Boyce, Mozart Haydn

Das Sinfonieorchester Wuppertal in der Henrichsh├╝tte Hattingen

von Johannes Vesper

Henrichshütte - Foto © Johannes Vesper

Boyce, Mozart Haydn:

Das Sinfonieorchester Wuppertal in der Henrichshütte Hattingen
 
Von Johannes Vesper
 
1854 gegründet, 1987 stillgelegt, teilweise nach China verkauft, jetzt LWL-Industriemuseum , ist die Henrichshütte in Hattingen Sinnbild des Strukturwandels an der Ruhr, historisches Sinnbild preußisch-deutscher Industrie und auch nach Teilabriß immer noch ein bemerkenswertes Industriedenkmal. In der Gebläsehalle des ehemaligen Bessemerstahlwerks war jetzt an einem regnerischen Samstagnachmittag (09.03.1019) das Sinfonieorchester Wuppertal mit seiner Reihe „Uptown Classics“ unter Julia Jones zu hören. Am Tage zuvor hatte das Orchester in der Friedhofskirche an der Hochstraße in Elberfeld mit demselben Programm gastiert. In dieser Reihe spielt das Orchester an verschiedenen Orten unter der Vorstellung, Publikum zu verlocken, welches die großen Sinfoniekonzerte in der herrlichen Historischen Stadthalle auf dem Johannisberg in Wuppertal nicht reizt.
     Für die Musik des 18. Jahrhunderts erwies sich die Akustik des Hattinger Saals als sehr gut geeignet. Das kurze Konzert (gut 60 Min. Gesamtdauer) wurde mit einer Sinfonie von William Boyce (1710-1779) eröffnet, dem neben Händel bedeutendsten Komponisten Englands jener Zeit. Er stammte aus kleinen Verhältnissen, promovierte in Cambridge, wurde später Chefdirigent der Kings Band und Organist der Chapel Royal, was nach Angaben von Julia Jones auch auf dieser „kleinen verrückten Insel jenseits des Ärmelkanals“ schon einer bemerkenswerten Karriere entsprach. Seine blitzsauber, lebendig gespielte Sinfonie Nr. 5 D-Dur op. 2 zeigt noch keine Elemente der damals modernen Mannheimer Schule, faszinierte aber auch als hochbarockes „Concerto grosso“ in adäquater Spielweise das Publikum. Mozarts (1756-1791) Sinfonia concertante für Violine, Viola und Orchester (KV 364) entstand 1779 nach seiner Rückkehr aus Paris. W.A. spielte beide Instrumente, die im Hinblick auf Anforderungen und Schwierigkeit auch gleich behandelt wurden. Stimmungsmäßig handelt es sich um ein Duo, vielleicht sogar um ein Liebesduett im langsamen Satz, wie Julia Jones in ihrer charmanten Einführung vermutete. Jedenfalls wird das Stück im Konzertsaal nicht häufig aufgeführt. Immerhin diente es in Viscontis „Gewalt und Leidenschaft“ als Filmmusik (Beginn des 2. Satzes jedes Mal nach erfolgreichem Männermord durch Frauen!) wie auch in „Jenseits von Afrika oder in Milos Formans „Amadeus“. Die merkwürdige Kombination von virtuoser heller Geige und dunkler (melancholischer?) Bratsche stellte eine musikalische Herausforderung dar. Durchsichtig musiziert, verschafften sich die Solisten (Yusuke Hayashi, Violine: Konzertmeister der SOW seit 2017; Hikaru Moriyama, Viola: stellvertretende Solobratschistin seit 2002) mit ihrem musikalischen, exakten, dynamisch und agogisch wunderbar aufeinander abgestimmten Zusammenspiel stets ihren Platz gegenüber dem begleitenden Orchester, wobei der Bratsche von der elegant schlagenden Dirigentin gelegentlich mehr Aufmerksamkeit, mehr Raum hätte gegeben werden können. Viel Applaus mit einzelnen Bravi gab es für die Solisten.
     Zuletzt endlich Haydns Sinfonie Nr. 38 C-Dur (Echo) von 1767, in der im 2. Satz die 2. Geige con sordino jede Phrase jedes Motiv der ersten Geigen leiser und leiser wiederholt, also wolle sie endlich auch einmal das letzte Wort behalten. Der humorvolle Haydn ließ sich diese Persiflage auf die barocke Spielweise mit Echo als wichtigstes Element der Dynamik nicht entgehen. Die Aufgaben der Solo Oboe im 3. Und 4. Satz stehen wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Oboenstar Vittorino Colombozzo, der damals neu in das Esterhazysche Orchester gekommen war. Julia Jones drückte ihre Hoffnung aus, daß der Solist des Nachmittags, Andreas Heimann (Solo-Oboist des SOW) länger beim Wuppertaler Sinfonieorchester bleiben werde als Vittorino Colombozzo, der nach wenigen Monaten Schloß Esterhazy wieder verlassen hatte. Nach zunächst leicht unterschiedlichen Tempo-Vorstellungen zwischen konzertanter Oboe und Dirigentin musizierten alle durchsichtig, delikat und in herrlicher Frische. Viel Applaus und ein wunderbarer Nachmittag unter dem Dach des Stahlwerks, auf das der Regen prasselte. Zu wünschen ist diesem Orchester, welches sich wieder mal in Hochform präsentierte, daß neues Publikum aus der Region und Wuppertal Interesse findet. Vielleicht könnten ja neben anderen Spielorten auch andere Formate also z.B. „Downtown Grooves“ in der Konfrontation von Orchestermusik mit zeitgenössischen Bands aus Rock und Popszene Interesse wecken.