Ré Soupault-Retrospektive in Mannheim

Noch bis 8. Mai in der Kunsthalle

von Rainer K. Wick
Ré Soupault-Retrospektive
in Mannheim

Die Kunsthalle erinnert an die Bauhäuslerin
und „Künstlerin im Zentrum der Avantgarde“
 
 
Als vor nicht allzu langer Zeit, 2007, im Berliner Martin-Gropius-Bau eine große Werkschau der Fotografien der Bauhaus-Künstlerin Ré Soupault aus den Dreißiger bis Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts stattfand, bedeutete das für einige Fotofreunde ein freudiges Wiedersehen mit fotografischen Arbeiten, die sonst nur selten zu sehen waren; für die Mehrheit der Besucher war es sogar eine spannende Erstbegegnung. Wer die Ausstellung in Berlin damals verpaßt hat, kann nun das Versäumte in der Kunsthalle Mannheim nachholen, wo Ré Soupault derzeit als „Künstlerin im Zentrum der Avantgarde“ vorgestellt wird. Im Unterschied zur Berliner Ausstellung wird in Mannheim nicht nur das fotografische Œuvre der Künstlerin gezeigt, sondern die „ganze Soupault“ in der erstaunlichen Breite ihrer künstlerischen Aktivitäten.
 
Von Erna Niemeyer zu Ré Soupault

Selbstporträt 1939 - © 2011 Ré Soupault/VG Bild-Kunst
 
Ré Soupault wurde 1901 als Meta Erna Niemeyer in Pommern geboren. Im Frühjahr 1921 ging sie nach Weimar, um am Staatlichen Bauhaus, das zwei Jahre zuvor von Walter Gropius gegründet worden war, zu studieren. Neben Gropius war es der Schweizer Künstler Johannes Itten, der mit seinem legendären Vorkurs und als künstlerischer Leiter zahlreicher Werkstätten das Profil des frühen Bauhauses maßgeblich beeinflußt hat. Fasziniert von Ittens kunstpädagogischem Konzept und dessen charismatischer Ausstrahlung, nahm die junge Bauhaus-Schülerin gleich zweimal an dem halbjährigen Vorkurs teil. „Wir lernten nicht malen, sondern lernten neu sehen, neu denken und zugleich lernten wir uns selber kennen. […] jetzt rückte der Mensch in den Mittelpunkt“, erinnert sich die Künstlerin in der Rückschau. Und in der Tat ging es am Bauhaus als der progressivsten Kunstschule des 20. Jahrhunderts zunächst keineswegs um kubische Flachdachbauten und Sitzmöbel aus Stahlrohr, sondern um die Utopie eines „neuen Menschen“ in einer „neuen Gesellschaft“. Die Mannheimer Ausstellung wie auch das begleitende Katalogbuch dokumentieren das inspirierende Umfeld, in dem die junge Bauhaus-Schülerin in den Jahren 1921 bis 1925 ihre künstlerische Ausbildung erfuhr – mit Lehrern wie Itten, Klee, Kandinsky, Schlemmer und Moholy-Nagy und mit  Studienkollegen wie Josef Albers, der später selbst Lehrer am Bauhaus wurde, sowie Otto Umbehr (bekannter als Umbo) und Werner Graeff, die beide als avancierte Fotografen bekannt wurden. 1923/24 arbeitete Erna Niemeyer als Assistentin des berühmten Experimentalfilmers Viking Eggeling, einem Protagonisten des abstrakten oder „absoluten“ Films. Der Dadaist Kurt Schwitters nannte sie – weshalb auch immer – Ré (wohl eine Abkürzung für Renate), und fortan ersetzte sie ihren Mädchenamen Erna durch Ré. 1926 heiratete sie den dadaistischen Künstler Hans Richter. Das Berliner Domizil des Paares wurde zum Dreh- und Angelpunkt der Avantgarde der Zwanziger Jahre. Doch schon bald scheiterte die Ehe, und Ré Richter, wie sie jetzt hieß, siedelte 1929 nach Paris über, wo sie bald Zutritt zum inneren Zirkel

Abreise der Pilger nach Mekka © 2011 RéSoupault/VG Bild-Kunst
der Künstleravantgarde fand – Man Ray, Foujita, Giacometti, Léger, Kertész, Florence Henri, um nur einige zu erwähnen. In der französischen Hauptstadt gründete sie ein anfänglich außerordentlich erfolgreiches Modestudio und Konfektionshaus, und hier lernte sie 1933 den Mitbegründer der Surrealismus Philippe Soupault kennen, dessen Ehefrau sie 1937 wurde. Aus Erna Niemeyer alias Ré Richter war Ré Soupault geworden. Mit ihrem Mann, der als Schriftsteller für diverse Zeitschriften arbeitete, bereiste Ré Soupault in der zweiten Hälfte der Dreißiger Jahre zahlreiche europäische Länder, von 1938 bis 1942 lebte das Paar in Tunesien. In der Zeit zwischen 1936 und 1942 entstand das herausragende fotografische Œuvre von Ré Soupault, meist im Zusammenhang mit Reportagen ihres Mannes, die von ihr mit einprägsamen Fotos illustriert wurden. 1942 mußten Philippe und Ré vor den Nazis aus Tunesien fliehen, gelangten in die USA und bereisten Mittel- und Südamerika. Nach ihrer Trennung 1945 blieb Ré Soupault zunächst in New York, kehrte aber schon 1946 nach Europa zurück, wo sie als Journalistin und Übersetzerin arbeitete. Neben Schriften von Romain Rolland und Lautréamont übersetzte sie vor allem Texte dadaistischer und surrealistischer Autoren wie Tristan Tzara, André Breton und Philippe Soupault ins Deutsche. Seit 1973 lebte sie wieder mit Philippe Soupault in Paris zusammen, 1996 verstarb sie in Versailles.
 
Das Neue Kleid
 
Diese knappe biografische Skizze, die das bewegte und ereignisreiche Leben Ré Soupaults im  „Zentrum der Avantgarde“ nur in gröbsten Umrissen anzudeuten vermag, belegt jenen Universalismus, der geradezu als ein Markenzeichen des Bauhauses gelten kann. Denn es ging dem Bauhaus – zumal dem frühen, Ré Soupault spricht von den „heroischen Jahren“ – nicht um die Ausbildung, ja Abrichtung berufstüchtiger Spezialisten, sondern um die ganzheitliche Erziehung von Generalisten (um einen Begriff von Bazon Brock aufzugreifen), die in der Lage sind, über den Tellerrand hinwegzuschauen und auch in Bereichen kreativ und zugleich kompetent zu agieren, die nicht Gegenstand des formalisierten Curriculums sind. So gab es am Bauhaus in Weimar weder eine Mode- noch eine Fotoklasse. Und doch hat Ré Soupault als Modeschöpferin wie auch als Fotografin hervorragendes geleistet.


Transformationskleid - Foto © 2011 Kunsthalle Mannheim

Zwar hatte sie am Bauhaus die sog. Werklehre in der Werkstatt für Weberei absolviert, doch entstanden dort, in der „Frauenabteilung“ der Schule, handgeknüpfte Teppiche sowie Gebrauchsstoffe, jedoch keine Entwürfe für Kleider. Im Paris der Dreißiger Jahre war es dann der bauhaustypische „universalistische“ Hintergrund, der Ré Soupault, damals noch Ré Richter, eine bemerkenswerte Karriere als Modemacherin ermöglichte. Ausgehend von einer fundamentalen Kritik an der unpraktischen Damenmode der damaligen Zeit, forderte sie – auch das war bauhausspezifisch – das sachliche Kleid für die berufstätige Frau. In der Zeitschrift „Die Form“ des Deutschen Werkbundes argumentierte sie 1930: „90 v.H. aller Frauen arbeiten heute, und diese 90 v.H. brauchen eine rationelle Kleidung.“ Ob dieses statistische Datum korrekt ist, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls war die Antwort Ré Richters der Entwurf des sog. Transformationskleides, eines schlichten Kleides, das tagsüber am Arbeitsplatz getragen und nach Dienstschluß umstandslos in eine elegante Abendrobe verwandelt werden konnte. Für die Ausstellung in der Kunsthalle hat die Mannheimer Modedesignerin Dorothee Schneider einige dieser variationsfähigen Kleidungsstücke nach alten Entwurfszeichnungen nachgeschaffen.
 
Die Neue Fotografie
 
„Bei null anfangen“ lautete ein gern zitiertes Motto am Bauhaus, und Ré Soupault hat dies wie folgt bekräftigt: „Unsere ganze Lebens- und Denkweise war darauf gegründet: neu anfangen, alles, was gewesen war, über Bord werfen […].“ Nachdem sie ihr Pariser Modestudio Mitte der Dreißiger Jahre aufgegeben hatte, erschloß sie sich mit erstaunlicher Schnelligkeit und Sicherheit die Prinzipien der sog. Neuen Fotografie, die sich damals in Gestalt des Neuen Sehens einerseits und der Neuen Sachlichkeit andererseits manifestierten. Beide Tendenzen lassen sich am Bauhaus mit Persönlichkeiten wie Laszló Moholy-Nagy (Neues Sehen) und Walter Peterhans (Neue Sachlichkeit) in Verbindung bringen. Allerdings hat Moholy-Nagy am Bauhaus offiziell nie Fotografie gelehrt, und Peterhans kam erst 1929 ans (Dessauer) Bauhaus, nachdem Erna Niemeyer die Schule in Weimar schon lange verlassen hatte. Gleichwohl hat die Künstlerin in ihre fotografische Arbeit gleichermaßen Sichtweisen und Gestaltungsprinzipien des Neuen Sehens mit seinen harten Schatten und seinen dezidierten Unter- und Aufsichten wie auch der Neuen Sachlichkeit mit ihrem nüchtern registrierenden Blick auf die Dinge einfließen lassen. Nicht nur als Zeitdokumente, sondern auch wegen ihrer künstlerischen Qualität bilden die Reportagefotos, die Ré Soupault in den anderthalb Jahrzehnten zwischen 1935 und den frühen Fünfziger Jahren geschaffen hat, einen der Höhepunkte des Fotogeschichte des 20. Jahrhunderts.


Streikende in Paris, 1936 - Foto © 2011 Nachlaß Ré Soupault/VG Bild-Kunst Bonn

Sie sind beredte Zeugnisse einer humanistischen Fotografie, der es nicht primär um das „interessante Bild“ zu tun ist, sondern immer darum, die Welt durch Bilder zu erklären und dabei der Würde der abgebildeten Menschen Rechnung zu tragen. In ganz besonderem Maße gilt dies für die Fotos, die Ré Soupault 1939 im „Quartier réservé“, im Prostituiertenviertel von Tunis aufnehmen konnte. Mit sicherem Gespür für die „magische Sekunde“ – Henri Cartier-Bresson sprach vom „entscheidenden Augenblick“ – ist es der Fotografin gelungen, jenseits von Sensationsgier und Voyeurismus das menschliche Antlitz der hier lebenden Frauen – verwaist, von ihren Männern verstoßen, gesellschaftlich ausgegrenzt – zu dokumentieren.
Abenteuerlich ist die Geschichte des Verlusts und der Wiederentdeckung eines Großteils der Negative. 1942 hatte Ré Soupault aus Tunis fliehen und alles zurücklassen müssen, auch ihr Fotoarchiv. Nach Kriegsende tauchte im Souk von Tunis eine Schachtel mit Negativen auf, die von einer Freundin der Künstlerin sichergestellt werden konnte. Doch erst in den Achtziger Jahren begann die Sichtung, sukzessive Aufarbeitung und schrittweise Veröffentlichung des fotografischen Œuvres von Ré Soupault durch Manfred Metzner, der auch in dem Katalogbuch zur Ausstellung einen informativen Aufsatz beigetragen hat.
 
Ré Soupault – Künstlerin im Zentrum der Avantgarde
Kunsthalle Mannheim - Friedrichsplatz 4 - 68165 Mannheim - noch bis zum 8. Mai 2011
Katalogbuch herausgegeben von Inge Herold, Ulrike Lorenz und Manfred Metzner im Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg, mit Texten von Peter Bär, Inge Herold, Karoline Hille, Ulrike Lorenz, Manfred Metzner und Ré Soupault; ISBN: 978-3-88423-363-4, Preis: 29,80 €.
 
Fotos © 2011 Nachlaß Ré Soupault/VG Bild-Kunst Bonn
Abbildung des Transformationskleides © 2011 Kunsthalle Mannheim