Siebenschläfer

Zum 85. Geburtstag Karl Otto Mühls gelesen

von Andreas Steffens

(K)eine Heimatliteratur

Karl Otto Mühls >Siebenschläfer<

  

„Boshaft muß Kunst sein“, sagte Max, „böse“.

Der Autor selbst teilte die Maxime einer seiner Figuren nicht. Selten ist mit soviel freundlichem Gleichmut und derart gefaßt-disziplinierter Umsicht für die Banalitäten seines Alltags von der Unmöglichkeit des Lebens erzählt worden. Einer Unmöglichkeit, die dem Leben nicht entgegensteht, sondern ihm innewohnt.

Dabei beginnt der Prolog mit einem ketzerischen Paukenschlag. Einen beliebten Griff des 18. Jahrhunderts verwendend, das seine Wahrheiten zwar schon offen aussprechen konnte, deren Autoren aber oft noch verborgen halten mußte, indem er aus dem Nachlaß eines Freundes zu zitieren vorgibt, schlägt der Autor sein Thema an, wie es gewaltiger nicht ginge.

Mach ein Ende mit der Welt. Laß sie zerplatzen. Vernichte die Boshaften und die Braven, die Lieblosen und die Zärtlichen, die Gewichtigen und die Harmlosen. Laß die Gefängnisse einstürzen, laß die Welt unter Blitzen verdampfen. Darum ersuche ich. Du sagtest ja, wir sollten beten: Dein Reich komme.

Ebenso behutsam wie entschärfend als letzte Äußerung eines Geisteskranken deklariert, ist dieses Gebet nichts anderes als Gnosis pur: die kaum verhohlene Zurücknahme der Verheißung des Zweiten Bundes im Neuen Testament. Schöpfung und Erlösung unterliegen nicht derselben göttlichen Verantwortlichkeit.
Derart eingestimmt, erwartet der Leser eine Erzählung von der Unmöglichkeit des Menschen als Zeugnis für das Versagen des Schöpfer-Gottes.
Auf nur einer knappen Seite in kunstvoll-pseudoprivater Behutsamkeit angesprochen, verliert diese gewaltige Einstimmung in das Drama der europäischen Geistesgeschichte sich schon bald in der Erzählung – die es doch keinen einzigen Moment aus den Augen verliert.
Denn wenn irgendwo, dann zeigt die Unzumutbarkeit des Lebens sich in den Niederungen seiner alltäglichsten Verrichtungen, nicht in seinen dramatischen Ausnahmemomenten.

Ich kaufe ein: Wein, Schnaps, einen Schlafanzug, Vorhangringe, Petersilie, Bücher, Apfelsinen, Äpfel, Joghurt, Klosettpapier, ein Trinkglas, Majoran, Kartoffeln, Kalbsschnitzel, Blutwurst, einen braunen Schlips, Tannenduft-Räucherkerzen, Slips, Mundwasser, Rasierwasser, eine Verbindungsschnur für die Gemeinschaftsantenne im Haus, Marken für die Angestelltenversicherung. Ich sehe den Frauen nach: nur am Samstagmorgen sieht man so viele und so hübsche Frauen in der Stadt. Zu Hause dusche ich das Petersiliensträußchen unter dem Wasserhahn und stelle es in ein Glas, wasche die Äpfel ab, klebe die Rabattmarken ein. Dann klappe ich auf der Veranda, in der Herbstsonne, den Liegestuhl auf und hole eine Flasche mit Grapefruittonic, das Radio und die Samstagszeitung.

Wer eine derartige Schilderung liest, und darin nicht sofort die absurde Unzumutbarkeit des Lebens gespiegelt findet, der besitzt das Wichtigste, das es zu seiner Führung braucht: Einverständnis mit dem Trivialen.
Für den Schriftsteller liegt darin die Gefahr, das seinem Wesen nach triviale Leben bloß zu beschreiben - was ihm, hat er Glück, im Mißverständnis eines allgemeinen Sichwiederfindens eine breite Leserschaft eintragen kann - , statt aus seinen Beschreibungen hervortreten zu lassen, wie und wozu es ist, wie es nun einmal ist: damit jeder aus seinem Leben seines auch machen kann, haben alle dasselbe.
Mühl entgeht dieser Gefahr, indem er sich gleich weit entfernt hält von rebellischer Denunziation wie von einverständiger Verklärung.
Das habe ich erst spät bemerkt, denn als das Buch 1975 – vom Verlag denkbar lieblos ausgestattet und schluderig produziert – zuerst erschien, sollte ich seiner Lektüre noch lange Jahre ausweichen – was sollte mir dieser Nachkriegsmief eines sich neu ertüchtigenden Kleinbürgertums, wiederauferstanden zu den ‚Wonnen der Gewöhnlichkeit’, erzählt von einem, der ebenso dulderisch wie abgeklärt nicht mitkam, weil er so weder mitkommen wollte, noch konnte? Da bot der ebenso dulderische, doch dabei rebellierende Böllsche Clown dem Gemüt des in dieses Milieu Hineingeborenen die zu eigenem Lebensaufbruch passendere Stimmung.
Inzwischen liegt es umgekehrt. Mühsam, fast peinlich, geriet Bölls späte Wiederlektüre; Mühls späte Erstlektüre dagegen zu einer überraschenden Entdeckung: wie es möglich sei, aus der Schilderung einer Lebenszeit in einer Stadt, in der so manches erfunden wurde, doch gewiß nicht das rechte Leben, etwas fürs Leben zu lernen.

Obwohl es eine bedeutende Rolle in der deutschen, ja der Weltökonomie spielte, ist dieses Wuppertal, 1929 durch einen Berliner Verwaltungsakt zur Stadt erklärt, die es dann nie wurde, von abstoßender Geschichtslosigkeit: so ohne Eigensinn, daß sein Stolz bevorzugt denen gilt, die es woanders zu etwas brachten. Heimat bietet sie am ehesten Zugewanderten - der Wuppertaler Mühl wurde in Nürnberg geboren - ; Einheimische lehrt sie die Fremde lieben: ärmlich noch im Reichtum, macht sie zu gründlich und zu sehr mit den Befremdlichkeiten des Lebens bekannt, von altersher protestantisch ganz auf dessen Mühen eingestellt, und alles beargwöhnend, was sie mildern könnte. Und ist doch ein Ursprungsort zur Weltverbreitung jenes Traums politischer Verwirklichung eines guten Lebens für alle gewesen, den zu träumen so notwendig war, wie aus ihm zu erwachen, unvermeidlich.

Ohne Anklage, ohne Eifer, ohne Empörung, in gelassener Unbestechlichkeit handelt Mühls >Siebenschläfer< vom Allerweltsleben, das er mit einer zu jeder Zeit unzeitgemäßen Demut des unvermeidlich Involvierten beschreibt, die dadurch erträglich wird, daß sie eine Gestalt von Lebensklugheit ist: Nimm es, wie es ist, und erwarte nichts; sei, wie du nun einmal bist, aber tue das deine, und laß dich darin nicht beirren.
Auf die große Geste, auf welche die erste Seite einstimmte, verzichtet der Autor zugunsten einer Herbheit der Sprache, die ihrer Präzision umso reicher zugute kommt. So entsteht bei scheinbarer Entsprechung ein genauer Gegenpol zum geschilderten Milieu. In die geschmeidige Kargheit der ehrlichen Haut hat sich der Melancholiker zu retten gewußt, der die Wahrheit kennt, und doch lebt, wie alle Welt. Seine Nüchternheit ist durch die Rettung in die Gestaltungsdisziplin der Sprachkunst erworben.
Das ist so gelungen, daß für ein paar Momente der Eindruck entstehen will, das Kleinbürgerliche könnte vielleicht doch eine Kultur abgeben – aber am Ende eben doch nur für einen, der sie schon hat. Es bleibt dabei: es ist keine Lebensform; es ist die verbreitetste Form, das Leben hinter sich zu bringen, ohne es gelebt haben zu müssen.

Dreißig Jahre nach seinem ersten Erscheinen ist dieser Roman nicht nur ein zeitgeschichtliches Zeugnis, das veranschaulicht, wie unter den verstörenden Bedingungen der Nachkriegszeit forcierte Banalität zu einer kollektiven Selbsttherapie gegen zeitlos existentielle Versehrungen wie Krankheit, Einsamkeit, Existenznot und Geisteskrankheit werden konnte; da nach dem Verschwinden gleichermaßen von Bürgertum wie Proletariat in der Universalisierung des neuen Kapitalismus der Kleinbürger zum sozialen Weltstandard aufstieg, bietet sein Nachspiel zugleich ein Vorspiel zu Künftigem.
Mit der gelassenen Resignation Mühlscher Art, die Lebensteilnahme nicht ausschließt, sondern intensiviert – „Du hast mehr vom Leben als ich“, sagte Max nach einer Pause. „Ich?“ „Ja. Du quälst dich, deshalb empfindest du alles schärfer. Darauf bin ich neidisch“, erklärt eine Figur dem verdutzten Erzähler – , läßt es sich alt werden.

Die Erzählung endet in der Zeit, in der ich dort geboren wurde, wo sie spielt; nun beinahe so alt wie der Autor damals, grüße ich ihn heute zu seinem 85.


Karl Otto Mühl, Siebenschläfer. Roman, Luchterhand Verlag, Darmstadt-Neuwied 1975;  Sonderreihe dtv, München 1977; NordPark Verlag, Wuppertal 2002


© Andreas Steffens - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2008