Diskrete Sekrete (4) - Kriminelle Semiotik

Glossen zu literarischen Taschent├╝chern

von Andreas Steffens

Diskrete Sekrete (4)
Glossen zu literarischen Taschentüchern
von Andreas Steffens
 
Kriminelle Semiotik

Das gefundene, aufgehobene und zurückgegebene Taschentuch ist ein Stereotyp. In der Salon-Erotik diente es dem Anbandeln - der Ausdruck dürfte sprachgeschichtlich mit der Verbreitung des Taschentuches unmittelbar verbunden sein (leider sagt das Grimmsche Wörterbuch hierüber nichts) -, dem behutsamen Anknüpfen der berüchtigten zarten Bande, bei denen man noch heute an den Spitzenbesatz des kleinen Stoffstücks denkt.
Es bot, nicht nur der Kamelien-Dame, die Möglichkeit, ganz unverfänglich ihr eigenes Interesse zu bekunden, indem sie ihr Tüchlein so geschickt fallen ließ, daß ihr Adressat es wahrnehmen mußte, was ihm Gelegenheit gab, sich als galant zu erweisen und damit zugleich in das weitere Spiel einzuwilligen - oder es auszuschlagen, und das Tüchlein blieb liegen, wenn es nicht vom Falschen, gar nicht Gemeinten entdeckt und retourniert wurde... Aus der kleinen weißen Unscheinbarkeit können sich die umständlichsten Verwicklungen ergeben. In schönen alten Hollywood-Kostüm-Filmen à la „Vom Winde verweht“ bekommt man das manchmal noch zu sehen.
Das zwar gefundene, jedoch nicht zurück-, sondern in falsche Hände weitergegebene Taschentuch ist der Auslöser für die Handlung einer der großen, in ihrer ganzen monströsen Absurdität anrührend gebliebenen Tragödiendichtungen: Othellos Wahnsinn folgt der tödlichen Logik einer Überwertigkeit des zum Symbol erhobenen banalen Gegenstandes.
Doch diese Banalität, die dem Taschentuch anhaftet, hat es sich in seiner erstaunlich reichen Geschichte erwerben müssen: sein Anfang war von großer Symbolhaftigkeit; Funktion kam später. Zunächst hatte es etwas zu bedeuten, erst lange danach wurde es zu einem Gebrauchsgegenstand. Als materieller Träger ideeller Besonderheiten war es als Ding ein Luxus-Gegenstand.
 
That handkerchief
Did an Egyptian to my mother give;
She was a charmer, and could almost read
The thoughts of people; she told her, while she kept it,
Twould make her amiable, and subdue my father
Entirely to her love; but if she lost it,
Or made a gift of it, my father `s eye
Should hold her loathed, and his Spirits should hunt
After new fancies: She, dying, gave it me;
And bid me, when my fate would have me wive,
To give it her. I did so: and take heed on`t;
Make it a darling like your precious eye;
To lose`t or give`t away, were such perdition
As nothing else could match.

Desdemonas Entsetzen über diese Offenbarung ihres Othello, im vierten Aufzug des dritten Akts, ist so angemessen groß, daß sie nur fragen kann, ob das denn auch wirklich so sei? Die Ahnungslosigkeit, mit der sie ganz unwillkürlich den Verlust des verzauberten Stück Stoffs verschuldete, forderte das Schicksal heraus, das nun unaufhaltsam seinen Lauf nehmen wird.

`Tis true: there`s magic in the Web of it:
A síbyl, that had number`d in the world
The sun to course two hundred compasses,
In her prophetic fury sew`d the work;
The worms were hallow`d that did breed the silk,
And it was dy`d in mummy which the skilful
Conserv`d of maiden`s hearts.

Es ist die Magie, die Shakespeares Figuren um ihre Freiheit, ihre Ehre und ihr Leben bringt, indem sie sie verblendet. Gegenüber der Verhexung des Taschentuches, das es zum Unterpfand erzwungener Treue macht, wird die bösartige Intrige zum Kinderspiel. Die Handelnden folgen anderen Gesetzen, die sie kaum ahnen, geschweige denn beherrschen. Eben das ist Schicksal. Und aller Schrecken Anfang ist klein.
Seiner Erfüllung kann das Geringfügigste zum Auslöser werden, wie der Verlust eines Taschentuches.
Es gibt nichts, vor dem man nicht den Respekt haben müßte, dessen Mißachtung einen in Teufels Küche bringen könnte. Jedem sein Knoten ins Tüchlein, das nicht zu vergessen. -
Soviel für die Liebhaber elisabethanischer Weltklugheit.


 
© Andreas Steffens
Redaktion: Frank Becker