Richard Wagner ├╝ber die Hintertreppe (3)

Zu seinem 200. Geburtstag

von Johannes Vesper

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Richard Wagner (1813-1883)
über die Hintertreppe

Zu seinem 200. Geburtstag

von Johannes Vesper


Aber seit Leubold und Adelaide schwebt ihm eigentlich ein Theater vor, in dem Text und Musik aus einer Hand stammen und sich der Text sozusagen im symphonischen Fluß der Musik entwickelt. Kurze musikalische Themen (Leitmotive) sollten Personen, psychologischen Situationen, Stimmungen zugeordnet werden und diese charakterisieren. Zum ersten Mal im „Fliegenden Holländer“ werden Leitmotive verwendet und die dramatischen Szenen durch Musik voll verbunden. „Der fliegende Holländer“, Wagners erstes Musikdrama, war eine Revolution in der Welt der Oper. Damit war das Publikum aber zunächst überfordert und von der Premiere am 2.Janur 1843 in Dresden enttäuscht.
Die Oper wurde nach der vierten Aufführung abgesetzt, obwohl sie nicht geklungen hat wie morgens um 6 Uhr von einer schlechten Kurkapelle nach einer durchzechten Nacht am Brunnen des Kurortes gespielt. Paul Hindemith hat ein solches Ereignis komponiert, die reine Satire.
 
Dresdner Jahre

Dem König aber hat die Oper gefallen und so ernennt er den 30jährigen Richard Wagner am 2. Februar 1843 zum königlich sächsischen Hofkapellmeister mit einem Jahresgehalt von 1.500 Talern (37.500 Euro). Damit war aber nicht auszukommen. Vor allem auch deshalb nicht, weil alte Gläubiger aus Dresden, Leipzig, Magdeburg, Königsberg, Riga und Paris die Rückzahlung der Schulden fordern. Zu dieser Zeit wurde in Dresden August Röckel (Hofkapellmeister in Weimar) mit Verbindungen zur englischen Arbeiterbewegung Wagners bester Freund. Der tröstet ihn über den Mißerfolg des Fliegenden Holländers. Mit Röckel diskutiert Richard Wagner einerseits sozusagen in der Luft liegende revolutionäre Ideen, während er sich andererseits bei Sachsens König Friedrich liebkind macht. Er komponiert einen „Gruß seiner Treuen an Friedrich August, den Geliebten“ und begrüßt ihn damit am 5.08.1844 im Schloßpark von Pillnitz mit 300 Sängern und 120 Orchestermusikern. Solche Aktivitäten dienten natürlich auch seiner Popularität in Dresden.
 
Als Ende 1844 die sterblichen Überreste des 1826 in London verstorbenen Carl Maria von Weber nach Dresden überführt werden, komponiert Richard Wagner einen Männerchor und hält am 15.12.1844 die Grabrede, seine erste öffentliche Rede. Er stellt fest, welch begabter Redner er ist und schreibt, daß er von seinen eigenen Worten „in völlige Entrücktheit geriet. Nicht die geringste Bangigkeit oder Zerstreutheit kam mich hierbei an.“ (nach WH S, 125 .). Immer Mangel an Geld, nie Mangel an Selbstbewußtsein!
Endlich am 19.10.1845 ist der Tannhäuser fertig. Frau Schröder-Devrient singt und spielt höchst sinnlich die die Venus, Göttin der Liebe, und die 19jährige schöne Nichte Richard Wagners,
Johanna Wagner, stellt die keusche Elisabeth dar. Aber der Erfolg ist dürftig, stellt sich erst nach der dritten Aufführung und nach Änderung des Schlusses ein: Der frisch ergrünte Stab des Papstes symbolisiert Tannhäusers Erlösung. Damit war der Erfolg des Tannhäuser unaufhaltsam, wovon Richard Wagner finanziell aber nichts hat. Er bekommt 300 Taler Honorar für das Werk, während Bühnenbild und Dekoration der Uraufführung 8.000 Taler kosten  
Wagner wohnt zu dieser Zeit in einem alten Dresdner Palais, wo er seine Besucher nicht an der Wohnungstür empfängt, sondern im Garten. Er klettert zur Begrüßung jeweils auf eine überlebensgroße Statuengruppe und sitzt Neptun im Nacken, wenn seine Besucher kommen.
 
Als im Febr. 1848 in Paris Louis Philippe gestürzt wird und in Deutschland die Märzrevolution ausbricht, arbeitet Richard Wagner am Lohengrin und macht mit einem 40seitigen Manuskript zur besseren Organisation des sächsischen Nationaltheaters Revolution in der Dresdener Oper: Unter sozialen Vorschlägen wie Aufstockung des Orchesters mit besserer Bezahlung und besserer Altersversorgung versteckt fordert er die Gesamtleitung des Theaters in der Hand des Kapellmeisters, also in seiner Hand. Ein Gruß aus Sachsen geht an die Wiener Revolutionäre (14 Strophen):
Stellt wer uns je das Schmachgebot / „Nun werdet wieder Diener“
Dem sei dann mit dem Schwur gedroht / „Wir machen`s wie die Wiener“
 Nun jauchz ich auf aus voller Brust, / mein Zagen ist gehoben.
Drum muß ich nun mit heißer Lust / euch Wiener Helden loben.
Im Mai 1848 fordert Richard Wagner die sofortige Volksbewaffnung und schreibt zur Begründung der Revolution im Dresdner Anzeiger: „Wie ein böser nächtlicher Alp wird der dämonische Begriff des Geldes von uns weichen mit all seinem öffentlichen und heimlichen Wucher, Papiergaunereien, Zinsen und Bankiersspekulationen“. Donnerwetter. So ähnlich liest man das heute in der FAZ.
 
Lohengrin und Bakunin

In dieser Zeit wird der Lohengrin vollendet. Hier werden Personen und Psychologie nicht nur mit Leitmotiven, sondern auch mit Tonarten und Orchesterfarben charakterisiert. Die spezifische Kompositionstechnik wird weiter ausgebaut. Richard Wagner komponiert aber nicht nur, sondern denkt und schreibt über Kunst und Revolution. In seinem Artikel vom 15.10.1848 „Deutschland und seine Fürsten“ wird der Müßiggang des einen als der Raub an der Arbeit des Anderen bezeichnet. Es
wird die Abschaffung des Adels gefordert. Solche revolutionären Ideen sind in Sachsen natürlich nicht sonderlich geschätzt. Der Intendant der Hofoper erfährt sogleich, wer der Autor ist und verbietet die bereits angesetzte Uraufführung des „Lohengrin“. Der sächsischen Obrigkeit ist es in diesen Zeiten der Revolution nicht recht, wenn Richard Wagner den König Heinrich pathetisch verkünden läßt: „... ob Ost ob West, das gelte allen gleich! Was deutsches Land heißt, stelle Kampfesscharen!“. Und dann kommt auch noch Michail Bakunin nach Dresden, alter Adel aus Russland, der unter Verzicht auf seinen Familienbesitz (Schloß in Rußland), unter Verzicht auf Reichtum, Offizierskarriere beim Militär und Adelstitel seinen Haß auf den Zaren und die russische Aristokratie auf Fürsten und Großbürger ausgedehnt hat. Richard Wagner lernt ihn bei seinem Freunde Röckel kennen und ist von seinen Ideen wie von seinen Zigarren fasziniert, kann ihn aber für sein eigenes Werk nicht begeistern. Richard Wagner hat Pläne zu einer Oper „Jesus von Nazareth“. Bakunin rät ihm, er solle sich mit dem Text nicht so viel Arbeit machen. Es reiche, wenn der Tenor singe „Köpfet ihn“, der Sopran „Hängt ihn“ und der Baß als Ostinato „Feuer, Feuer“. Dieser Bakunin wird nach der sächsischen Revolution an Österreich, von dort an Rußland ausgeliefert, flieht 1860 aus Sibirien über Japan in die USA und kehrt dann nach Westeruropa zurück.
 
Und im Mai 1849 - die Nationalversammlung in Frankfurt hatte schon am 18.5.1848 getagt - bricht endlich auch in Dresden die Revolution aus. Es gibt Tote und Verletzte nach Schüssen der Infanterie auf Demonstranten. Es werden Barrikaden gebaut, teilweise hoch professionell nach Entwürfen des Professors der königlichen Akademie und Erbauers der Dresdner Oper Gottfried Semper! Wagner besorgt Handgranaten und Gewehre für die Aufständischen und klettert auf den ca. 100 m hohen Turm der Kreuzkirche, um die Regierungstruppen in der Stadt zu beobachten. Die Zettel mit den Beobachtungen werden, an Steinen befestigt, zur Information der Revolutionsgarden in die Straßen hinunter geworfen. Richard auf dem Turm gerät sogleich unter den Beschuß von Scharfschützen, hat aber keine Angst und beruhigt einen bereits auf dem Turm postierten Aufständischen: „Keine Sorge. Ich bin unsterblich.“
Bei der Dresdener Revolution, die mit der Verhaftung von Bakunin zu Ende ist, sterben 41 Soldaten und 191 Aufständische, und Richard Wagner muß erneut fliehen. Er flieht nach Weimar, wo er von Franz Liszt, dem dortigen Operndirektor, mit allen Ehren groß empfangen wird, die des prominenten Komponisten des „Tannhäuser“ würdig scheinen.
Wenige Tage später, am 16.5.1849 trifft der Steckbrief aus Dresden in Weimar ein:
„Alle Polizeibehörden werden gebeten, Wagnern zu verhaften und die Verhaftung schleunigst nach Dresden zu melden.“ Liszt reagiert sofort und besorgt gegen Geld einen falschen Paß, mit dem Richard Wagner am 28.5.1849 bei Lindau trotz seines sächsischen Dialekts problemlos die schweizerische Grenze passiert.

Falsche Pässe, Flucht nach Zürich, großzügige Mäzene

In Zürich besorgt ein alter Freund aus Würzburger Zeiten sofort einen gefälschten schweizerischen Paß und dieser Paß begründet einen ganzen Zweig der Richard-Wagner Forschung. Denn wie groß war Richard Wagner? In dem gefälschten Schweizer Paß mit der einzigen existierenden Größenangabe wurde eine Körpergröße von 166,5 cm angegeben. Die Größenangaben schwanken bei den Biographen aber je nach Wertschätzung zwischen 151 cm und 166,5 cm. Die wahre Körpergröße ist nicht mehr zu klären. Kaum war der Paß am 30.5.1849 ausgestellt, reist Richard Wagner nach Paris, kehrt wegen der dortigen Cholera aber nach Zürich zurück und dirigiert hier Beethovens 7. Symphonie. 1850 reist er, immer noch per Postkutsche, erneut nach Paris, wo ihm dann ausnahmsweise das Glück winkt: Aus Dresden schreibt Julie Ritter, eine vermögende Witwe, sie wolle ihm 800 Taler (20.000 €) pro Jahr zahlen. Gleichzeitig bietet ihm die Familie Laussot aus Bordeaux 3000 Franc (ca. 18.000 €) pro Jahr an.  Jessie Laussot, eine junge Verehrerin von Richard Wagner, ist mit ihrem Ehemann und Weinhändler in Bordeaux unglücklich und spielt hervorragend Klavier Sie lädt Richard kurzerhand nach Bordeaux ein, beginnt mit ihm ein intimes Verhältnis und die beiden planen eine Flucht aus ihrer Welt, eine Reise nach Kleinasien oder doch zumindest nach Griechenland. Die Familie Laussot bekommt Wind von den Plänen, und der gehörnte Ehemann will dem Geliebten seiner Frau eine Kugel durch den Kopf schießen. Wagner flieht schnell aus Bordeaux und die Rente der Familie Laussot ist futsch.
 
Wagner reist nach Zürich zu Minna, seiner Frau, die dort mit dem Wachtelhund Peps (eine Art Spaniel) und dem redenden und singenden Papagei Papo eingetroffenen ist. Minna läßt ihren Mann vom Papagei mit dem Schlachtruf aus dem Rienzi zu Tisch rufen; „Richard, Freiheit! Santo spirito cavaliere!“ Das Ehepaar Wagner hatte keine Kinder, so ersetzen Papo und Pepo neben manch anderen Haustieren im Laufe der Zeit die Familie. Das Verhältnis der Ehepartner ist nicht mehr das alte. Es hat sich trotz Papo und Pepo im Laufe der Jahre und Affären zunehmend verschlechtert. Der Nachfolger Papos ruft ständig (eintrainiert von Minna) „Richard Wagner ist ein schlechter Mann“. Davon unbeeindruckt schreibt Richard Wagner kunsttheoretische Schriften („Die Kunst und die Revolution“, „Das Künstlertum der Zukunft“, „Oper und Drama“) und lebt in Zürich im Wesentlichen von Schulden, wandert viel mit Freunden aber auch allein durch die Schweizer Alpen, leidet unter Rheumatismus und bekommt Gelenkbeschwerden.
 
Wagner und die Juden

In dieser Zürcher Zeit erscheint im September 1850 Wagners unsägliches Pamphlet „Das Judentum in der Musik“. Es erscheint in der „Neuen Zeitschrift für Musik“, die, gegründet von Robert Schumann, inzwischen aber von diesem nicht mehr herausgegeben wird. „Verlogene Selbstüberhöhung, Neid und Verfolgungswahn, schauerlichste Prosa“ schreibt Martin Gregor-Dellin, einer der bedeutenden Biographen Richard Wagners. Neid auf die Erfolge der jüdischen Komponisten Meyerbeer und Mendelssohn ist wahrscheinlich der tiefere Grund für das Pamphlet, wie überhaupt der Antisemitismus im Deutschland des 19. Jahrhunderts als Ausdruck des Sozialneides der eher tumben christlichen deutschen Volksgenossen auf die erfolgreicheren, gebildeten und eleganten Juden verstanden werden kann. „Die Verringerung der Kluft zwischen Reich und Arm ... und ökonomische Sicherheit“ waren Grundziele der antisemitischen christlich-sozialen Arbeiterpartei unter Adolf Stoecker, Dom- und Hofprediger in Berlin. So auch bei Wagner: Meyerbeer ist der strahlende erfolgreiche Musiker in Paris zu der Zeit, als Richard Wagner mit seinen Freunden in Paris Hunger leidet. Außerdem hat er ihm vor Jahren kein Darlehen gewährt. Dem erfolgreichen Generalmusikdirektor des Gewandhausorchesters Mendelssohn hatte Wagner 1836 seine einzige Symphonie geschenkt, hoffend auf eine nicht erfolgte Aufführung in Leipzig. Vielleicht ist Wagners Antisemitismus auch biographisch begründet durch die Untreue seiner Minna in Königsberg, die dort ja mit einem jüdischen Kaufmann durchgebrannt war. Richard Wagner erweist sich mit dieser Schrift publizistisch als übler Antisemit, polemisiert im höchst eigenen Wirtschaftsinteresse und befindet sich damit einerseits im Zentrum des deutschen antisemitischen Geistes seiner Zeit. Andererseits hat er zahlreiche jüdische Freunde und Förderer, hat sich mit Heinrich Heine getroffen, seinen Stil kopiert. Und in seinen Werken findet sich keinerlei Antisemitismus.
 
Dabei nimmt sein Erfolg doch auch langsam zu: In Weimar wird am 28.8.1850 der Lohengrin uraufgeführt und bald darauf in Leipzig, Dresden, Madrid, Moskau, Melbourne und New York gespielt. Das Konzept des Musikdramas ist erfolgreich. Thomas Mann schreibt von der blau-silbernen Schönheit des Lohengrin. Zusätzlich zu den Leitmotiven hat Wagner die Orchesterfarbe entdeckt. Im Lohengrin werden die Holzbläser jeweils dreifach besetzt, sodaß Akkorde in einer Farbe erklingen können.
Noch beeinflußt von der Revolution in Dresden beginnt Wagner die Dichtung zum Ring des Nibelungen und entwickelt erste Ideen zu eigenen Festspielen. „Nicht jedes hergelaufene Stadttheater kann meine Werke aufführen. In eigenem Opernhaus mit eigens ausgewählten Sängerinnen und Sängern, mit eigenem Orchester sollen die Opern vortrefflich aufgeführt werden“. Er arbeitet am Ring des Nibelungen, wandert durch die Schweizer Alpen, kurt mit Kaltwasserbädern und heißen Wickeln, lebt von Wasserdiät. Sein Gesichtsrose quält ihn, was aber Ideen zum Ring eher fördert als hindert. Bühnenbilder und Regieanweisungen sind direkt der Schweizer Bergwelt entnommen, entsprechen Eindrücken von Wanderungen zwischen Zürich, Gotthard und Luzern. Die vollendete Dichtung des „Ring“ wird im Februar 1853 im Luxushotel Baur au Lac in Zürich 48 Stunden lang an 4 Tagen vorgelesen. Das revolutionäre Werk dramatisiert den Untergang einer Gesellschaft, die sich auf Macht, Geld und Sex gründet und beklagt eine „gänzlich in das Nichtswürdige versinkende Zeittendenz“. „Alberich der Zwerg, dem alles fehlt: Schönheit, Anmut, Phantasie und Musik. Den Ring kann er für sich gewinnen und nutzt sogleich die Macht des Goldes: Horden seiner Artgenossen sind dazu verdammt, unter und über der Erde sich für ihn zu schinden. Sie sehen ihn nie, ebenso wenig wie die Opfer unserer lebensgefährlichen Arbeitsplätze jemals die Aktionäre sehen, deren Macht sie ins Verderben treibt“ schreibt George Bernhard Shaw. Dann weiter „Diesen Vorgang kann man heute in jedem zivilisierten Land beobachten, wo Millionen Menschen sich in Not und Krankheit abarbeiten um mehr Reichtümer für unsere Alberiche aufzuhäufen“... erschrecken aktuell und erschreckend modern“. (Wagner-Brevier S.28 ff).
 
Auftritt Mathilde

Vom 18.-22. Mai 1853 finden in Zürich die ersten Richard-Wagner-Festspiele statt. Die drei Wagner-Konzerte in Zürich legt Richard Wagner einer schönen Frau zu Füßen, der 23jährigen Mathilde

Mathilde Wesendonck, Karl Sohn pinx.
Wesendonck, geborene Luckemeyer aus Elberfeld. Hier lernt er auch die 16jährige Cosima Liszt kennen, die er später heiraten wird.
Die Kosten für Gagen, Reise und den Aufenthalt von 72 Musikern und Sängern aus ganz Deutschland und der Schweiz übernimmt der Ehemann der schönen Mathilde, der vermögende Otto Wesendonck. Ein Zürcher Chor von 120 Sängern ist auch dabei. Riesenerfolg zu seinem 40. Geburtstag, der mit einer Dampferfahrt auf dem Zürich-See nach dem letzten Konzert gefeiert wird. Die Festgesellschaft, 200 m vom Ufer entfernt auf dem Dampfer, erwartet Richard Wagner, der zwar nur in einem Boot stehend, nicht auf dem Schwan sitzend vom Ufer her sozusagen wie Lohengrin naht und jubelt unter krachenden Böllerschüssen, als er an Deck kommt. „Das Leben ist ein Theaterstück. Das Leben ist ein Theaterstück ohne vorherige Probe. Darum singe, lache, tanze und liebe ... Und lebe jeden einzelnen Augenblick deines Lebens, bevor der Vorhang fällt und das Theaterstück ohne Applaus zu Ende geht.“ Von Richard Wagner? Nein, das stammt von Charlie Chaplin (1889-1977). 
 
Im August 1853 bricht Richard Wagner per Kutsche, inzwischen auch per Eisenbahn und Schiff, nach Italien auf. Er sucht Zerstreuung und Inspiration, Geld spielt keine Rolle. Die Wesendoncks zahlen. Am 5.9.1853 träumt er beim Mittagsschlaf in La Spezia und schreibt darüber: „...hatte ich plötzlich die Empfindung, als ob ich in ein stark fließendes Wasser versänke, das Rauschen desselben stellte sich mir bald im musikalischen Klange des Es-Dur Akkordes dar, welcher unaufhaltsam in figurierter Brechung dahinwogte... Mit dieser Empfindung, als ob die Wogen jetzt hoch über mich dahin brausten, erwachte ich im jähen Schreck aus meinem Halbschlaf, sogleich erkannte ich, daß das Orchestervorspiel zum Rheingold mir aufgegangen war.“ Das größte Projekt der Musikgeschichte konnte beginnen. Bis zum 21.11.1874 wird er daran arbeiten.
Das Orchester dafür wird dreimal so groß sein wie die üblichen Symphonieorchester bis dahin. Wagner wird spezielle Wagner-Tuben mit Waldhornmundstück und veränderten Ventilen zur Optimierung seines Orchesterklangs bauen lassen. Er wird die Leitmotivtechnik ausbauen und schreibt: „Das Orchester bringt fast keinen einzigen Takt, der nicht aus vorhergehenden Motiven entwickelt ist“.

Der Ring

Richard Wagner beginnt mit der Komposition zum „Ring“ und braucht dazu Luxus, kauft goldene Uhren, hunderte Flaschen erlesener Weine, Kristallleuchter, Seidentapeten, antike Möbel und elegante Kleidung, natürlich vom Schneider. „Ich kann nicht leben wie ein Hund, wenn ich komponiere“. Die Schulden wachsen mit fortschreitender Komposition, obwohl Otto Wesendonck, der Ehemann der jungen Mathilde, zahlt. Otto Wesendonck zahlt Wagners Schulden, zahlt ihm überdies 250 Franken monatlich, damit er ungeplagt von den Sorgen der materiellen Existenz sein großes, so herrlich begonnenes Werke herrlich vollenden möge, und Richard Wagner ist unsterblich verliebt in die schöne junge Frau seines Gönners, die er täglich trifft und die ihrerseits fasziniert ist von dem großen Musiker und Dramatiker..
Diese Liebe zwischen Richard und Mathilde kann aber nicht ausgelebt werden und muß vor dem Ehemann verborgen bleiben. Die mittelalterliche Geschichte einer ausweglosen Liebe, die Geschichte von Tristan und Isolde, ist Wagner bekannt und wird von ihm mit seinen eigenen Erfahrungen zur Oper verarbeitet. Der psychische Konflikt erscheint ihm unerträglich und der Tod jedenfalls in der Oper als einzig möglicher Ausweg. Richard Wagner flieht in die Krankheit und reist wegen seiner Allergien und seiner blühenden Gesichtsrose 1856 in die französische Schweiz zu Dr. Vaillant, der ihn zwei Monate lang mit Früchtetee, Hydrotherapie, normalen Mahlzeiten und bedingungsloser Ruhe behandelt. Tatsächlich hält sich Richard Wagner an die ärztlichen Verordnungen und wird von seiner Gesichtsrose, bei der es sich am ehesten um eine Art Herpes gehandelt haben wird, für immer geheilt. Otto Wesendonck kauft inzwischen das Haus des Zürcher Nervenarztes Binswanger, der in unmittelbarer Nachbarschaft der Wesendonckschen Villa seine Irrenanstalt, wie man damals sagte, einrichten wollte. Nervenkranke glaubt Otto in seiner Umgebung nicht vertragen zu können. Er bietet das Haus Richard Wagner zu einer lächerlichen Miete als lebenslangen Wohnsitz an. Der greift zu und zieht mit Frau und Tieren dort ein. Hier wird er zeitweise von einem Blechschmied, der gegenüber in seiner Werkstatt ständig hämmert und lärmt, empfindlich gestört aber doch angeregt zur Schmiedeszene im 1. Akt von „Siegfried“. Ende 1857 überreicht Richard seiner Mathilde eine Kompositionsskizze mit liebevoller Widmung, einen Notenbrief für Mathilde, und er vertont Gedichte von ihr, die Wesendonck-Lieder, vielleicht das Beste, was Wagner geschrieben hat.
Außerdem entsteht sozusagen autobiographisch „Tristan und Isolde“, womit das an sich ja banale erotische Verhältnis zu einer verheirateten Frau immerhin so in Musik gesetzt wird, daß zwar nicht das Ende der Wesendonckschen Ehe, aber mit dem Tristan-Akkord doch das Ende von Harmonie und Tonalität in der Musikgeschichte droht. Otto wird jedenfalls zu Recht unruhig. Das Verhältnis zu den Wesendoncks kühlt erheblich ab, als Richard, eifersüchtig auf einen 40jährigen italienischen Sprachlehrer Mathildes, Liebesbriefe schreibt, die seiner Minna in die Hand fallen, die sogleich zu Mathilde läuft und der droht, Otto zu verständigen. Ein ernstes Gespräch unter Männern führt dazu, daß Richard Wagner aus Zürich abreist, nach Italien will, aus dem damals österreichischen Venedig aber ausgewiesen wird, nach Luzern zurückkehrt, dort am 6.August 1859 den Tristan vollendet und damit die Affäre Mathilde abschließt.
 

Was Wagner bis zu seinem Tod 1883 noch an Skandalen entfesselt und welche ewige Musik
er bis zu seinem Ende geschrieben hat, erfahren Sie am nächsten Montag hier.
 Redaktion: Frank Becker