Wie: B├╝cher?! (3)

von Konrad Beikircher

Foto © Frank Becker
Wie: Bücher?!
 
Konrad Beikircher über Literatur (2)


Zurück zum Buchhandel. Die Frage ‘Wer war zuerst da? Buch oder Leser?’ hat sich also gar nicht gestellt, weil beides einander bedingt und wo das so ist, ist immer einer da, der was zu verkaufen hat. Der eine Bücher, der andere Leser, wie Sie ja aus der sog. Beilagenforschung zur Genüge wissen, diese Grunddynamiken haben sich ja seit damals nicht geändert. Und die regionale Abhängigkeit dieser Dinge auch nicht. Hugendubel, der größte Münchner, was sage ich: bayerische Buchhändler, wäre schlecht beraten, wollte er für meine rheinischen Bücher in der SZ eine Beilage schalten - gut, seit kurzem hätte er einen neuen Verkaufsweg: er hat die Zeitschrift Weltbild quasi gekauft und könnte somit ab sofort den Kauf ex cathedra zur Pflicht machen und den Absatz über seine neuen Mitarbeiter im Beichtstuhl regeln. Aber wer kann das denn sonst schon?
Andererseits: Bavariensia laufen in Bonn auch nicht gerade wie eine Eins...!
Zurück zum Griechen und Römer. Der bibliopóles in Athen oder der librarius im alten Rom hat es sich amfürsich schön eingerichtet: der eine teilte sich mit den Kollegen die Orchestrá, einen Schlupfwinkel der Agorá hinter den Tsatsiki-Verkäufern, der andere den Vicus Sandaliarius am Rande des Forum Romanum, gleich hinter den Urinarien des Vespasian, der die Buchhändler getröstet haben soll: non olet. Wie recht er damit hatte, weiß jeder, der schon mal Bücher unter dem Ladentisch gekauft hat.
 
Jedenfalls, kurz und klein, ab 3. Jahrhundert vor Christus war an sich im Buchhandel schon alles klar. Läden gabs, Drucker gabs - damals zwar noch mit Kartoffeldruck, was aber keine Zukunft haben konnte, denn zum einen vergilbt der einfach zu schnell, wie jeder weiß, dessen Kinder im Kindergarten sind, weshalb ja auch kein Exemplar erhalten ist, zum anderen aber hörten die Westfalen schlagartig auf, das Imperium mit der nur dort heimischen Knollenfrucht zu beliefern, als die Hunnen ihnen für das selbe Geld Vodka daraus brannten - und Vertreter gabs auch - zwar nicht so sehr als ausgebildetes Fachpersonal wie wir es heute kennen, aber man half sich damit, daß man jedem Legionär einfach ein paar Bücher in den Tornister steckte, als Munition für die Alphabetisierungskampagne, das eigentliche Motiv für die Ausbreitung des römischen Reiches, ein Motiv, dem leider angesichts teutonischer Trotzköpfigkeit die dauerhafte Umsetzung versagt bleiben mußte. Lesen, nicht hören, lesen Sie Richard Wagner und Sie wissen, wat ich meine.
Daß selbstverständlich über Jahrhunderte hin in Europa nur das Zeug verscherbelt wurde, was in Rom nicht mehr lief, gehört zu Geschäftsusancen, die uns auch heute nicht fremd sind - normal!
Also bei uns in Bonn z.B. isses so: wat nicht mehr läuft, wird nach Aachen jeschickt, klappet dort auch nicht mehr - ab nach Gütersloh in den großen Container an der Autobahn, dann kriegen dat die Bertelsmann-Mitglieder als Beißholz, weil die nur deren Fernsehsender einschalten dürfen! Die Papierhersteller filtern dat dann wieder aus dem Wasser ‘eraus und verticken dat Zeuch als graue Öko-Kalender an die Leute, die ihre Termine nicht nach der Uhr sondern nach den Mondphasen richten: Landwirte und Grüne.
 
Interessant am Rande: im 5. Jahrhundert v. Chr. kostete in Athen ein Buch von Anaxagoras 1 Drachme, 2 leere Chartái dagegen, also 2 Papyrusrollen somit also zwei potentielle Bücher, 2 Drachmen und 4 Oboloi! Klar: das Exemplar von Anaxagoras war ja schon beschrieben, also nicht mehr benutzbar! Ein Geschäftsprinzip, das ich auch heute noch in vielen Fällen für durchaus überlegenswert halte!
 
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: gut 1000 Jahre lang lag die Herstellung, Vervielfältigung und Verbreitung von Büchern in den Händen von Mönchen, oft von sinnigen Verkaufsideen begleitet, ich sage nur: Ablaß beim Kauf bestimmter Bücher, was für eine geniale Idee und kostenlos obendrein! Da können Beilagen-Entwerfer und Preisausschreiben-Designer doch nur von träumen! Mit zunehmender geistig-sittlicher Verwilderung jedoch traten auch weltliche Händler auf den Plan, zunächst noch mühsam gegängelt vom obligaten Imprimatur, dann aber - nach der Protestantenbewegung, die ja auch ursächlich mit dem Buchhandel zu tun hat, oder was glauben Sie, warum er sein Erstlingswerk in Wittenberg an die Kirchentür genagelt hat? Weil er für freien Bücherverkauf war, wat denn sonst! - griff der unkontrollierte Bücherverkauf um sich.
Aber wo Sie jrad sagen: Luther! Wat wär zum Beispiel gewesen, wenn Luther nicht im doch recht strengen Thüringen im Kloster gewesen wäre sondern, wollmermalsaren, in Walberberg? Wäre aus ihm nicht mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Mischung aus Augustinus und Kardinal Frings geworden, den die Kölner übrigens liebevoll „Singe Sack Zement, Erz Josef Kanal Frings“ nannten? Konsequent wie Augustinus aber barock-liebevoll gemildert vom rheinischen Bewußtsein um das Relative in allen Dingen?
Oder:
Wat wär jeworden, wenn er seine Thesen nicht in Wittenberg, sondern an die Tür von St. Kunibert in Köln jeheftet hätt, sagen wir mal: nicht am 31. Oktober sondern am 11.11.? Wie ich die Kölschen kenne, wären sie im Elferrat jelandet. Oder: es wäre vermutlich gar nicht so weit gekommen, weil er bis dahin schon so vom rheinischen Bazillus infiziert gewesen wäre, daß er den Tetzel Tetzel hätte sein lassen, den Tauschhandel „Die ewige Seligkeit im Sonderangebot gegen eine geringe Ablaßgebühr“ als bösen Schüttelscheck durchschaut und ihm wahrscheinlich entgegengehalten hätte: „Maach, wat de wills, Tetzel, ewwer nit mit mir“ und der Fisch wäre gegessen gewesen. Weil es im Rheinland viele Wege zur Seligkeit gibt: „Muß jeder selber wissen“.
 
In dieser Zeit also wurde gedruckt, was der Griffel hergab, Autoren schauten in die Röhre bekamen aber Freiexemplare, das heißt, wurden selbst zum Buchhandel gezwungen, die Frankfurter Hessen kämpften jahrhundertelang gegen die Leipziger Sachsen, sozusagen Buchrücken an Buchrücken, bis endlich einer kam und Schluß damit machte:
Philipp Erasmus Reich, der Erfinder des Händler-Rabatts und des Autorenhonorars, was wir übrigens einem der geistreichsten Schelme unserer Literatur zu verdanken haben: Christoph Martin Wieland. Der Biberacher nervte nämlich seinen Verleger Reich beinahe täglich (schwäbelnd): „Hano, Herr Reich, i kann nix mehr schreibe, 14 hungrige Kinder, jo wisset Sie, was des für e Gebrüll isch, es isch net auszuhalte, also wenn da net bald emol ebbes rüberwachst, also da woiß i wirkli net...“ Naja, hat funktioniert, gut so.
 



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