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Die Kolumne am Mittwoch

von Friederike Zelesko
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Die Kolumne am Mittwoch
von  Friederike Zelesko


Unser Haus hat einen Keller. In einer dunklen Ecke häufen sich die Erdäpfel, daneben sind Futterrüben für die Ziegen und Schweine gestapelt, an der Wand, im Sand vergraben, liegt das Suppengrün. Dort bleibt es den ganzen Winter über frisch.

     Das Haus unserer Großmutter hat keinen Keller. Es hat eine Speisekammer. Dort stehen auf dem Regal das eingemachte Obst, die Marmeladengläser und Körbe mit Walnüssen. Getrocknete Zwetschgen, Birnen und kleingeschnittene Pilze liegen auf Packpapier ausgebreitet. Von der Decke hängen an Schnüren kleine Paprikaschoten und Kräuterbündel. Die Speisekammer hat ein winziges Fenster, hoch oben, mit einem Fliegengitter hinter der Glasscheibe.

     Im Vorhaus gibt es zwei Türen. Die eine führt in die Küche, die andere in das Zimmer. Dort stehen die Ehebetten, der Kleiderkasten und der Wäschekasten, die Nachtkästchen und an der Wand, zwischen den Fenstern, steht eine Psyche mit zwei Seitenspiegeln. In den Schubladen der Psyche liegen kostbare Dinge. Batisttaschentücher mit feinen Spitzen, Seidenrosen, kleine Sträußchen Wachsblumen, und unzählige Knöpfe aus Perlmutt und Hirschhorn, aus denen wir kleine Türme bauen.

     In der Psyche sehen wir uns das erste Mal von der Seite und von hinten an. Wir brauchen nur die Spiegel nach vorne zu klappen und sehen uns plötzlich wie der andere uns sieht. Im Zimmer riecht es nach Kernseife und Lavendel. In den großen Kästen gibt es Dinge, die uns verborgen sind. Die Kästen sind abgeschlossen, die Schlüssel abgezogen. Von der Küche aus kommt man in das Kabinett. Das Kabinett hat uns Kinder nie interessiert, immer nur das Zimmer. Manchmal, wenn unsere Großmutter in der Küche sitzt, ißt oder gerade beim Fenster hinaus schaut, schleichen wir uns in das Zimmer und sehen uns im Spiegel von hinten und von der Seite an. Wir fragen uns wer wir sind. Der Spiegel gibt keine Antwort, Vater, Mutter und Großmutter geben auch keine Antwort.

     Der Keller hat immer geantwortet. Immer wieder sind wir voller Furcht in den Keller gegangen und haben der Mutter Erdäpfel und Grünzeug für die Suppe geholt. Wir haben die Ziegen und Schweine mit Rüben gefüttert, und im Frühjahr haben wir die weißen Triebe von den Erdäpfeln herausgeschnitten. Eines Tages haben wir die Schlüssel für die großen Kästen bekommen und aufgehört, uns im Keller zu fürchten.



© Friederike Zelesko - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2011