Es geht nicht mehr nach der Reihe.

Wer zu sp├Ąt kommt, den bestraft der Arbeitgeber.

von Erwin Grosche

Foto © Frank Becker

Es geht nicht mehr nach der Reihe.
 
Wer zu spät kommt, den bestraft der Arbeitgeber.
 
Kein Wunder, daß alles rempelt und schiebt. Der Straßenverkehr ist da ein gutes Beispiel. Ich blinke auch nicht mehr. Ich möchte nicht zu früh meine Absichten zu erkennen geben. Wer nicht blinkt, hält sich noch alle Möglichkeiten offen. Wer soll diese Straßenunruhe noch nüchtern ertragen. Manche fahren kein Auto mehr, wenn sie betrunken sind. Ich betrinke mich um überhaupt den Anforderungen des Straßenverkehrs gewachsen zu sein. Schlangenlinien zu fahren ist heute nur eine der Möglichkeiten, schnell ans Ziel zu gelangen. Ich kenne einen Lehrer, der fährt bewußt nur links, um seine politische Überzeugung durchblicken zu lassen. Mein Nachbar hat sich nun angewöhnt, nur rückwärts zu fahren, um dem Elend nicht immer ins Auge blicken zu müssen. Wissen sie, ich lasse mich immer mehr gehen. Manchmal singe ich sogar Volkslieder, wenn ich bei 180 über die Autobahn irre. Ich weiß eigentlich gar nicht mehr, wie ich selbst aus dem Bett komme. Ich schlafe in einem Jogginganzug, den ich den ganzen Tag nie auszuziehen brauche. Das macht alles viel einfacher. Meinen Müll stelle ich immer raus, wenn alle ihren Müll raus stellen. Einmal hat mein Nachbar sich vertan und anstatt der Papiertonne die grüne Tonne raus gestellt, da haben dann alle in der Straße auch ihren grüne Tonne raus gestellt. Da wußte ich, ich bin nicht allein. Wenn der Wahnsinn Methode hat, dann wird auch die grüne Tonne entleert, obwohl eigentlich der Restmüll an der Reihe wäre. Auch vor der roten Ampel warte ich nicht mehr auf die Farbzeichen. Ich weiß immer, wenn einer hupt, dann muß ich fahren. So muß das sein. Ein dichtes Geflecht von Schubsen und Drängeln erleichtert meinen Alltag und erst wenn jemand sagt, daß ich tot bin, würde ich aufhören zu leben. Gut, wer da das Hupen hört.
 
 
© 2014 Erwin Grosche für die Musenblätter