Johanna Ey starb vor 65 Jahren

Die schwergewichtige "K├╝nstlermutter" gilt nach wie vor als meistgemalte Frau Deutschlands

von Andreas Rehnolt
Kunsthändlerin und Mäzenin Mutter Ey starb vor 65 Jahren
 
Die schwergewichtige "Künstlermutter" gilt nach wie vor
als meistgemalte Frau Deutschlands
 
Von Andreas Rehnolt
 
Düsseldorf - "Großes Ey, wir loben dich. Ey, wir preisen deine Stärke, vor dir zeigt das Rheinland sich und kauft gern und billig deine Werke." Kein Geringerer als der Maler, Bildhauer, Zeichner und Dichter Max Ernst hat diese Verse geschrieben. Gerichtet 1929 an die legendäre Düsseldorfer Kunsthändlerin und Mäzenin Johanna Ey, die am 27. August 1947 in Düsseldorf starb. Sie ist in einem Ehrengrab auf dem Nordfriedhof der NRW-Landeshauptstadt bestattet. 
 
Ey, bekannt als Mutter Ey, wurde am 4. März 1864 in Wickrath bei Mönchengladbach am Niederrhein geboren. Als 19-Jährige kam sie nach Düsseldorf. Sie war verheiratet und hatte zwölf Kinder, von denen acht jung starben. Nachdem ihre Ehe geschieden worden war, eröffnete sie 1910 in der Nähe der schon damals renommierten Düsseldorfer Kunstakademie eine Kaffeestube, die sich zum Treffpunkt von Schauspielern, Journalisten, Musikern und Malern entwickelte. Seit 1916 betrieb sie dort zudem eine Kunsthandlung für die "Düsseldorfer Malerschule".
Bis 1932 stand Ey jungen Studenten der Düsseldorfer Kunstakademie ebenso wie jungen Malern und Bildhauern als Mäzenin und Sammlerin zur Seite. Die aus einfachsten Verhältnissen stammende Frau gewährte jungen Akademiestudenten Kredit. Für Künstler und Mitglieder des Stadttheaters richtete sie einen Mittagstisch ein, nicht selten nahm sie für ein Essen eine Zeichnung oder ein Bild der jungen Künstler als Bezahlung an. Später wurde ihre Galerie unter dem Namen "Junge Kunst - Frau Ey" dann zum Mittelpunkt der Künstlergruppe "Das Junge Rheinland".
Mit den allermeisten Künstlern war die Kunsthändlerin befreundet. Sie gab Portraits von sich in Auftrag und entlohnte die Maler dafür, die das Geld dringend brauchten. „Johanna Ey war keine Intellektuelle und hat auch nicht gut schreiben können. Aber sie hatte eine riesige Portion Mütterlichkeit“, betont die Direktorin des Düsseldorfer Stadtmuseums, Susanne Anna. Ey gilt nach ihren Worten als „meistporträtierste Frau Deutschlands“. Rund 100 Porträts von ihr gibt es alleine im Stadtmuseum. In der Düsseldorfer Altstadt erinnert unter anderem eine „Mutter-Ey-Straße“ an die legendäre Kunsthändlerin.

In Portraits und Gruppenbildern zahlreicher Maler - darunter etwa Otto Dix, Gert Heinrich Wollheim, Otto Pankok, Bernhard Sopher, Arthur Kaufmann und Karl Schwesig - wurde die kleine und dralle Kunsthändlerin berühmt. Für das Stadtmuseum im Herzen der Altstadt ist Johanna Ey so was wie die „Museumsheilige“. Ey selbst hat nicht viel von sich erzählt oder aufgeschrieben. „Aber sie war sicherlich selbstbewußt, offenbar naiv und schlau zugleich“, meint Susanne Anna. Für viele Kunstfreunde war sie so etwas wie eine „Mutter Courage der Moderne“.
Auf den Bildern und Fotos wirkt die dickliche Kunstfreundin mit ihrer starken Brille oftmals streng. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges glich das kleine Lokal bereits einem Museum. Noch während des Krieges begann Johanna Ey mit den Kunstwerken zu handeln und wurde nicht selten von Studenten und Professoren als Vermittlerin um Hilfe gebeten. Ab 1926 zeigte Johanna Ey in Ausstellungen Bilder auch von Max Ernst, Paul Klee und Pablo Picasso. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise, die auch die Galerie Ey in eine finanzielle Krise brachte, stellte ihr die Stadt Düsseldorf kostenfrei Räume zur Verfügung.
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 galten praktisch alle Maler aus dem Umkreis von Mutter Ey als „entartet“. Die meisten Bilder wurden beschlagnahmt, viele auch zerstört. Ein Jahr später gab die resolute Frau die Galerie auf. Wie sie den Zweiten Weltkrieg überstand, liegt im Dunkeln. Zwei Jahre vor Kriegsende floh die damals schon 79jährige vor den Bombenangriffen nach Mayen und später nach Reinbek. 1945 kehrte sie nach Düsseldorf zurück. Ein Jahr später etwa wurde in Düsseldorf die „Mutter Ey GmbH“ gegründet, die allerdings nicht an ihre alten Erfolge anknüpfen konnte. 
 
Am 27. August 1947 starb Mutter Ey. Zuvor war sie zur Ehrenbürgerin ernannt worden. Sie ist in einem Ehrengrab auf dem Nordfriedhof der NRW-Landeshauptstadt bestattet. 1991 wurde am Opernhaus Düsseldorf eine nach ihr benannte Oper uraufgeführt. Im Jahr 2000 widmete ihr der Regisseur Peter Kern den Film „Johannas Leidenschaften“ und 2007 brachte ein kleines Theater in Düsseldorf ein Stück unter dem Titel „Bühne frei für Mutter Ey“ heraus. Ein Denkmal für die „Künstlermutter“, wie es bereits der Dichter und Nobelpreisträger Heinrich Böll 1960 vermißt hat, gibt es bis heute nicht.