Gl├╝ck Auf Reisen (2)

Eine Liebesgeschichte

von Hermann Schulz
Eine Liebesgeschichte
 
Die Deutschlehrer der Stadt Antalya wurden auf mich aufmerksam, allen voran der unvergessliche Mehmed Özgen. Diese armen Männer und Frauen, studierte Germanisten, sollten in jenen Jahren Deutsch als 2. Fremdsprache einführen, hatten aber von der deutschen Botschaft - oder von wem auch immer - nur eine einzige Lektüre bekommen, das Reclam-Heft mit der Kleisterzählung „Michael Kohlhaas“. Diese Lektüre hätte auch bei uns Vierzehn-, Fünfzehnjährige überfordert, also schrieb ich für die Schulen ein Dutzend oder mehr Geschichten aus meiner jüngsten Erfahrung der türkischen Wirklichkeit, von Baumwollfeldern, dem Fischfang, von Märkten und Wildschweinjagden. Die Geschichten wurde in einem billigen Verfahren gedruckt – und an den beiden Gymnasien eingesetzt (Wo man sie noch jahrelang benutzte). Zu jeder Redaktionssitzung - sie waren allerdings mehr Nachhilfestunden in Deutsch - erhielt ich ein reichliches köstliches Essen - und fand, was mir damals ebenso wichtig war, unvergeßliche Freunde.
Und eine Freundin.
Unter den Lehrerinnen war mir eine ausnehmend hübsche Dame aufgefallen, sie hieß Ayse Kerestecioglu. Sie war sicher zehn Jahre älter als ich und unternahm es auf ganz orientalische Weise, mir mitzuteilen, daß sie sich in mich verliebt hatte. Der Liebesbote war dieser ältere Lehrer Mehmed Özgen, dem sie sich anvertraute und der mich unter Tränen eindringlich bat: Mach diese wunderbare Frau nicht unglücklich!
Nichts lag mir ferner!
Ein Zusammentreffen allein mit dieser Frau in einem Café oder Restaurant - oder einem stillen einsamen Ort - wäre undenkbar gewesen! Nur wenn andere Lehrer dabei waren, durfte ich in Lehrerzimmern oder Cafés neben ihr sitzen und unter dem Tisch ihre Hand halten, mehr war in der damaligen türkischen Öffentlichkeit nicht möglich. Sollte ich das bedauern? Ich war – bei allem guten Willen – nicht in sie verliebt.
Wenige Tage vor meiner Weiterreise in den Osten – ich wollte schließlich die ganze
Welt erobern - kam sie mit einem überraschenden Vorschlag: Ich sollte sie zum Abschied in ihrer Wohnung besuchen. Durch die Dunkelheit schlich ich, wie sie es vorgeschlagen hatte, wie ein Dieb zur Hintertür ihres Hauses. Ich klopfte sanft und wurde von einer Küchenhilfe eingelassen. Sie führte mich in einen dämmrigen echt orientalischen Raum, die Fenster waren mit dichten Vorhängen verschlossen, die Böden mit Teppichen ausgelegt. In der Mitte des Zimmers brannte Holzkohle auf einer Schale, Ayse war bezaubernd angezogen und umarmte mich liebevoll, als die Hausangestellte sich entfernt hatte.
Über meine wirren Gedanken, was an diesem Abend alles geschehen könnte, will ich
gar nicht berichten. Das Problem erledigte sich, denn ihre alte Mutter brachte bald das Essen – und bewegte sich nicht mehr aus dem Zimmer. Wir konnten in Deutsch reden, was wir wollten, das schon ... Ich war enttäuscht - und erleichtert zugleich.
Wir schrieben uns später Briefe. Ich kam durch eine Kette von Zufällen nach Wuppertal, heiratete und hatte Kinder. Ayse nahm an allem freundlichen Anteil. Bis nach zehn Jahren ein Brief als unzustellbar zurückkam und wir keinen Kontakt mehr hatten.
 
20 Jahre später habe ich sie noch einmal in Antalya besucht. Ich fand ihre Adresse im Telefonbuch, inzwischen lebte sie in einem Hochhaus im 10. Stockwerk. Ich hatte vorher angerufen, ein Kind, das gut deutsch verstand, redete mit Leuten im Hintergrund und richtete mir aus, ich sei willkommen.
Dieses Kind, ein kleines Mädchen, öffnete – und führte mich ins Wohnzimmer. Ich
erkannte Ayse sofort wieder, sie war immer noch schön. Sie saß im Rollstuhl, ihre Hände von Gicht zu hilflosen Klumpen verformt, ihr Körper erstarrt. Ich war beklommen, wir tranken Tee und redeten eine Stunde lang, bis ich aufbrechen mußte. Was sie mir zum Abschied sagte? Etwas, das der Autor für alle Zeiten für sich behält.




© Hermann Schulz - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2012
Redaktion: Frank Becker