Paul Buscher

Ein Nachruf

von Marduk Buscher
Paul Buscher 1945 - Foto: privat
Paul Buscher †
 
Paul Daniel, „Paulus“ Buscher wurde am 26.8.1928 in Barmen, ab 1929 Teil der neu gegründeten Stadt Wuppertal, geboren.
Mit acht Jahren bekam er Kontakt zu illegalen Treffen der von den Nazis verbotenen Bündischen Jugend, dj.1.11. „Auf Fahrt“ standen zunächst Literatur und Philosophie verbotener Autoren und der russischen Avantgarde im Zentrum des intellektuellen Interesses dieser Gruppe.
Mit dem Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion organisierten Buscher und andere Mitglieder der Gruppe Plakataktionen gegen Hitlerdeutschland. 1943 überfielen sie die 10-Jahresfeier der Hitlerjugend zur sog. „Machtergreifung“ der Nazis in Schwelm und lösten sie auf. Bis zum Ende des Krieges wurden in einer Eskalation des schließlich sogar bewaffneten Widerstandes Waffentransporte der Wehrmacht sabotiert oder angegriffen, kriegsgefangene Zwangsarbeiter unterstützt und außer Landes gebracht.

Buscher kam ab 1939 mehrfach in Gestapo-Haft, in das KZ-Außenlager von Buchenwald in Köln Deutz und wurde wegen „bündischer Umtriebe“ ab 1943 von der Schule relegiert. Als Zwangsarbeiter im Kloster Himmerod in der Eifel zum Straßenbau gezwungen, wurde er Opfer von gewalttätigen sexuellen Übergriffen der dortigen Mönche.
Kurz vor Kriegsende wurde er von seinem Vater, einem überzeugten Nationalsozialisten, unter vorgehaltener Waffe der Wehrmacht überstellt, konnte aber nach wenigen Tagen fliehen und lief zu den amerikanischen Truppen über, die damals etwa bei Aachen standen. Als Scout half er ihnen, das heftig umkämpfte Schwelmer Eisenwerk einzunehmen und die Stadt zu befreien.
Nach dem Krieg gründete Buscher die KPD und die Freie Deutsche Jugend, FDJ, für Westdeutschland mit, kehrte diesen Gruppierungen aber den Rücken, als er feststellte, daß seine kulturellen und menschlichen Qualitätsvorstellungen dort nicht geachtet wurden.
Nach zwei Semestern an der Kunstakademie in Düsseldorf, wo er 1946 bei Otto Pankok und und Otto Coester studierte,  absolvierte er mehrere vorberufliche Praktika und bestand 1950 die Begabten-Aufnahmeprüfung an der Werkkunstschule Wuppertal.  Dort studierte er als Meisterschüler und Assistent von Prof. Jupp Ernst. 1953 bis 1955 war er zugleich Assistent des Bauhaus-Schülers und Formgestalters Prof. Wilhelm Wagenfeld in der Dürener Glasfabrik Peill & Putzler.
Von 1956 bis 1991 betrieb Buscher ein Atelier für freie und angewandte Kunst und war als Gestalter und Marketingspezialist für zahlreiche in- und ausländische Konzerne, aber auch lokale oder regionale Firmen tätig. Weil er sich weigerte, formell seinen kommunistischen Idealen und seinen Widerstandshandlungen im sog. „Dritten Reich“ abzuschwören, wurden ihm 1957 eine bereits zugesagte Professur wieder aberkannt und Aufträge aus Bonner Regierungskreisen wieder entzogen.

Etwa ab 1980 begann Buscher mit der literarischen und historischen Aufarbeitung von Widerstand und Verfolgung. Großen Raum nahm dabei seine Abgrenzung von sog. „Kölner Edelweißpiraten“ ein, welche im Sprach-Jargon der Gestapo mit den Widerstands-Aktivitäten von Buschers Gruppe in einen Topf geworfen wurden.
Buscher lebte von 1986 bis zu seinem plötzlichen Tode am 10.10.2011 in dem Hunsrück-Dorf Sabershausen, in der Nähe des bündischen Treffpunktes „Burg Waldeck“.
Seit 1949 lebte Buscher mit seiner Frau Gertrud zusammen, mit der er vier Söhne aufzog, deren jüngster 2001 mit 30 Jahren verstarb.
Trotz dieses herben Verlustes blieb Buscher bis in seine letzten Stunden hinein politisch, künstlerisch und literarisch aktiv.
Zu seinem Nachlaß gehören unzählige Haiku, Tanka und andere Gedichtsformen, kulturhistorische und politische Abhandlungen sowie ein umfangreiches Archiv mit Korrespondenzen, Fotos und Quellen zur Geschichte der Bündischen Jugend. Außerdem ganze Mappen mit bisher ebenfalls unveröffentlichten Zeichnungen, Karikaturen und Holz- bzw. Linolschnitten. Seine Arbeitsbelege aus dem Bereich der Werbeindustrie illustrieren deren Entwicklung von Beginn der 50er bis Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts.
 
Veröffentlichungen (Auswahl):
Ich. Edelweiß-Pirat, 1987 (Kampfschrift gegen die sog. „Kölner Edelweißpiraten“)
Das Stigma, 1988 (Autobiographie bis 1945 mit einer umfangreichen Schilderung des „Bündischen“ Gedankenguts)
Cliquen und Banden von Widerstands-Schmarotzern, 1988 (Kampfschrift gegen die sog. „Kölner Edelweißpiraten“)
Helle Hirsch. Jude, Künstler, dj.1.11er, Widerstandskämpfer - verraten ermordet - verraten vergessen, 1996 (Biographie eines Leidensgenossen)
Bündische Jugend, bündische Umtriebe, 2004 (CD-ROM mit Materialien und Pamphleten)
bündisches gegentum, 2011 (Gedichtauswahl 1942-2010)
 
In Vorbereitung:
handorakel der weltklugheit – kiki-faz, voraussichtlich 12-2011 (absurde und satirische Zeichnungen)
Interview mit Paulus Buscher 2005/2012 (ca. achtstündiges autobiographisches Video-Interview)
Große Teile seines Werkes sind noch nicht gesichtet. Weitere Veröffentlichungen sind geplant.
 
Beiträge:
“Haiki und Tankas” (sic) Beispiele veröffentlicht in “Das große Buch der Haiku-Dichtung”, Graphikum Verlag, Göttingen
“Das Buch der Tanka-Dichtung”, Graphikum Verlag, Göttingen
 
Beteiligung an folgenden Ausstellungen / Katalogen:
“Schock und Schöpfung”, Stuttgart und weitere Städte, 1986
“Land der Hoffnung, Land der Krise: Jugendkulturen im Ruhrgebiet”, Dortmund, 1987
“Euthanasie in Hadamar. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik der hessischen Anstalten”, Kassel und weitere Städte 1991
 
Sonstiges:
Geschichtliche und kunstgeschichtliche Recherchen, Dokumentationen und Zeitwortsendungen für SWR, ZDF und das niederländische Fernsehen, Vorträge an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland
Beteiligung am 2. und 3. Widerstands-Symposium der University of Nottingham, jeweils mit Buchveröffentlichung, 1993 und 1995
Weitere Informationen:
 
Kontakt:
mardukbuscher@t-online.de