Aug´ in Aug´ mit den Knochenbrechern vom Rauristal

Bartgeier im Salzburger Land

von Theo Reisner

Junger Bartgeier im Rauristal -
Foto © WWF

Aug´ in Aug´ mit den Knochenbrechern vom Rauristal

(Erfolgreiche Wiedereinbürgerung von Europas größten Greifvögeln im Salzburger Land)           

Quebrantahuesos! Mit diesem Ausruf eines offensichtlich erregten Spaniers können die Vogelfreunde auf der Krumltaler Bräualmhütte zunächst wenig anfangen. Sein Fernglas richtet sich zum Mitterkar, und dort kreisen sie: Bartgeier, im Volksmund Knochenbrecher genannt - auf Spanisch
heißt das eben Quebrantahuesos, und damit kann man sich sogar die Zunge brechen.

Drei Meter Spannweite

Zu den vielen ungewöhnlichen Eigenschaften der größten Greifvögel in Euro-
pa (ihre drei Meter Spannweite übertreffen jene des Adlers) mit dem lustigen Gesichtsbart gehört nämlich die Fähigkeit, Knochen mit gut zwei Kilogramm Gewicht rund 80 Meter in die Luft zu tragen und danach auf ein sorgfältig ausgewähltes Felsstück fallen zu lassen - so entstehen schnabelgerechte Portionen für die ganze Vogel-Familie. Die galt im Mitteleuropa des 19. Jahrhunderts als ausgerottet, was an der rückläufigen Schafzucht ebenso lag, wie an abnehmenden Zahlen bei Steinböcken und Rothirschen, allesamt in totem Zustand wichtige Futterquellen. Mechanische Fallen und Giftköder für Wölfe und Füchse trugen (durchaus gewollt) zur weiteren Dezimierung des Bestandes bei. Letztendlich ausschlaggebend war wieder einmal der Mensch: Er malte im buchstäblichen Sinn des Wortes grauenvolle Bilder, auf denen Schafe reihenweise in die Lüfte entführt wurden. Nach alten Sagen sollen sogar (unfolgsame) Kinder vom gefiederten "Räuber" geholt worden sein. Gemeinsam mit der Schießwut mancher Jäger und der Beliebtheit bei


3 Meter Spannweite! - Foto © WWF
Trophäensammlern konnte ein klägliches Ende hinter Zoo-Gittern nicht ausbleiben.

Die Wiedereinbürgerung ab 1986 in Form des "Auswilderns" von Jungvögeln führte im Rauriser Tal zu einer Geierpopulation von immerhin rund 30 Exemplaren. Die Kleinen stammten zunächst aus einer Zuchtstation nahe Wien und verblieben dort, bis sie selbständig Nahrung aufnehmen konnten, um dann kurz vor ihrer Flugtauglichkeit in entlegenen Felsnischen oberhalb der  Baumgrenze ausgesetzt zu werden. So wurde verfahren, bis 1997 erstmals ein Bartgeier im Rauristal zur Welt kam. Ähnliche Stationen errichtete der WWF in Frankreich, der Schweiz und Italien. In den Pyrenäen, auf Korsika und im Himalaya leben auch noch einige "echt wilde" Exemplare.

Angebot für Vogelfreunde 

Präzisionsferngläser auf Stativen mit 80-facher Vergrößerung kommen den Bartgeiern sehr nahe - sozusagen von Aug´ zu Aug´ läßt sich ein Liebespaar beim Nestbau beobachten oder die ganze Familie beim Erkundungsflug. Weitere Informationen liefern täglich Studenten der Tierärzte-Uni Wien, die sich bei ihren Ausführungen auch durch Nebeleinbrüche nicht beirren lassen. Wer alle fünf Minuten von Sonnenaufgang bis -untergang Beobachtungsergebnisse protokolliert, vermag seine Zuhörer mit


Wo fliegen sie denn? - Foto © Theo Reisner
wahren Geschichten aus dem Geier-Alltag zu fesseln. Etwa mit jener  vom vergleichsweise sinnvollen Lebensablauf: Nach der Balz im Oktober und der Kopulation im November werden meist zwei Eier gelegt und von beiden Eltern abwechselnd bebrütet. Nach heftigen Flugübungen im Horst  beginnt vier Monate später die eigenständige Nahrungssuche im nahen Gelände. Bartgeier sind Aasfresser und letztes Glied einer Nahrungskette -  ihre Magensäfte sind scharf genug, um Knochen jeglichen Alters zur Nahrungsgrundlage machen zu können. Vor ihnen gehen Raben, Füchse und Adler am Aas zu Werke. Die Frühjahrssonne öffnet die besonders lawinengefährlichen Hänge des Krumltals Meter für Meter quasi als natürlichen Eisschrank und gibt Jahr für Jahr bis zu 30 im Winter verschüttete Gemsen sowie anderes Getier frei.

Ein Vogelparadies im Hochgebirge

Stefan Gabritsch, dem Geschäftsführer der Rauris Tourismus GmbH, sind die "Schlafwände" in seinem Ortsgebiet als Vogel-Ausflugsziel am liebsten. Dort erwärmt sich eine 500 Meter hohe Felswand ganz besonders stark, sie bietet Bart- und Gänsegeiern sowie Adlern eine angenehme Schlafstätte und bringt dem Ort viele Besucher. Alle drei Gattungen auf einmal - das gibt es, meint Gabritsch, sonst nirgendwo.

Sonder-Führungen auf Anfrage möglich.

Als umfassendste Information gibt es tägliche (je nach Witterung) Wanderungen zur Krumltaler Bräualmhütte mit Nina Roth-Callies (Anmeldung erforderlich). Sie geht auch auf aktuelle Probleme im gefiederten Pflegealltag ein: Registrierung und Beobachtung der Vögel sind aufwendig, und die durchwegs begeisterten Besucher wollen bisweilen einen Bartgeier streicheln und haben nach eineinhalb Stunden Fußmarsch wenig

Verständnis, wenn sich die ganze Sippe gerade im Nachbartal zur Brotzeit/Jause/Vesper aufhält ...

Weitere Informationen: Rauris Tourismus GmbH A-5661 Rauris, Tel.:0043-6544-20022   
www.raurisertal.at