Ringflation

Wahn, ├╝berall Wagnerwahn... Hinweg vom Ring!

von Peter Bilsing

Ringflation
 
Wahn, überall Wagnerwahn... Hinweg vom Ring!
 
Gut nun - Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ ist mit rund 16 Stunden das längste Opernwerk aller Zeiten. Daß der Meister es auf vier Tage verteilt hat, tut den Sitzschmerzen keinen Abbruch, denn die 2,5 Stunden „Rheingold“ des ersten Tages laufen ohne Pause ab und die weiteren Stücke (Walküre, Siegfried & Götterdämmerung) haben zwar zwei Pausen, sind aber praktisch in jedem der drei Akte schon italienische Abendfülle; weswegen alle Musiker für diese Opern auch gleich zwei sogenannte „Dienste“ bezahlt bekommen.
 
Dieses Monsterwerk sollte eigentlich nur in Bayreuth aufgeführt werden, dem großen Meister RW war schon klar, daß sein geradezu gigantisch besetztes Orchester jede noch so gute Stimme übertünchen würde - weshalb er den Orchestergraben besonders tief (er geht weit unter die Bühne, wie eine richtige Wurmhöhle) gestalten ließ, und vorne gibt es eine große Blende am Übergang zum Zuschauerraum.
Einzig da und nur da können also seine Werke in der richtigen Abstimmung zwischen Orchesterlautstärke und gesanglicher Verständlichkeit korrekt realisiert werden.
 
Das führte vor allem im späten letzten Jahrhundert zu Monsterstimmen von Künstlern mit teilweise Monsterkörpermaßen von den Altar-Wagnerianern in Salzburg, Wien, der Scala, an der MET und sonst wo solange bejubelt, bis ihre Stimmen ruiniert waren. Zu den ganz unrühmlichen Ruinator-Legenden gehörte (pars pro toto) der „große“ Herbert von Karajan - eines von seinen vielen Opfer die einstmals fabelhafte Rheinopern-Ikone Ursula Schröder Feinen. Sie beendete ihre Kariere in einer Bratwurstbude am Kölschen Rhein.
Heute, im Zeitalter des zu Recht so betitelten „Musiktheaters“, wird im Orchestergraben nicht mehr so stimmtotschlägerisch herumgeholzt, sondern man bemüht sich (was zugegebenermaßen bei Wagner sehr schwer, aber umsetzbar ist) um ein ausgeglichenes Klangbild und um Textverständlichkeit. Übertitel des deutsch gesungenen Textes in Deutsch sind keine Seltenheit mehr, muten aber dennoch irgendwie an, als wären sie von Loriot erfunden worden.
 
Der RING blieb also, zumindest bis zur Jahrhundertwende (mit Ausnahmen), nur größeren Häusern vorbehalten. Und das war gut so!
Das 21. Jahrhundert entwickelte sich langsam und zunehmend zum Opernzeitalter der „Ringflation“ - jede mittlere Pommes-Bude, jedes noch so kleine Provinz- und Reisetheater setzte Ritchies RING aufs Programm. Da wollte keine hinter dem anderen zurückstehen.
„Wir haben auch ein Recht auf den RING!“ erscholl es allerorten. Und all die lokalen Kritiker berichteten von berückenden Produktionen auf internationalem Niveau (!) in Quadratquietschendorf, Oberuntertürschleim am Walde, Kleinbonnum oder Hinterfuzzingen an der Leier.
Kleinkarierte Kritik, daß ihr Haus nur maximal der Hälfte der von Wagner geforderten Musikern Platz im Orchestergraben böte, bot man forsch die Stirn und präsentierte reduzierte Orchester-Fassungen z.B. der von Lessing und Co. - oder man sourcte ganze Orchestergruppen out und spielte sie per Lautsprecher ein, was beim durchschnittlichen Alterslevel der Besucher teutscher Opernbesucher von rund 60 Jahren dann ohnehin kaum jemandem auffiel.
Oder fiel Ihnen, verehrte hochgebildete und weltreisende Leser & Opernfreunde, auf, daß in gut der Hälfte aller Weltklassehäuser die Sänger schon regelmäßig elektronisch verstärkt werden? Kein Scherz! Technisch ist das im Zeitalter, wo man TV-Kameras oder Mikrophone schon quasi im hohlen Zahn verstecken kann, ein Kinderspiel. Man braucht nur einen exzellenten Toningenieur - den man dann allerdings auch mit einem Unkündbarkeitsvertrag ausrüsten sollte. Seien Sie versichert, daß ich mindestens zwei dieser Leute persönlich kenne.
 
Doch zurück zum Thema!
Jetzt sprechen Sie mir bitte zehnmal nach: „Wagners RING ist nicht für kleine und mittlere Häuser komponiert worden!“ schreiben es nun 100-mal hintereinander auf und verschicken es an alle Dirigenten, Intendanten und Sänger, die sie kennen oder von denen Sie wenigstens eine Adresse haben. Oder befragen Sie bei der nächsten Opernpremiere mal die Dame am Pressetisch oder ihren Apotheker. Es liegt an ihnen!
Wenn ich etwas zu sagen hätte, würden die Ring-Noten für die nächsten zehn Jahre gesperrt. Danach würde dieser „Ring des Nibelungen“ mal wieder, wie früher (ja - ich bin Nostalgiker, nicht alles war schlecht früher) zu einer Ausnahmeveranstaltung im sonstigen Mittelmaß des im Allgemeinen immer noch viel zu hoch subventionierten Operntreibens in Deutschland.
Wir würden wieder (hoffentlich!) das auch zu sehen bekommen, was sich in der Musik Wagners ausdrückt, nämlich irgendwie und irgendwo hehre Geschichten, Träume, Fabeln, Mythen oder Märchen von Göttern und Menschen.
 
Und im Zeitalter der ausgefeilt technisch-optischen Magien und Wunderbilder (gehen Sie mal in den wunderbaren Fantasy-Film „Thor“ oder bestellen sich den schönsten und phantasiereichsten Märchenfilm alle Zeiten „Der Sternwanderer“), dann wissen Sie, was ich meine. Wovon der sehr erfinderische Wagner in der zukünftigen szenischen Realisation seiner Opern nur träumte, das ist heute Realität und machbar. Unsere Opernhäuser geben Unsummen aus für Produktionen die aussehen, als wären sie vom Sperrmüll ausstaffiert und die mit Dritte-Welt-Kleidung oder restaurierter Nachkriegsware ausgestattet - aber ich habe noch in keiner Produktion gelesen, daß hier je ein Illusionist oder Magier für tolle Zaubereien beschäftigt wurde. Stattdessen dominiert der Brechtsche Vorhang oder der Koskysche Umzugskarton viele Bretter, die einst die Welt bedeuteten.
 
Ich frage mich wieso und muß zugleich sagen, daß es mich regelrecht anwidert, daß bald alle RING-Szenarien des letzten Jahrzehnte (von der Kritik hochgejubelt) nur noch auf schäbigen, verdreckten Pissoirs, in schmuddeligen Bordellen, auf Spießers Sofa, in Harz-4 Wohnanlagen, Irrenanstalten, im Sperrmüll Asozialer oder direkt auf der städtischen Müllhalde spielen. Und als Krönung pißt Siegfried bei der Schwertschmelze, falls überhaupt vorhanden, noch auf die Glut.
Viele Regisseure, die Wagner inszenieren, hassen ihn offenbar. Einziges Ziel ist die Provokation, das Niedermachen und die Publikumsverärgerung. Nun war der alte Richard sicherlich auch kein angenehmer Mensch - aber warum müssen Regisseure ihren Volkshaß, Weltschmerz, ihr kommunistisch geprägtes Weltbild und ihr Weltverbesserertum nun immer nur und so höchst destruktiv schmutzig und illusionslos an Richard Wagner auslassen.
 
Natürlich hat er neben den tollen berauschenden Opern auch hirnrissige, übelst denunziatorische und rassistisch demagogische Texte verfasst. Er war ein Judenhasser wie er im Buche steht, wie viele seiner Zeitgenossen, menschlich - würden wir heute sagen - ein echtes Arschloch.
Aber weder trägt er die Verantwortung für den Holocaust, noch den Vietnamkrieg, die Ausrottung der Indianer, der Inkas oder der Millionen stalinistischer GULAG-Opfer. Wagner ist z.B. auch nicht schuld an der Verödung unserer Städte, der Verblödung der Menschen, der Zwei-Klassen-Gesellschaft, den Bankenskandalen, ertrinkenden Boat-Pepole, Mafiamorden oder dem (gottbefohlenen?) Kindesmißbrauch durch Priester. Aber es geht im RING um das Übel auch der Menschheit heutiger Tage: DIE GIER. Die Götter gingen immerhin daran zugrunde....
 
Da lobe ich mir wenigstens den Blödsinns-Ring im diesjährigen Bayreuth - zwar haben die durchaus passablen Bühnenbilder nicht das Geringste mit dem Libretto zu tun, aber sie störten auch nicht, waren immerhin ästhetisch, schön professionell gefertigt und bunt anzusehen. Erinnerten mich an den moderner Realismus eines Hopper oder Bellows. Aber jetzt mal Hand aufs Herz, liebe Leute, was erwartet der Opernkenner von einem Regisseur, der nicht die geringste Ahnung von Fach Opernregie hat - davon so viel versteht, wie die sprichwörtliche Kuh vom Segelfliegen? Wer zahlt für solch einen Blödsinn auch noch 300 Euro pro Karte?
 
„Wahn! Wahn! Überall Wahn! Wohin ich forschend blick in Stadt- und Weltchronik,
den Grund mir aufzufinden, warum gar bis aufs Blut die Leut sich quälen und schinden
in unnütz toller Wut?“ (Monolog des Hans Sachs)
 
 
© 2013 Peter Bilsing