Seh-Reise (5)

F├╝nfte Ausfahrt: Gustav Klimt

von Michael Zeller

Michael Zeller - Foto © Frank Becker
Michael Zeller: Seh-Reise (5)
 
Mit Bildern durch das Jahr
 
5. Ausfahrt: Gustav Klimt
 
 
Das Los des Dezimierens fiel diesmal nicht auf ein Bild, sondern auf einen kleinen Ausschnitt davon. Denn wie anders auch als in kleinen Häppchen soll dieses monumentale Gemälde fotografiert werden, das sich über mehrere Wände der Wiener „Secession“ zieht, Gustav Klimts Beethovenfries? Ein Werk, das überwältigt durch seine schiere Größe – und durch den Hohen Ton, der darin angeschlagen ist. Gerade dieser Wille zum Überwältigen ist es, der immer wieder Zweifel in mir hinterläßt, einen Widerstand weckt.
Und doch habe ich mir bei einem meiner Besuche dort (natürlich) die Postkarte von der „Poesie“ mitgenommen, der Inkarnation der Dichtkunst, wie Klimt sie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gesehen haben wollte:
Eine säulenhaft schlanke Figur in rotgoldenem knöchellangen Gewand, sei`s Mann (Apoll) oder Frau (Weib). Der Kopf (das Haupt) in Edelblässe von angedeutet antikischen Zügen, maskenweiß wie der schmale rechte, überlängte Arm: Scharf abgeknickt liegt der Kopf (das Haupt) auf der Brust. Die spinnendünnen Finger zupfen die Saiten der Leier an. Geschlossenen Auges, allem enthoben, ganz bei und in sich, verrichtet die
personifizierte Dichtkunst ihr Tönen. Das Instrument aus Gold, reich dekoriert mit Schneckenmuster, ohne daß eine Form zu erkennen wäre: Ausfließendes Gold, in den Raum hinein, grenzenlos wie der Klang von Musik. Diese Leier wirkt wie das Stück aus einem minoischen Goldschatz, dessen Verwendung vergessen worden ist.
Über dem lautlosen Musizieren schwebend, schwimmend zwei Engel, horizontaler Kontrapost zu der stehenden Figur, auch sie mit geschlossenen Augen, die Frisuren aufwendig frisiert wie bei japanischen Geishas. Geishaweiß auch ihre Gesichter, selbst das Gewand, in dem sie im Äther der Töne dahinwallen. Nein, das sind sichtbar keine Menschen aus Fleisch und Blut. Sie gehören dem Jenseits an, einem Reich des Geistes.
Die Stehende aber, so versunken sie ist in sich, sie lebt. Zu üppig wuchert ihr Haarschopf, fällt über die Schulter und auf ihre Brust. Sein Schwarz, ein vitales Schwarz steht in einem harten Gegensatz zu all dem Gold und Rotgold und Weiß, der feierlichen Exklusivität von Kunst.
Eine Woche lang lag sie mir im Blick, neben den prosaischen Verrichtungen des Alltags, denen meine Aufmerksamkeit zu gelten hatte. An Mykonos habe mich erinnert gefühlt, an ein Wandbild aus einem kretischen Palast, viel eher als an das Wien um 1900. Am allerwenigsten aber dachte ich dabei an mein eigenes Tun, das Singen und Sagen, als meinen Beitrag zum Leben. Daß dieser Stil, den Klimt mitgeprägt hat, „Jugendstil“ genannt wird, kam mir dabei als einer der Witze vor, an denen Europas Kulturgeschichte so überreich ist. „Jugend“ allenfalls, sofern diese „Poesie“ an die Anfänge europäischen Kunstschaffens im Mittelmeerraum erinnert.
Fern und kostbar und kaum mehr zu entziffern, aber schön. Um seiner selbst willen.
 
Gustav Klimt, Beethovenfries (1901/02), Die Poesie
Österreichische Galerie Wien
Redaktion: Frank Becker