Rheinromantik und Belvedere

Eine Doppelausstellung im Arp Museum Rolandseck

von Rainer K. Wick

Bowlentöpfe (det.) - Foto © Rainer K. Wick

Rheinromantik und Belvedere

Eine Doppelausstellung im Arp Museum Rolandseck
 
 
Nach einem halben Jahr ging am 16. Oktober in Koblenz die diesjährige Bundesgartenschau mit einem Rekordergebnis (mehr als 3,5 Millionen Besucher) zu Ende. Über das Kunstprogramm dieser Großveranstaltung hatten die „Musenblätter“ am 20.07.2011 berichtet; am 25.08.2011 folgte ein Beitrag über die Ausstellung „Die letzte Freiheit“ im Koblenzer Ludwig Museum, die – die Bundesgartenschau sinnvoll flankierend – die Land Art der sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts zum Gegenstand hatte. Über das Ende dieser beiden Koblenzer Ereignisse hinaus zeigt nun das am nördlichsten Zipfel von Rheinland-Pfalz gelegene Arp Museum in Remagen-Rolandseck im Rahmen seines diesjährigen Themenschwerpunktes „Natur & Landschaft“ zwei Ausstellungen, die, gleichsam als Ausklang des BUGA-Jahres, historische Formen und aktuelle Positionen der Wahrnehmung und künstlerischen Gestaltung von Landschaft vorführen.
 
Landschaft als Konstrukt
 
Beiden Ausstellungen – der einen im Gebäude des historischen (und stilgeschichtlich historistischen) Bahnhofs Rolandseck, der anderen im lichtdurchfluteten Museumsneubau Richard Meiers – ist die Erkenntnis gemeinsam, daß das, was gemeinhin als Landschaft wahrgenommen wird, ein komplex durch Geschichte, Kultur und künstlerische Traditionen determiniertes mentales Konstrukt ist. So bedeutete Landschaft für die Menschen des Altertums etwas gänzlich anderes als für die des Mittelalters, und - um nur ein Bespiel zu nennen - mit der legendären Besteigung des provenzalischen Mont Ventoux durch Petrarca im Jahr 1336 begann die neuzeitliche Landschaftsschau, die über Jahrhunderte hinweg nachwirkte.
Was das Rheintal zwischen Drachenfels und Loreley anbelangt, so ist unsere Landschaftsschau bis heute vorzugsweise eine des vorletzten Jahrhunderts. Das heißt, wir sehen die Landschaft mit einem romantisch verklärten, gewissermaßen vorindustriellen Blick. Es ist ein historisch geprägtes, längst verinnerlichtes und tief im Bewußtsein verankertes Bild, das die Realität des eminenten modernen Schienen- und Individualverkehrs an beiden Ufern, die Existenz der großen Containerschiffe, die den Strom befahren, und der gelegentlichen Industrieanlagen und Gewerbeansiedlungen in der Regel ausblendet. Die Schau „Rheinromantik“ sucht den Ursprüngen dieses Bildes auf die Spur zu kommen und findet ihr Material vor allem im 19. Jahrhundert.


Anton Ditzler, Ansicht von Nonnenwerth, 1831 - Foto © Rainer K. Wick
 
Rheinromatik. Mythos und Marke
 
Im Mittelpunkt der thematisch in vier Sektionen gegliederten Ausstellung steht der „künstlerische Blick“ und hier insbesondere jener der Maler der 1830er Jahre, die in einer Zeit sehnsuchtsvoller Naturbegeisterung und grassierender Burgeneuphorie die Rheinlandschaft zur idealen Projektionsfläche ihres romantischen Strebens werden ließen. Die ausgestellten, meist kleinformatigen Gemälde von Künstlern wie Andreas Achenbach, Stanfield Clarkson, Anton Ditzler, Johann Caspar Nepomuk Scheuren, Andreas J. Müller und anderen vermögen die charakteristische Rhein- und Ruinenromantik jener Zeit sehr treffend zu vermitteln. Allerdings hätte sich der Besucher der Ausstellung doch das eine oder andere Blatt des großen William Turner gewünscht, der den

Wilhelm I. - Foto © Rainer K. Wick
Rhein in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts mehrmals bereist und mit seinen Aquarellen und Zeichnungen maßgeblich die Reiselust der Engländer angefacht hat. – Die drei anderen Sektionen der Ausstellung, der „sagenhafte Blick“, der „nationale Blick“ und der „touristische Blick“, fallen leider etwas mager aus. So ist die literarische Verarbeitung des Mythos Rhein in Form von Volkssagen nur schwach dokumentiert, und auch die politische Instrumentalisierung des Rheins nach dem Ende der Napoleonischen Zeit durch Preußen und das 1871 gegründete Kaiserreich hätte pointierter herausgearbeitet werden können. Ein Highlight in dieser Sektion ist der original erhaltene, in Kupfer getriebene Kopf des 1897 am Deutschen Eck in Koblenz errichteten Kaiser-Wilhelm-I.-Denkmals, das, im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört, erst 1993 durch eine Kopie ersetzt werden konnte. Der in der vierten Sektion thematisch angerissene „touristische Blick“ und der Aspekt der Vermarktung der Rheinromantik durch die Tourismusbranche ist zweifellos von außerordentlichem Interesse, ließe sich in einer zukünftigen, breiter angelegten kulturgeschichtlichen Ausstellung aber sicherlich erheblich vertiefen. Originell ist das Arrangement von circa hundert Bowletöpfen mit rheinromantischen Motiven, vielfach von Burgen, die im Eingangsbereich den Auftakt der Ausstellung „Rheinromantik“ bilden.


Johann Caspar Nepomuk Scheuren, Lustige Rheinfahrt, 1839  - Foto ©Rainer K. Wick
 
Belvedere. Warum ist Landschaft schön?
 
Damit zur Ausstellung „Belvedere“ im hoch über dem alten Bahnhof thronenden, gläsernen Richard Meier-Bau mit seiner „schönen Aussicht“ auf den Rhein. Sie entfaltet nicht das übliche Panorama der Landschaftsmalerei der letzten hundert Jahre, sondern fragt, wie Künstler auf einer intellektuellen Metaebene mit dem Topos der „schönen“ oder gar „idealen Landschaft“ umgehen. Als Programmwerk der Ausstellung haben die Kuratorinnen Christine Heidemann und Anne Kersten ein Bild des Malers Félix Vallotton aus dem Jahr 1900 ausgewählt, das einen Künstler an der Staffelei zeigt, der in einem geschlossenen Innenraum ohne Blick nach außen eine Landschaft malt. Landschaftskunst, so die Schlußfolgerung, muß nicht zwingend unmittelbar anschauungsgebunden sein, sondern es kann sich, wie in diesem Fall, auch um eine imaginäre Landschaft, um ein inneres Bild von Landschaft, handeln – so wie ja auch das Bild vom romantischen Rhein mit der heutigen Realität dieses Stroms keineswegs deckungsgleich ist.
Landschaft als Konstrukt ist in der neueren Kunst nicht selten das Resultat der Wirkungsmacht medialer Filter, wie KP Bremers spröde Arbeit „Farbmusterbuch Ideale Landschaft“ von 1968, Gerhard Richters von einer fotografischen Bildvorlage übernommener „Regenbogen“ von 1970 oder Roy Lichtensteins von der Comicstrip-Ästhetik geprägtes Bild „Painting in Landscape“ von 1984 zeigen. Zum Teil nur unterschwellig, manchmal aber auch schonungslos offen wird das Ideal der romantischen Landschaft demontiert, sei es, daß Inge Rambows Fotografien vermeintlich schöner Landschaften aus den 1990er Jahren bei genauerem Hinsehen die Verwüstungen des Tagebaus in der ehemaligen DDR dokumentieren, sei es, das Rachel Reupke in ihrem Videofilm „Infrastructure“ von 2002 mit Hilfe von Montagetechniken auf die „große Landzerstörung“ (übrigens ein Begriff, der auf eine Werkbund-Tagung des Jahres 1959 zurückgeht) durch den grassierenden Alpentourismus hinweist. Und Guy Allotts surreale, in mancher Hinsicht an Magritte erinnernde Bilder von 2008/09 zeigen dicke Baumstämme mit riesigen Löchern, die Durchblicke auf heterogenste Landschaftsausschnitte freigeben und mithin die Vorstellung einer integralen, intakten Natur dezidiert unterminieren.

 
Andreas Achenbach, Blick vom Rolandsbogen auf das abendliche Rheintal, 1834 - Foto © Rainer K. Wick

Insgesamt präsentiert das Arp Museum in der Ausstellung „Belvedere“ Arbeiten von fünfundzwanzig Künstlerinnen und Künstlern, darunter so prominenten Protagonisten eines avancierten Kunstbegriffs wie Mark Dion, Hamish Fulton, Thomas Ruff oder Lawrence Weiner. So unterschiedlich sich ihre Positionen darstellen, so reizvoll ist diese Ausstellung gerade wegen der enormen Bandbreite ihrer Ansätze und künstlerischen Formulierungen. Nähere Auskunft über die einzelnen Beiträge gibt ein handlicher Katalog, der sich in seiner äußeren Aufmachung – flexibler Einband mit durchsichtigem Plastikumschlag – nicht zufällig an die derzeitig handelsüblichen Baedeker-Reiseführer anlehnt.
 
 
Rheinromantik. Mythos und Marke

Roy Lichtenstein, Painting in Landscape, 1987 - Foto © Rainer K. Wick
bis 4. März 2012
Anstelle eines Katalogs ist das Buch „Perlen der Rheinromantik“ von Gisela Götz erschienen, Arp Museum Rolandseck 2011, 9,80 €
Belvedere. Warum ist Landschaft schön?
bis 4. März 2012
Katalog im Kerber Verlag, Bielefeld 2011, 22,- €
 
Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Hans-Arp-Allee 1 - 53424 Remagen - 02228 9425-12
Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr
Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck macht Anfang 2012 eine Winterpause und ist vom 9. bis 28. Januar 2012 geschlossen.
 
 

KP Bremer, Farbmusterbuch Ideale Landschaft, 1968  - Foto © Rainer K. Wick