Nero - Kaiser, K√ľnstler und Tyrann.

Die Ausstellung in Trier

von Johannes Vesper

Nero Marmorporträt © Rheinisches Landesmuseum Trier, Th. Zühmer
Nero - Kaiser, Künstler und Tyrann.

Die Ausstellung in Trier
 
Er gilt als einer der berühmtesten Psychopathen der Weltgeschichte, der als 16-jähriger Kaiser von Rom wurde, der seinen Halbbruder ermordete, um sich die Thronfolge zu sichern; der seine Mutter ermordete, nachdem sie ihn durch ihre Intrigen auf den Thron gebracht hatte und der sich eher als Künstler und Sänger verstand. Wer war Nero? Erst nach Adoption gehörte er zur engeren kaiserlichen Familie. Von 54-68 n. Chr. beherrschte der Ur-Urenkel des berühmten und geschätzten Kaisers Augustus als Kaiser das Römische Weltreich und Theodor Mommsen hielt ihn für „eine Null in Staatsgeschäften, in allem und jedem dilettierte er. Der vielleicht nichtswürdigste Kaiser, der je auf römischem Thron gesessen hat“. Lebemann? Künstler? Verbrecher? Und warum diese Ausstellung nach 2000 Jahren in Deutschland? Beziehungen zu Germanien hatte Neros Mutter, die aus Köln gebürtige Agrippina, die im Jahre 50 n. Chr. als Ehefrau von Kaiser Claudius, Neros Vorgänger, ihren Namen der Stadt römischen Rechts colonia claudia ara aggripinensis (CCAA), dem heutigen Köln, zufügte. Wahrscheinlich hat sie, die römische Lady Macbeth, ihren Mann mit einem Pilzgericht vergiftet, und so ihren Sohn, den von Claudius zuvor adoptierten Nero, auf den Kaiserthron gesetzt. Mutter Agrippina wusste immer, was zu tun war, hatte eigene politische Vorstellungen und regierte wohl ein bißchen wie ein Vormund über ihren jugendlichen Sohn das Römische Reich. Tacitus vermutet sogar ein sexuelles Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. Der politischen Elite Roms versprach Nero alles und dem Volk bot er Brot und Spiele, sodaß er in den ersten Jahren seiner Herrschaft durchaus akzeptiert wurde und man in Rom gute Zeiten erwarten durfte. Immerhin war der junge Kaiser Nero vom Philosophen Seneca erzogen worden, der sich später seinen Namen machte mit Briefen zur Ethik. Seneca, selbst wegen Ehebruchs zeitweise aus Rom verbannt, hat gegen den Luxus, vor allem den Tafelluxus gewettert, hat öffentlich inszenierte Grausamkeiten, wie Gladiatorenspiele oder Tierjagden, in den Arenen verabscheut und damit aber seinen Zögling anscheinend nicht ausreichend beeindrucken können, der als Muttermörder, Christenverfolger und Brandstifter Roms in die Geschichte eingegangen ist. Nero war begabt, künstlerisch interessiert und stand mit seiner Lebensweise, seinen Skandalen und mit den Gerüchten über ihn im Zentrum des öffentlichen Interesses der damaligen Weltstadt Rom. Der berühmte Petronius arbiter beschrieb in seinen „Satyrica“ die gesellschaftliche Wirklichkeit in den sechziger Jahren des 1. Jahrhunderts und schilderte wie Habgier und Reichtum den Staat ruinieren. Was hätte Petronius wohl heute über unsere aktuellen Verhältnisse geschrieben? „30 Millionen Sesterzen hinterlassen, nie einen Philosophen gehört“, damit charakterisierte er die reich gewordenen Freigelassenen, die Emporkömmlinge, die ihren neuen Reichtum heraus stellen und die Bildung verachten. Das war die Zeit Neros, dem das Volk infolge seiner populistischen Politik durchaus Sympathie entgegen brachte. Das Volk schätzte die von ihm versprochenen Steuersenkungen, seine Spiele, seine Geld- und Getreidespenden. Unter seiner Regierung wurden ein Amphitheater und ein mehrstöckiger Lebensmittelmarkt in Rom gebaut. Persönlich verzichtete er auf Statuen von sich aus Gold oder Silber. Nero fürchtete den immer noch existierenden, ihm gegenüber kritischen römischen Senat und nach oder mit dem Mord an seiner Mutter (59 n. Chr.), deren Bevormundung er nicht länger ertragen konnte, wuchs sein Misstrauen gegenüber der höfischen Umgebung und der römischen politischen Elite. Zahlreichen Höflingen, vielen Mitgliedern der römischen Gesellschaft, an deren Unterstützung er zweifelte, glaubte er den Garaus machen zu müssen. Damit befand er sich in bester Gesellschaft seiner Vorgänger bzw. Nachfolger. In diesen Zeiten waren römische Kaiser nicht zimperlich.
 
Und seine Frauen? Kaiser Nero war dreimal verheiratet: mit Claudia Octavia, Poppea Sabina und Statilia Messalina. Claudia, die Tochter seines

Münze mit Agrippina © Rheinisches Landesmuseum Trier, Th. Zühmer
Adoptivvaters Claudius, wurde als 10-jährige Nero versprochen, mußte aber per Adoption erst die Familie wechseln, damit sie nicht ihren eigenen Bruder heiratete. Die große Liebe war das nicht. Bald nach der Hochzeit mit der 14-jährigen Claudia verliebte sich Nero in die wirtschaftlich sehr erfolgreiche Freigelassene Claudia acte, und seine 1. Ehefrau wurde wegen Unfruchtbarkeit, Ehebruchs und Hochverrats verstoßen und ermordet. Seine 2. Frau, Poppeae Sabina, war älter als Nero, schon zweimal verheiratet gewesen, und nicht unfruchtbar. Ihr Sohn aus 1. Ehe wurde auf Neros Veranlassung sicherheitshalber ermordet, bevor sie Nero eine Tochter Claudia gebar, die aber schon als Säugling der damaligen hohen Kindersterblichkeit zum Opfer fiel. Bei der 2. Schwangerschaft versetzte Nero aufbrausend, wie er war, seiner Frau Poppea einen Fußtritt, an dem sie verstorben sein soll. Neros 3. Frau Messalina stand für die kaiserliche Ehe erst zur Verfügung, nach dem Nero ihren 4. Ehemann zum Selbstmord getrieben hatte. Keine stabilen Familienverhältnisse bei Neros!
Im Jahre 64 n.Chr. wurde Rom von der berühmten Brand- Katastrophe heimgesucht. Tagelang stand Rom in Flammen und wurde großteils zerstört. Die Urheberschaft Neros an diesem Brand ist nicht gesichert. Um alle Schuld von sich abzulenken, beschuldigte er die Christen der Brandstiftung und brachte sie um, indem er sie wilden Tieren in den Arenen vorwarf oder sie am Kreuz verbrannte. Damit machte er sich nicht nur Freunde. Jedenfalls mußte Rom neu aufgebaut werden. Wohnquartiere und Obdachlosenunterkünfte finanzierte er aus seinem Privatvermögen, wobei die Trennungslinie zwischen seinem Privat- und dem Staatseigentum nicht immer klar zu erkennen war. Schuttabladeplätze wurden ausgewiesen. Bei Neubauten mußten Brandschutzvorschriften beachtet und Feuerlöschanlagen nachgewiesen werden. Die Innenstadt wurde vermessen. Öffentliche Badeanstalten (Thermen) mit riesigen Sälen und Höfen wurden gebaut, architektonisch und technisch höchst anspruchsvoll im Hinblick auf Wasser- und Energieversorgung. Es wurde ein regelrechter Bebauungsplan (Flächennutzungsplan), wahrscheinlich der älteste bekannte, erstellt. Und darin fand auch der verschwenderische Neubau des goldenen Palastes (Domus aurea) mit großzügigen Garten- und Wasseranlagen seinen Platz. Die Pläne wurden nach Neros Tod von den folgenden Flavierherrschern weitgehend umgeworfen, der große See im Domus Aurea-Park zugeschüttet und an seiner Stelle das Kolosseum errichtet. Architektur und Herrschaft bedingten sich gegenseitig schon im alten Rom. Die Verdammung des Andenkens (damnatio memoriae) und die politische Vernichtung des Namens wurde von seinen Nachfolgern konsequent betrieben und umfaßte also nicht nur das Abschlagen der Köpfe von den Büsten des gestürzten Kaisers, was auch schon die ägyptischen Pharaonen ertragen mußten (http://www.musenblaetter.de/artikel.php?aid=10681).
 
Kultur und Liebe zur Kunst bestimmten die Interessen Neros in seinen letzten Lebensjahren (64-68 nChr.). Er zog sich für ein Urlaubsjahr nach Griechenland zurück, pflegte dort Dichtung, Schauspielerei, Wagenrennen, Musik, kehrte mit zahllosen Lorbeerkränzen zurück, betrat Rom als siegreicher Triumphator über musikalische Konkurrenten und ließ sich für seine künstlerischen Erfolge mit bestelltem Applaus von seiner Claque feiern. Welche Karikatur römischer Traditionen.
War Nero wirklich Psychopath? War er ein Fall für den Psychiater? Die vorhandenen Quellen lassen eine exakte psychiatrische Diagnose nicht zu. Sicher finden sich bei Nero narzisstische Charakterzüge mit dem Bedürfnis nach übermäßiger Bewunderung, unkontrollierte Gewalttätigkeit und eine familiäre Belastung für neurologisch-psychiatrische Leiden. Caesarenwahn ist aber keine psychiatrische Diagnose und die modernen ICD-Kriterien lassen die sichere Diagnose einer Persönlichkeitsstörung oder einer anderen psychiatrischen Diagnose nicht zu.
Durch den Stadtbrand, der ihm angelastet wurde und zu Steuererhöhungen im ganzen Reich geführt hatte, und nach dem Kultururlaub in Griechen schwand seine Popularität. Militärisch stets desinteressiert, unterstützte ihn auch das römische Militär nicht, als er deren Sold für den Neubau Roms verwandte, und die Statthalter des Reiches sich gegen den Kaiser erhoben. Auch nach den ersten Berichten von Aufständen in Gallien war Nero stärker am Bau einer neuen Wasserorgel für das Theater als an einer Konfliktlösung interessiert. Die Aufstände griffen auf Norditalien über und die Unterstützung für den Kaiser nahm auch in Rom dramatisch ab. Verlaß war zuletzt nur noch auf seine von Augustus bereits gegründete, germanische Leibwache der Bataver aus der Gegend um Xanten, die ihn aber auch nicht mehr retten konnte. Nero floh nachts mit 4 Begleitern aus seinen römischen Palästen und brachte sich mit Hilfe seines Sekretärs um.



Und welch ein Künstler starb mit ihm? Alles über ihn und seine Zeit findet sich in der aktuellen Ausstellung in Trier, die mit Leihgaben aus ganz Europa aufwartet. Der bizarre Kaiser wird dort unter verschiedensten Aspekten dargestellt und in dem umfangreichen und opulent bebilderten Begleitband sachkundig und kompetent abgehandelt: Neros Weg zur Macht, am Hofe des Kaisers, Nero als Politiker, als Bauherr, als Künstler, als Mörder, die Geschichte seiner Rezeption, um nur einige Sichtweisen zu nennen. Das umfangreiche Literaturverzeichnis weckt weiteres Interesse. In Oper, Film und Literatur lebt Nero seit 2000 Jahren und wird auch das Publikum in Trier fesseln.

Nero – Kaiser, Künstler und Tyrann
(Schriftenreihe des Rheinischen Landesmuseums Trier Nr. 40). Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum Trier, Museum am Dom Trier, Stadtmuseum Simeonstift Trier. Konrad Theiss Verlag (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). 2016, 439 S. ISBN 978-3-944371-04-07 (Museumsausgabe), ISBN 978-8062-3309-4 (Buchhandelsausgabe) 39.95 € im Buchhandel, 29.25 € in der Ausstellung.