Haben und Nichthaben

Gedanken zum 13. August 1961

Von Jürgen Koller
Haben und Nichthaben

Gedanken zum 13. August 1961 – Bau der Berliner Mauer
Von Jürgen Koller
 
Der Titel ist bei Ernest Hemingway ausgeliehen, aber er paßt gut zu diesen Gedanken zum Mauerbau vor 50 Jahren, auch wird auf den Schriftsteller in den folgenden Zeilen nochmals verwiesen. Die von Ulbricht letztlich mit ausdrücklicher Zustimmung der Sowjets am 13. August 1961 errichtete Berliner Mauer hat nicht nur meine Generation einschneidend geprägt, sondern mir auch ganz persönlich meine Jugend und meine besten Mannesjahre verdunkelt. Als ich zusammen mit meiner Familie 1985 dem „Realsozialismus“ den Rücken gekehrt hatte, konnte ich erstmalig die „Rückseite“ dieses Monsterbaus kennen lernen.
 
Genau vor einem halben Jahrhundert, im Jahre 1959, habe ich mein Abitur gemacht. Um damals in der DDR studieren zu können, mußte ich „freiwillig“ zwei Jahre bei der „Fahne“, sprich NVA, abdienen - einen Zivildienst gab es nicht. Ende Juli 1961 sollten im 23. motorisierten Schützenregiment Sondershausen die jungen Männer mit den Anfangsbuchstaben „A bis K“ entlassen werden.
Wir hatten als EKs (Entlassungskandidaten) unser obligatorisches Schneider-Bandmaß Tag für Tag schon bis auf 30 cm gekürzt, als ich den Befehl erhielt, mit meinem schweren LKW Betonsteine von einem Betonwerk zum Sondershausener Bahnhof zu transportieren. Mit einiger Wahrscheinlichkeit habe ich also kurz vor meiner Entlassung  Betonteile für die Berliner Mauer fahren müssen. Beim Militär ist es halt so – der Soldat hat nicht zu fragen, sondern nur zu funktionieren. Übrigens mußten meine Kameraden mit den Buchstaben „L bis Z“ wegen des Mauerbaus noch bis Ende 1961 Dienst schruppen.
 
Einiges später, nach der Entlassung aus der NVA, saß ich Anfang August ’61 bei schönstem Wetter in einem Biergarten im heimatlichen Chemnitz, das damals Karl-Marx-Stadt hieß, in einer Freundesrunde. Wir philosophierten darüber, noch über West-Berlin in den Westen zu gehen, wie es die halbe Abiturklasse schon 1959 getan hatte oder mit dem Studium in Halle, Leipzig oder Potsdam zu beginnen. Irgendwelchen sozialistisch-vaterländischen Gedanken hingen wir da gewiß nicht nach…  Tja, und dann hat uns Ulbricht mit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 die Entscheidung abgenommen. Eine luftdichte Käseglocke wurde für fast drei Jahrzehnte über den „ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden“ gestülpt – wie die SED diese DDR großspurig, falsch tönend titelte.
 
Noch im Jahre 1961 waren ich und viele meiner Freunde fest davon überzeugt, daß man uns Ost-Deutsche nicht auf Jahre hin aller Freiheiten berauben könne. Es sollte ein großer Irrtum werden! Meine Generation hatte in all den langen Jahren nicht die Spur einer Möglichkeit, ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung zu verwirklichen – wir waren auf der „Nichthaben“- Seite. Es könnte gefragt werden, warum ich nicht später über die Grenze in den Westen geflohen sei – erstens hatte kaum jemand eine Chance, die Grenzanlagen mit den Minensperren und den Selbstschußanlagen zu überwinden, wer nicht in den Grenzgebieten zu Hause war und jeden Baum und Stein kannte und zweitens, so tollkühn tapfer war ich nun auch wieder nicht, um mich gegebenenfalls von bornierten DDR-Grenzern abschießen zu lassen.
 
Die allgemeinen Lebensumstände in den 1960er Jahren waren zwar nicht von Hunger geprägt, aber die Forderung nach geistiger Nahrung, wenn man schon nicht in die Welt reisen durfte, nahm beträchtliche Ausmaße an. Die SED-Oberen gewährten deshalb den Literaturinteressierten einige „Zückerchen“ – Hemingway wurde verlegt, auch Böll, Sartre, Camus, Frisch oder Dürrenmatt. Englische und amerikanische Dramatiker, wie Arthur Miller, fanden sich plötzlich in den Buchläden, wenn auch die Höhe der Auflagen nie den Lesehunger der Menschen befriedigen konnte. Nur Günter Grass wurde zu DDR-Zeiten niemals verlegt, seine „Blechtrommel“ mit den von Soldaten der Roten Armee begangenen Vergewaltigungsexzessen paßte den SED-Machthabern nicht ins Bild von den „teuren“ sowjetischen Genossen.
 
Kultstatus hatten für mich damals die „49 stories“ von Hemingway, der „Fänger im Roggen“ von Salinger oder auch Bölls „Der Zug war pünktlich“. Das wichtigste Buch für mich und meine Kommilitonen des Studiums der Germanistik und Kulturwissenschaften in Leipzig Ende der Sechziger war aber Christa Wolfs „Nachdenken über Christa T.“. Obwohl zuerst von der Zensurbehörde nicht für den Druck frei gegeben, dann zurückgehalten, später nur mit einer lächerlichen Erstauflage von 6.000 Exemplaren herausgebracht, beschrieb Wolfs Werk präzise die Stimmung unter uns damals noch nicht Dreißigjährigen in der vom Rest der Welt abgeschotteten DDR auf der „Nichthaben“-Seite. Der Kritiker Reich-Ranicki fand später das treffende Wort, daß die „Heldin (Christa T.) zwar an Krebs gestorben sei, aber an der DDR gelitten hätte“.
 
Als sich im Herbst 1989 mit den gewaltigen, aber friedlichen Demonstrationen in Leipzig und später in anderen Städten der DDR eine politische Änderung abzuzeichnen begann, konnte ich mir nicht vorstellen, daß die Mauer fallen und die Einheit Deutschlands einmal in Aussicht stehen würde. Beides – Mauerfall und deutsche Einheit waren außerhalb meines Vorstellungsvermögen.
 
Zufällig hatte ich im September 1989 in der damals in Köln erscheinenden Zeitschrift DEUTSCHLAND ARCHIV unter dem Titel „Karl Marx im Schatten der Auto Union“ einen Artikel über eine Selbst-Darstellung der Stadt „Karl-Marx-Stadt“ geschrieben, die im Düsseldorfer Rathaus gezeigt wurde. Für mich war es seinerzeit völlig überraschend, daß sich erstmalig das „sozialistische Karl-Marx-Stadt“ seiner einstigen kapitalistischen Unternehmer und Firmen, wie der Sächsischen Maschinenfabrik vorm. R. Hartmann (Turbinen, Lokomotiven, Werkzeugmaschinen), der Wanderer Werke (Schreibmaschinen, Fahrräder, Autos), der Unternehmen Niles (Drehbänke), Schönherr (Webstühle) oder Schubert & Salzer (Spinnerei-Maschinen) und eben auch der Auto Union erinnerte. Mein Artikel endete damals mit den Worten, „daß auch der nie aus dem Gedächtnis der Menschen gestrichene traditionsreiche Name Chemnitz wieder Gegenstand des Nachdenkens… werden könnte“.
 
Noch vor der Vereinigung Deutschlands, bereits im April 1990 hatte die erste frei gewählte Stadtverordnetenversammlung von „Karl-Marx-Stadt“ einer der Hauptforderungen der lokalen Bürgerbewegung nach Wiedereinführung des alten, traditionsreichen Stadtnamens Chemnitz Rechnung getragen und einen demokratischen Bürgerentscheid durchgeführt. Eine überwältigende Mehrheit, nämlich 76,14% der Wahlbeteiligten, sprachen sich damals per Stimmzettel für den über 800 Jahre alten Traditionsnamen Chemnitz aus.
 
Es macht mich glücklich, daß es mit meiner Vaterstadt Chemnitz, der ich auch vom Rheinland aus noch immer verbunden bin, wirtschaftlich und städtebaulich bergauf geht. Für mich steht das alles auf der „Habenseite“ des von den Deutschen der DDR vor zweiundzwanzig Jahren erzwungenen Mauerfalls. Und deshalb ist der 9. November 1989 trotz allem für mich das bei weitem wichtigere Geschichtsdatum gegenüber dem 13. August 1961.