Mehr als der ultimative Operettenf├╝hrer

Volker Klotz: "Operette"

von Peter Bilsing

„Auf dass jeder einzelne ein Ganzer sei…“

Volker Klotz´ Mammutwerk mit dem schlichten Titel „Operette“ - Untertitel „Portrait und Handbuch einer unerhörten Kunst“ - gehört in jedes Musiktheaterfreundes Bücherregal. „Der Klotz“, wie er von Insidern gerne genannt wird, ist nicht nur der ultimative Operettenführer, sondern müßte auch Zwangslektüre für Musik-Kulturschaffende jedweden Alters bzw. jedweder Position sein; aber auch Musiklehrer, die unsere Kindern mit z.B. einer „Analyse der Wandererszene aus SIEGFRIED“ ins Musiktheater einführen und damit gleich fürs restliche Leben verderben, sei er ins Gewissen geschrieben.

Nomen es Omen: Der Autor hat seinem Namen alle Ehre gemacht und im wahrsten Sinne des Wortes in dieser neu überarbeiteten Fassung (Bärenreiter 2004) mit 870 Seiten wahrlich geklotzt und die Erstausgabe noch um etliche Seiten erweitert. Neben Kestings „Großem Sängerlexikon“, Schreibers „Opernführer für Fortgeschrittene“ und dem guten alten „Grove“ ist dieses Buch für Musikliebhaber so unverzichtbar, wie anderwärts Brockhaus und Duden bzw. das Portal „Google“ im Internet. Diese Buch ist ein echtes Kleinod, vielleicht das wichtigste und lesenswerteste Buch auf dem klassischen Musiksektor des letzten Vierteljahrhunderts.

51 Komponisten werden neben 123 laut Klotz noch spielbaren Werken ausgiebig und interessant, kritisch und charmant vorgestellt. Klotz hält mit seiner persönlichen Meinung über manche Stücke dankenswerterweise nicht hinterm Berg. Sie, verehrte Opern- und Operettenfreunde, werden von nicht wenigen Werken (wie der Rezensent) noch nie in ihrem Leben gehört haben, wo auch? Oder kennen Sie: „Baron Trenk“ (Albine), „Don Cesar (Dellinger), „Le petite Faust“ (Hervé), „Toi c´est moi“ (Simons), „Bohemios“ (Vives)…etc. – um nur ein paar zu nennen. Klotz nennt diese Auflistung seinen „Gegenspielplan“ und liefert damit auch gleich die passenden Argumente gegen die leider in den letzten Jahren auf den Bühnen international eingesetzte Verblödung durch Einfalt und Einfallslosigkeit. Er spricht nicht ohne Grund mit diesem Buch besonders auch die Theaterintendanten an, welche solcher Art Malaise und Misere (und nichts anderes ist die derzeitige Situation der Gattung Operette immer noch) wenn nicht unbedingt vorsätzlich, aber doch durch ein gerüttelt Maß an Ignoranz herbeigeführt haben.

Das Wunderbare an dem Werk ist die globale Dimension und Erfassung aller Archetypen dieser Musiktheater-Gattung; er schlägt den ganz großen Bogen über die Wiener, ungarische bzw. deutsche Operette bis hin zu den spanischen Werken (eben jenen „Zarzuelas“ als Sondergattung) und ignoriert auch nicht die englischen Geschichten von Gilbert & Sullivan „and Friends“. Klotz durchleuchtet brillant alle gesellschaftlichen, aber auch politisch teilweise brisanten Aspekte des Genres, was ihn auch immer wieder zu Jacques Offenbach führt. Die Amerikaner kriegen ihr Fett genauso wie die schlecht gemachten europäischen Exempel, und er findet auch klare Worte zum heutigen Regisseurs-Unsinn vielenorts. Doch kommt im Großen und Ganzen seine Analyse immer wieder zu einem Punkt zurück, der lautet „Die Operette ist erheblich besser als ihr Ruf“ sie ist immer noch verkannte, große Kunst.

Und wie nah ist Klotz dieser unserer Welt, wenn er die ewigen Werte der Gattung fast tagesaktuell beschwört: „Ein fernes Ziel bleibt immer noch der muntere Gleichklang von Liberté und Fraternité, den die Operette heraufbeschwört. Die unsinnliche Macht des Geldes und die Besessenheit von immobilen Besitz, die das Operettenvolk unentwegt zersetzt… Leichtfertige Spielerei mit den vorgegebenen gesellschaftlichen Zwangsjacken… Niemand im Alltag wagt es, den Nächsten und Anderen zu umarmen im gemeinsamen Rhythmus; denn allgegenwärtige Konkurrenzkämpfe begreifen den Nächsten und Anderen lediglich als Rivalen, den es, wo auch immer, zu übertrumpfen oder zu unterjochen gilt. Aber die Operette träumt nicht nur lauthals von Gleichheit und Freiheit, von Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit im Umgang der Leute miteinander. Sie träumt auch davon, daß jeder einzelne ein Ganzer sei. ... dieser Anspruch ist ein verlockender Wink geblieben. Die verstümmelnden Lebensformen nämlich haben sich noch verschärft, die im Alltag auseinanderreißen, was zusammengehört: Broterwerb und Produktionslust, Amt und Person, körperliche und geistige Regung“. Man möchte solche Sätze gerne jedem homo sapiens dieser Erde ist Stammbuch schreiben!

Was ist nun die eigentliche Misere der Operette? Nach und mit dem Zweiten Weltkrieg war das Schicksal der Operette erst einmal besiegelt. Kritische Operettenkultur, profundes Handwerk und höchstes Qualitätsniveau wichen im Laufe der neuen Zeit einem regelrechten Schmierentheater. Klotz spricht von der auf Abwege geratenen Operette: „Sie wurde spießig und spießig aufgeführt.“. Der fundamentale Qualitätsverlust wurde bis heute kaum kompensiert, das wird jeder Opernfreund bestätigen können, der sich hier umtut; ich spreche jetzt einmal in erster Linie von meinem Umfeld in NRW: Zwar haben wir in einem kleinen 200-km-Umkreis so viele Bühnen (über 50!), wie nirgends auf dieser Erde, doch trifft man – und das ist durchaus paradigmatisch auch fürs europäische Umland - gerade bei Operetten-Produktionen auf immer die gleichen in diesem Metier herumreisenden Boulevard-Regisseure mit ihren Fehlinterpretationen unbedarften Theater-Klamauks zur reinen Gaudi eines stellenweise doch recht unterbelichteten Publikums, dessen Altersdurchschnitt und Qualitätsanforderung zumeist beim TV-Schock der 60er stehen geblieben sind. Ich möchte aber hier auch nicht unterschlagen, daß es in Dresden und Leipzig noch echte Operettenbühnen gibt, die mit Liebe, Sachverstand und auf hohem Niveau arbeiten.

Zurück zum Buch: Der „Klotz“ ist exzellent geschrieben und bietet durch seine inhaltliche Zusammenstellung Fach- und Sekundärliteratur, sowie ein hoch anspruchsvolles Nachschlagewerk in einem. Wer ein Herz für die Operette hat und sich nicht auf den oben bemängelten Einbahnstraßen befindet, wird frohlocken, insbesondere auch deshalb, weil Klotz genau das endlich einmal in aussagekräftige Worte faßt, was uns Operettenliebhabern schon ewiglich auf der Seele brennt. Sollte der langsame Prozeß der Rehabilitierung und Re-Implementierung dieser herrlichen Gattung in unser kulturelles Erbe damit nachhaltig angekurbelt werden, wäre das Buch mit seinen 68 Euro geradezu unterbezahlt, denn dann ist es pures (geistiges!) Gold wert. Lang lebe die Operette!

Dieses Buch ist sicherlich, auch und insbesondere für jüngere Musikfreunde, ein Geschenk fürs Leben. (Kommunion, Konfirmation, Abitur…werte Verwandtschaft!). Uneingeschränktes Qualitätsurteil: Sehr gut. Nutzwert: überragend. Der Rezensent schwebte im 7. Operettenhimmel – diesmal sogar ohne Musik.
Beispielbild


Volker Klotz
Operette

© 2004 Bärenreiter Verlag

870 Seiten, gebunden
67,- €

Weitere Informationen unter:
www.baerenreiter.com

Mit freundlicher Genehmigung von
„DER OPERNFREUND“
Deutschlands ältester privater Opernzeitung

www.deropernfreund.de