Jede Menge Trallafitti

Heinz H. Menge und Werner Boschmann ├╝ber Sprache und Dialekt des Ruhrgebiets

von Frank Becker

 

         

 

Werner Boschmann - Von Aalskuhle bis Zymtzicke
Lexikon der Ruhrgebietssprache
mit den Höhepunkten deutscher Literatur im reinen Ruhrdeutsch
© 2013, 11. Auflage Henselowsky Boschmann, 127 Seiten, einige Fotos
ISBN 978-3-922750-01-7
9,90 €

  Heinz H. Menge - Mein lieber Kokoschinski!
Der Ruhrdialekt

Aus der farbigsten Sprachlandschaft Deutschlands
© 2014 Henselowsky Boschmann, 127 Seiten, gebunden, mit Übersichtskarten
ISBN 978-3-942094-36-8
9,90

Jede Menge Trallafitti
 
Zwei Bücher bringen uns eine der liebenswertesten deutschen Sprachen näher
 
Bücher aus dem Verlag Henselowsky Boschmann versprechen per se gute Unterhaltung, auch wenn es sich um sachbezogene Bände und Themen handelt. Zwei Produkte aus dem „ruhrigen“ Verlag stellen wir Ihnen heute vor, mit/in denen Heinz H. Menge und Werner Boschmann ebenso kurzweilig wie informativ über Sprache und Dialekt des Ruhrgebiets referieren. Es ist eine bedächtige, genüßlich gedehnte (denken wir nur an Booochum, Häeeerne oder Ooor-Äerkenschwick) und doch sehr bunte Sprache, die ihre Elemente aus den unterschiedlichsten Quellen bezieht. Neben dem Westfälischen spielen auch das Plattdeutsche, das Jiddische und natürlich polnische Einflüsse eine bedeutende Rolle. Schließlich weiß jeder, daß ohne das Polnische der Oberschlesier das Ruhrgebiet in seiner existierenden Form gar nicht hätte entstehen können, kamen doch vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg Heerscharen schlesischer Bergleute in die von Ruhr und Rhein, Emscher und Lippe durchflossene Region und brachten ihre Sprache und ihre Namen mit, die auch ganz wesentlich in den Sport Eingang fanden, ihm ihren Stempel aufdrückten: Tilkowski, Szymaniak, Libuda, Turek, Szepan, Podolski, Posipal, Juskowiak, Kwiatkowski, Kapitulski, Jagielski, Matzkowski, Sadlowski, Abromeit, Cieslarczyk, Malinowski…..
 
Aber genug vom Fußball, der wird uns dieser Tage ohnehin reichlich auf der Mattscheibe serviert. Schauen wir uns lieber die beiden Bücher an, um die es in dieser Betrachtung geht. Da ist zunächst einmal die schon durchaus wissenschaftlich angelegte Studie Heinz H. Menges „Mein lieber Kokoschinski!“ über Herkunft, Wurzeln, Einflüsse und Gebrauch des „Ruhrdialekts“, den Werner Boschmann in seinem kurzweiligen Lexikon Ruhrgebietssprache oder Ruhrdeutsch nennt. Dem mag man ein wenig leichter zustimmen, sprengt die regionale Ausdehnung doch die Überschaubarkeit eines Dialektgebietes. Aber das ist jetzt meinerseits wieder so ein Firlefanz (Boschmann S. 21).
Heinz H. Menge geht systematisch vor und an die Entwicklung des Ruhrdeutschen heran. Beginnend mit der wichtigen Phonetik (s.o.: Booochum) und der Namens-Etymologie findet er einen schlüssigen Zugang zur Typologie dieser wohlklingenden, bodenständigen Sprache der Bürger, Bergleute und Arbeiter mit ihren regionaltypischen Fragepartikeln „woll?“ und „ne?“ – gelegentlich und unterschiedlich nach ihrem Herkunftsgebiet durch verstärkende Wort-Zusätze zu „Wollnich?“, „Wo´nnich?“ oder gar „Wollnichwoll?“ ergänzt. Heinz H. Menge (der `n echten Dokter is!) hat viele schriftliche und mündliche Quellen befragt. Das Ergebnis seiner Studie ist ein sprachlich überzeugendes, wissenschaftlich fundiertes und äußerst unterhaltsames Fach- und bei allem angemessenen Ernst auch Lachbuch.
 
Auch dem lexikalischen Herangehen Werner Boschmanns muß uneingeschränkt Lob für die Kombination von Wissensvermittlung und Unterhaltungswert gezollt werden. Sein Lexikon der Ruhrgebietssprache „Von Aalskuhle bis Zymtzicke“, ergänzt durch erklärende fotografische Illustrationen schenkt „Aha!“ und Schmunzeln zu gleichen Teilen. Aparillo und bandusen, Kusselköpper und Rallala, Schmachtlappen und Spucht, Tutti und zimno – Sie werden für alles eine griffige Erklärung finden. Nur mal ein Beispiel rausgepickt:
<dranoemmeln> etwas irgendwo anbringen, befestigen; schwerer als »klamüsern«, leicher als »friemeln« - alles klar?
Natürlich geht Werner Boschmann auch auf Herkunft und Einflüsse ein, behandelt die komplizierte Grammatik und befaßt sich anhand von Beispielen mit Besonderheiten der Ruhrgebietssprache: Sprachspezialitäten, Trunkenheitsgrade, Revier-Beleidigungsstufen (inkl. Erwiderungen), Gesprächsregeln etc. Einige Sprichwörter runden den unbedingt lesenswerten Band, der mit Höhepunkten der deutschen Literatur in Auszügen („Struwwelpeter“, „Loreley“, „Faust“, „Max und Moritz“, „Froschkönig“ und einer „Julius Cäsar“-Fassung frei nach Shakespeare) endet.
Ein Buch zum immer-wieder-Lesen und beileibe nicht nur jedem Ruhri zu empfehlen.
 
Weitere Informationen:  www.vonneruhr.de