Die mi├čratene Bohnensuppe

von Eugen Egner

Foto © Frank Becker

Die mißratene Bohnensuppe

Den halben Tag hat es gedauert, bis wir das Wasser in dem riesigen Kessel auf unserer einfachen Feuerstelle zum Kochen gebracht haben. Wir schütten die stunden­lang vorbereiteten Zutaten für eine Bohnensuppe hin­ein, von der erwartet wird, daß sie sowohl schmack- als auch nahrhaft werden soll. Meine Mitköche lassen mich für kurze Zeit mit der brodelnden Suppe allein, denn sie wollen ein Transistorradio herbeiholen, damit das Essen nachher bei Tafelmusik stattfinden kann.

Ausschließlich ans Kochen auf Elektroherden ge­wöhnt, weiß ich mir nicht zu helfen, als die Suppe bald stärker und stärker kocht. Der Rührlöffel fällt mir dum­merweise in den Topf. Um die Hitzezufuhr zu drosseln, versuche ich, brennende Holzscheite aus dem Feuer zu ziehen, gebe aber schnell auf. Verzweifelt laufe ich jam­mernd zwischen dem gedeckten Tisch und der Feuer­stelle hin und her - die Situation wächst mir über den Kopf. Schon rinnt die wild überschäumende Bohnen­suppe am Kessel hinunter ins Feuer. Ich stoße spitze Schreie aus und ergreife zwei volle Weinflaschen. In mei­ner äußersten Not schlage ich mit den Flaschen auf die über den Kesselrand quellende Suppe ein und schreie aus Leibeskräften.

In diesem Moment kehren meine Mitköche samt Radio zurück. Ich kann ihnen nach dem Geschehenen nicht in die Augen sehen und erwarte am Boden liegend ihren ge­rechten Zorn. »Tötet mich«, fordere ich sie auf, weil mir das die sauberste Lösung zu sein scheint. O nein, davon wol­len meine Mitköche nichts hören - keine Spur von Anklage!

Sie zeigen sehr viel Verständnis, und zum Zeichen der Vergebung wirft einer von ihnen sogar das Transistorradio in den Suppenkessel. Was für wunderbare Menschen!

© Eugen Egner