Stelle eine Ladenpassage zu errichten. Dank heftiger Bürgerproteste gelang es ein Jahr später, das Metropol unter Denkmalschutz zu stellen. Begründet wurde diese Maßnahme mit der Bedeutung des Lichtspieltheaters „für die Geschichte des Menschen und damit auch für die Stadt Bonn, da es 1928, also zu einer Zeit erbaut wurde, als das Kino einen Entwicklungsstand erreicht hatte, der für die damalige Gesellschaft neben Theater, Oper und Konzert zum wesentlichen Unterhaltungsfaktor geworden war. Mit der Entwicklung des Kinos stellte sich aus architekturgeschichtlicher Sicht eine neue Bauaufgabe, nämlich in den Städten große Lichtspielhäuser zu errichten. Letztere hängen wie das Metropol in Bonn bautypologisch und baugenetisch insbesondere mit Theaterbauten zusammen. … Da die Großkinos seit den 60er Jahren aufgrund zunehmender Verbreitung des Fernsehens nicht mehr wirtschaftlich waren, wurde eine Fülle großer Lichtspielhäuser abgebrochen oder für andere Nutzungen umgebaut. Diese Negativentwicklung des Großkinos gibt dem Metropol seinen beachtlichen Denkmalwert, da die Bauaufgabe Großkino inzwischen Geschichte geworden ist und mit dem Metropol nur noch eines der wenigen Lichtspielhäuser dieser Art in unserem Lande erhalten ist. Außer den im Innern allerdings nur zum Teil erhaltenen ursprünglichen Details erweist die Fassade des Metropol zum Markt hin das Gebäude als typisches Werk mit vom Bauhaus geprägter Formensprache der 20er Jahre dieses Jahrhunderts.“


Foto © Thalia
Soweit einige Passagen aus dem Eintrag in die Denkmalliste der Stadt Bonn. Obwohl die hier
 
behauptete Prägung durch das Bauhaus doch etwas an den Haaren herbeigezogen erscheint, erwies der Bauhaus-Mythos im Ringen um die Feststellung der Denkmalwürdigkeit des Metropol einmal mehr seine enorme Durchschlagskraft. Vergeblich versuchte die WWK-Lebensversicherung in den folgenden Jahren, juristisch gegen die Eintragung des Lichtspieltheaters in die Liste geschützter Denkmäler vorzugehen und ihre Abrißpläne durchzusetzen. Vielmehr wurde sie – nachdem im hinteren Gebäudeteil bereits Abrißarbeiten stattgefunden hatten – verpflichtet, den Kinosaal und das Foyer originalgetreu zu rekonstruieren. 1990 konnte der Kinobetrieb im ursprünglichen Art

Kassenhäuschen - Foto © Rainer K. Wick
Deco-Ambiente wieder aufgenommen werden. 1993 erwarb die Ufa-Theater AG das Metropol, doch ging die neue Besitzerin 2002 in Insolvenz. Im Rahmen einer Versteigerung fand das traditionsreiche Haus im Dezember 2005 einen neuen Eigentümer, nämlich das Immobilienunternehmen Interboden in Ratingen. Im März 2006 wurde – angeblich wegen zu geringer Auslastung – das Kino geschlossen. Ziel des neuen Investors war eine „großflächige Handelsnutzung“, die allerdings mit Blick auf erforderliche Abriß- und Umbaumaßnahmen die Aufhebung der Denkmaleigenschaft erforderlich machte. Nach heftigen Protesten einer Bonner Bürgerinitiative und Rettungsappellen prominenter Künstler wie Johannes Heesters und Max Raabe sowie einem langen juristischen Tauziehen, das hier nicht in Einzelheiten darzustellen ist, entschied das Oberwaltungsgericht Münster im August 2008, daß das – in der Achtziger Jahren teilrekonstruierte – Gebäude in zu geringem Maße über originale Bausubstanz verfüge und nur noch der Fassade Denkmalstatus zukomme. Eine Revision dieser Entscheidung beim Bundesverwaltungsgericht wurde nicht zugelassen. Damit hatten endgültig ökonomische Interessen über den Bürgerwillen, das Begehren der Stadt Bonn auf Erhalt des Gebäudes und den Denkmalschutz obsiegt.
 
Umbau und Nutzungsänderung
 
Der Umbau des ehemaligen Lichtspieltheaters in ein mehrgeschossiges Ladenlokal mit Rolltreppen, Fahrstuhl und sonstigen Einbauten durch das Kölner Architekturbüro Michael erfolgte unter dem

Foto © Rainer K. Wick
Mäntelchen einer „kulturnahen Nutzung“ bei Berücksichtigung der „prägenden Elemente … der Kinoarchitektur“ – so die Appeasement-Rhetorik des Investors Interboden und des derzeitigen Nutzers, der Thalia Buchhandlung. Tatsächlich wurden zahlreiche Elemente des traditionsreichen Hauses gesichert und originalgetreu restauriert, etwa
– der goldene Bühnenrahmen mit den flankierenden Orgelprospekten, die an die Form amerikanischer Wolkenkratzer aus den Zwanziger Jahren erinnern,
– die Balkonlogen, wo zwei Sesselreihen der ursprünglichen Bestuhlung erhalten wurden und zum Schmökern einladen,
– die in zeittypischer Manier in Spritztechnik ausgeführten, geometrisierenden Wanddekorationen und last not least
– das aus dem ebenerdigen Eingangsbereich des früheren Kinos in das Untergeschoß translozierte ovale Kassenhäuschen, an dem die Cineasten erstmals 1929 anstanden, um ihre Eintrittskarten zu kaufen.
Das alles sind charmante, ja glamouröse Details, die die Attraktivität der neuen Thalia-Filiale zweifellos steigern und – im Zusammenspiel mit dem Café auf der ersten Etage mit Blick auf den Bonner Marktplatz – dem Wohlbefinden der Kunden gewiß zuträglich sind. Insofern ist es sicherlich nicht abwegig, von dem derzeit originellsten, ja schönsten Buchladen Deutschlands zu sprechen. Nur eines wird niemand behaupten können, nämlich daß es sich bei der Eröffnung der neuen Geschäftsräume um eine Sternstunde des Bestandsschutzes historisch bedeutender Bausubstanz gehandelt hätte.