Wie: B├╝cher?! (1)

von Konrad Beikircher

Foto © Frank Becker
Wie: Bücher?!
 
Konrad Beikircher über Literatur (1)
 
Der Größe des Gegenstandes angemessen - geht es schließlich ab heute in meiner wöchentlichen Musenblätter-Kolumne für einige Wochen um das Buch - habe ich unseren verehrten früheren Bundespräsidenten, Herrn Roman Herzog eingeladen, ein paar einleitende Worte beizutragen. Seiner begeisterten Zusage folgte stantepede ein Text, den ich nach großzügiger Durchsicht genehmigt habe. Ich bin in der freudigen Lage, Ihnen dieses Skript - wir wissen, es ist der Text seiner früheren Standardrede; er hatte zu Amtszeiten längst aufgegeben, für jede Gelegenheit - und er mußte ja unendlich viele Reden halten - sich neue Reden (ich möchte das Wort Gedanken vermeiden) schreiben zu lassen und hat sich seinerzeit für eine Rede für alle Fälle entschieden, die er jahrelang landauf, landab hielt - vorlegen zu dürfen. Lassen wir also den Großmeister der neuen Weinerlichkeit zu Worte kommen:
 
 
Hochverehrte und Damen Herren!
 
Ich freue mich, anläßlich dieser Gelegenheit das Wort ergreifen zu wollen, bin ich doch, wofür ich zu Ihnen gekommen worden bin. Einleitend darf ich zunächst mich kurz fassend gewollt haben, wegenthalben Ihre Geduld nicht über Ungebühren gebracht haben könnte gewollt zu werden sollte.
Stellvertretend es nicht weiter gehabt zu bringen als diesem sich verhindert, möchte ich es als Ehre aber auch als Verpflichtung ablehnen brauchen, mehr als Grüße denn als Obliegenheit verstanden wissen zu können.
Ich darf als persönliches Anliegen unter Außerachtlassung meiner Person abgesehen von mir geschweige einer Entschuldigung behauptend sein, daß, meine verehrten Damen und Herren, dieser Tag.
Wenn auch des Aufhebens wegen die unvermeidlichen Notwendigkeiten geübt haben zu müssen geglaubt sein wollten, ist es doch auch in jedweder Hinsicht - um dieses Wort gebrauchen zu dürfen, was mir gestattet zu sein ich vorausgesetzt wurde - zumutbar, entsprechenden Nachsagungen in entschiedenster Rücksichtnahme ihren Lauf lassen zu glauben, wozu ich hiermit - obgleich auch nicht - den Umständen entsprechen will.
Abschließend möchte ich kurz - auf einleitend Gesagtes verzichten wollend - vertrauen und dennoch meiner Hoffnung Ausdruck verleihen würden, daß unser Ziel bei dieser überraschten Gelegenheit der Verwirklichung ungeachtet sämtliche Mißliebigkeiten in überzeugender und übereinstimmender Weise in den Weg zu räumen werden müssen gehabt zu haben, glauben näher zu kommen gehofft haben wollen gemeint zu glaubt werden sollen gekonnt zu haben sein müssen.
Verzeihung.

Soweit also unser Ex-Bundespräsident, eine Gattung, von der wir noch einige durchfüttern. Kommen wir nun aber zum Thema des heutigen Abends- und da ergreife ich gerne selber das Wort:
 
Liebe Remittenden,
werte Lagerbestände,
geschätzte Rezensionsexemplare,
geliebte On-Liner, In-Liner und Head-Liner,
liebes Buch!
 
Das Buch - Wunder des menschlichen Geistes, die Welt in schwarz - auf weiß und mit dem Rücken zur Wand, damit sie nicht umfällt, früher gerollt mit Schleifchen, heute mehr rechteckig, verpackt, transparent eingeschlagen - nur Post darf öffnen - was für ein Wunderwerk! Die größten Titanen menschlichen Geistes: hier sind ihre Gedanken verewigt, hier kann man sie nachlesen, hier sprechen sie zu uns: Platon, Kant, Goethe, Perry Rhodan, Commander Picard und wie sie alle heißen. Und jeder kann sie kaufen: in allen Farben, mit und ohne Hundertwasser vorne drauf, für die Ökos in Leinen, für die ganz Harten in Leder, für die Unentschiedenen mit Lederrücken, mit und ohne Bilder, auf und unter dem Ladentisch, einfach phantastisch.
Schön. Jetzt ist es natürlich so: das Buch muß ja auch unter die Leute (stabil genug isses ja, kann man guten Gewisens draufsteigen), weil: wat hab ich von der Flasche Kabänes, wenn ich nit drankummen, weil der Laden zu is? Also hab ich mich jefragt: Wie is dat eijentlich mit dem Buchhandel jelaufen? Daß wir heute dieses reichhaltige Bild vor uns haben, vom Bücherkarren auf der Wiese hinter der Uni mit den Fachbüchern, die kein Schwein brauchen kann, weil sie genau zehn Jahre zu alt sind, über die verschwiegenen Bahnhofsbuchhandlungen, in denen man endlich die Bücher bekommt, die man mit 13 immer lesen wollte aber nie bekam, bis hin zu diesen wundervollen Selbstbedienungstempeln, den Kaufhäusern des Geistes quasi, wo unten die eher niedere Literatur zum Edekapreis - quasi das Buch in Tüten - zum Mitgenommen werden die Deckel spreizt und man dann über die Rolltreppe in die Regionen der hochgeistigen Literatur an der Bar kommt, diese Literatur-Wullis, in denen ich immer darauf warte, daß gleich ein fürchterlich angefressener Marcel Reich-Ranicki mit dem quietschenden Einkaufswagen um die Ecke surft und brummelt:
„Zwei Pfund Botho Strauß für das Frühstück, dann 200 g Süskind als After shave, ein paar Memoiren, damit ich nicht vergesse, daß auch ich gelebt habe, 10 Gramm Klassiker, vielleicht die Hamburgische Dramaturgie, das macht sich immer gut auf dem literarischen Buffet, dann noch drei Kilo Jungliteraten zum Einmachen, für das Dessert ein, zwei Gedichte von Morgenstern, ach ja: als Hauptgang Fisches Nachtgesang nicht zu vergessen, und für die Toilette den Zettelkasten von Arno Schmidt, ich glaube das wär’s, halt nein, für den Ausgleichssport noch 5 Kilo Hera Lind und Konsortinnen zum Werfen, so, und das Ganze bitte gratis, Fräulein, sonst gehe ich zur Konkurrenz...!”
 
Daß wir also dieses reichhaltige Bild von Buchläden – reden wir, bitte, nicht von E-Books! (brrr!) - vor uns haben: wie ist das gekommen?
 
 
Lesen Sie am kommenden Dienstag weiter,
was unser Kolumnist zum Thema Buch für Sie notiert hat!