Bl├Ątterteig - und andere Einsichten

Aus dem Tagebuch

von Erwin Grosche

Foto © Frank Becker
Blätterteig
und andere Einsichten

9. Juli: Ich bin mir sicher, daß manche Menschen auch ihre Hunde heiraten würden, wenn der Gesetzgeber entsprechende Vorgaben abgesegnet hätte. Ich wäre mir sogar sicher, daß manche dieser Verbindungen glücklicher wären, als diese überholten Mann/Frau Verbindungen, wo man sich nur ein Leben lang ratlos anschaut und dabei alt und krank wird.
 
11. Juli: Hubertus zeigte auf Bäcker Ostermann, der gerade grüßend und „Alles klar?“ rufend, vorüberging. „Ich habe mal bei Ostermann in der Bäckerei gearbeitet“, sagte Hubertus. „Er war der einzige, der mich an den Blätterteig ließ.“ Auf dieses Gespräch war ich nicht vorbereitet gewesen. Wer unterhielt sich schon gerne am Vormittag über Blätterteig? Hubertus ließ sich von meinen Bedenken nicht abhalten. „Alle anderen wollten nur, daß ich Töpfe schrubbe und Bleche einfette.“ Ich nickte. Manchmal brauchte man Förderung. Es gab Menschen, die jeden Tag etwas Besonderes taten. Ich sah Bäcker Ostermann nach. Er hatte seine Bäckerei einer Künstlergruppe geöffnet, die nun dort malte und Ausstellungen abhielt. „Blätterteig ist eine sensible Angelegenheit“, sagte ich zu Hubertus, mehr um was zu sagen, als um wirklich dem Blätterteig tiefer gehende Eigenschaften zuzuschreiben. „Da sind wir einer Meinung“, sagte Hubertus. Ich hatte auf einmal das Gefühl ihn umarmen zu müssen, unterdrückte aber diese Schwäche. „Auf jeden Fall, wenn er mich nicht an den Blätterteig gelassen hätte, könnte ich heute keine Croissants schätzen.“ Wir nickten, als käme unsere Welt nur voran, wenn wir uns mehr zutrauen würden.
 
12. Juli: Ich war heute wieder bei der dicken Bäckerfachverkäuferin. Sie mußte dauernd husten, weil sie sich an etwas verschluckt hatte. Ich sagte: „Wenn wir uns besser kennen würden, würde ich ihnen auf den Rücken klopfen.“ Sie entschuldigte sich nur und ging gar nicht auf meinen Vorschlag ein. Sie sagte: „Ich habe mich an einem Krümelchen verschluckt. Das geht gleich wieder.“ Ich wollte gar nicht wissen, an welchem Krümelchen sie sich verschluckt hatte und kaufte einen Kastenkuchen mit glatter Oberflächenstruktur.
 
14. Juli: Der Rückweg ist oft beschwerlicher als der Hinweg. Ich frage ich mich oft, wann der Rückweg angefangen hat? Beginnt nach dem Ende der Ereignisse der Rückweg? Gibt es eine Möglichkeit sein Rückwegsgefühl so zu täuschen, indem man den Rückweg als eine Verlängerung des Hinwegs anlegt? Man könnte sich so diese Rückwegsmüdigkeit ersparen.



© 2012 Erwin Grosche - Erstveröffentlichung in den Musenblättern