Wej de Kronleuchder vun der Synagoch ronnerkomm äas

(Wir dürfen es nie vergessen, d. Red.)

von Rudolf Engel

Wej de Kronleuchder vun
der Synagoch ronnerkomm äas

Das Schreckliche dieser Nacht war damit noch nicht alles. In der Schule konnte ich überhaupt nicht bei der Sache sein; aber unser Fräulein war es auch nicht. Am Ende des Unterrichts sagte sie, wir sollten sofort nach Hause gehen und nirgends stehen bleiben. Aber an einer bestimmten Stelle bin ich dann doch mit einigen Klassenkameraden stehen geblieben, denn dort ist dann die andere Geschichte passiert:
Mein Heimweg von der Schule führte an der Synagoge vorbei. Bis zu jenem Tag war uns katholischen Kindern nie vergönnt gewesen, in dieses jüdische Gotteshaus, das stets verborgene Geheimnis der andersgläubigen Brotdorfer, hineinzuschauen. Jetzt aber stand das obere Portal in seinem romanisch gewölbten Tor sperrangelweit offen, und man konnte von der Schwelle aus über die Empore hinweg in einen einzigen, fast quadratisch großen Raum hinuntersehen. Und da unten waren Männer in braunen Uniformen mit der Hakenkreuzbinde am Arm dabei, die ganze Einrichtung des geweihten Ortes mit ihren Äxten zu zerschlagen. Eine Gruppe der SA-Leute machte sich an dem riesigen Kronleuchter zu schaffen, der mitten über dem Raum von der Decke hing und in tausend Glaskristallen glitzerte, in meinen Augen das Kostbarste, was ich bis dahin je gesehen hatte.
Unten, parterre bot sich bereits das Bild wüster Zerstörung, auf den Trümmern standen in wichtigtuender Haltung einige Uniformierte herum und schauten gespannt nach oben, wo von der Empore aus die beiden SA-Leute sich so eifrig mit dem Kronleuchter befaßten.
Die beiden Männer versuchen, mit einer langen Stange, an dessen entferntem Ende ein eiserner Widerhaken befestigt ist, an die Aufhängung des Kronleuchters heranzukommen. Nach einiger Zeit gelingt es ihnen, den Haken in das Gewirr von Kristallteilchen einzuführen, den Kronleuchter zu erfassen und durch heftiges Hin- und Herbewegen zum Schaukeln zu bringen.
 
Dieser Teilerfolg, ja jede weitere Schwingung des mächtigen Leuchters wird von den SA-Leuten, die unten im Raume stehen, inzwischen aber alle seitlich an die Wände zurückgewichen sind, mit einer Salve hellen Gekröhls bejubelt, bis sich endlich das klirrende Riesenpendel soweit aufschaukelt, daß es aus dem Haken in der Decke ausklingt, zu Boden stürzt, mit einem zerreißenden Geklirr aufprallt und in tausend Stücke zerschellt...
Einige meiner Schulkameraden, unter denen die Ereignisse dieses 9. Novembers noch eine zeitlang danach besprochen wurden, zeigten sich von diesen Geschehnissen weniger nachhaltig bedenklich gestimmt, sondern eher belustigt, vor allem über die plötzliche Enthüllung des Synagogengeheimnisses und den spektakulären Sturz des großen Kronleuchters.
Ich aber spürte, daß mit diesem Urknall mutwilliger Zerstörung in mir etwas zerbrochen war und zwar für immer; zerbrochen war die Illusion, die mir das Leben bis hierhin vorgaukelte, alle Menschen, zumindest die Erwachsenen, seien von Grund auf gut, seien uns Kindern gegenüber nur darauf bedacht, eine wohlbehütete friedliche Welt zu schaffen und uns vor jeglichem Unheil zu bewahren. Nie war ich bisher mit offenem Unrecht und roher Gewalt konfrontiert worden, und das nun auf einen Schlag so unvermittelt, so eindringlich und doch so unverständlich, daß ich nicht anders wohl konnte, als es zu verdrängen, ohne es jemals zu vergessen. Voller Schreck und Entsetzen starrte ich damals wie gebannt auf den Scherbenhaufen im Innern der zerstörten Synagoge; aber einen der beiden Kristallhelden hatte ich trotz seiner braunen Verkleidung wiedererkannt; ich habe ihn damals fast täglich gesehen. Wenn ich auf meinem Schulweg an seinem Haus vorbeiging und ihn dabei häufig im Garten sah und - wie jeden im Dorf - stets freundlich grüßte, dann grüßte er stets ebenso freundlich zurück. Doch von diesem Morgen an wich ich stets seinem Blick aus, wenn ich ihm begegnete; es gelang mir nie, seine pflegerische Gartenarbeit mit der zerstörerischen Tätigkeit in der Synagoge in Einklang  zu bringen.
 
Einige Jahre später: Das großdeutsche Reich, das in seiner Unmenschlichkeit, nicht nur auf dem Scherbenhaufen jener Nacht und jenes Morgens aufgebaut war, hat dann auch dieser Brotdorfer SA-Mann ohne äußere Blessuren, aber wohl nicht ohne bleibende "innere Rückstände" überlebt; denn bei der ersten unpassenden Gelegenheit hatte jener Kleingartenpfleger die Stirn, sich in einem skurrilen Prozeß inszenierter Selbstentnazifizierung auf makabre Weise von seiner damaligen Schuld befreien zu wollen, in dem er sich ganz in der Art der Unverbesserlichen über sein e eigenen Heldentaten von damals lustig machte.
Der schrecklichste aller Kriege, das grausamste aller Reiche, die fürchterlichste Gräueltat, die an der Menschheit je begangen wurden, waren endlich vorbei. Mein Dorf hatte sich einigermaßen von der jüngsten Geschichte erholt. Es wurde fleißig gearbeitet, und es wurden wieder alle Feste des Jahres zünftig gefeiert, jetzt wieder mit dem selbstgekelterten Viez, dem selbstgebrannten Schnaps und vor allem mit dem französischen Rotwein, der durch den wirtschaftlichen  Anschluß des Saarlandes an Frankreich nunmehr reichlich floß. Auf der ersten karnevalistischen Kappensitzung im Saal des Kaiserhofes ereignete sich etwas, was offensichtlich nur weninge mit mir als außergewöhnlich schockierend empfanden:
Nachdem die auswendig gelernten und mit schiefem Pathos vorgetragenen Büttenreden vorüber waren, stand ein Mann aus dem Publikum auf, trat in die Bütt, strich sich die dunkelbraunen Haare schräg in die Stirn, zog mit einem vorher angebrannten Korken einen breiten Rußstrich senkrecht unter die Nase und nahm gekonnt eine allen bekannte Pose ein. Die Rede, die dann in der Maske des Schnurrbärtigen von Braunau folgte, war von teuflischer Eingabe und bitter makabrer Realität: „Volksgenossen....,Soldaten...“
Und was als Parodie begann, steigerte sich dramatisch zur peinlichen Beschwörung des Ungeistes. Und als die Augen des Redners am Glanz der eigenen Worte zu glühen begannen, da stieg in meiner Erinnerung plötzlich wieder das Bild eines im Lichtschein des Feuers verzerrten Gesichtes auf: Es waren dieselben blitzenden Augen, in die ich damals geschaut hatte, als der Kronleuchter von der Decke der Synagoge herunterdonnerte, es war dasselbe Gesicht, das im hellen Widerschein grinsend aufleuchtete, als die alte Sarah in frostiger Nacht im bloßen Nachthemd aus ihrem Haus auf den Misthaufen gezerrt wurde.
 
Der gelungene Versuch einer aussöhnlichen Begegnung

Nach der Schreckensherrschaft waren alle Spuren über die einstige Lebensgemeinschaft von Christen  und Juden in unserm Dorf wie ausgelöscht. Niemand der einstigen jüdischen Mitbürger ist je wieder nach Brotdorf zurückgekehrt, und auch die Synagoge gibt es längst nicht mehr.
Erst als ich das Manuskript zu meinen Erinnerungen einer guten Verwandten von mir, der Herta Engel, zu lesen gab, da schickte sie mir ein ganzes Paket von Unterlagen, aus denen hervorgeht, wie sehr sich Herta in einer umfangreichen, geduldigen Recherche über eine lange Zeit hinweg bemüht hat, den Verbleib der Brotdorfer Juden aufzudecken, die den Holocaust überlebten und wie dann endlich durch ihre Initiative eine Wiederbegegnung mit ihnen zustande kam.
Herta erreichte schließlich in Zusammenarbeit mit der „Christlichen Erwachsenenbildung Merzig“, daß eine Gruppe von 52 ehemaliger jüdischen Mitbürgern  aus aller Welt in unserm Dorf zusammenkam, um sich gemeinsam mit den anderen Brotdorfern zu erinnern und vielleicht sogar ein wenig auszusöhnen.
Tant Sarah war nicht mit zurück gekommen; der alte Moses, ihr Mann, hatte bereits damals schon in Brotdorf die Schreckensnacht nicht überlebt.
Bei der damaligen Begegnung wurde dort, wo einst die Synagoge stand, von den christlichen und jüdischen  Brotdorfern gemeinsam eine Gedenkstein errichtet. Bürgermeister Walter Anton mahnte dabei aus der Vergangenheit in die Gegenwart weisend:
„Wir dürfen nicht darüber hinwegsehen, dass unsere Jugend auch heute noch an dem Verbrechen der Nationalsozialisten schuldig werden könnte, dann nämlich, wenn sie ihre aus dem damaligen Geschehen erwachsene Verantwortung nicht erkennen würde.“
 
aus:
Rudolf Engel:
Dreimal >Heim ins Reich< und zurück,
Hamburg, 2003