Was war das denn?

Oliver Frljić inszeniert „Die Hamletmaschine“ von Heiner Müller am Wiener Burgtheater-Kasino

von Renate Wagner

Foto: Burgtheater © Horn

Wien / Kasino des Burgtheater:

„Die Hamletmaschine“ von Heiner Müller
Premiere: 17. Jänner 2020
 
Wenn man nicht ohnedies aufgehört hätte, sich über irgendetwas zu wundern, was auf Wiener Bühnen geboten wird, würde man es vielleicht mit leichtem Kopfschütteln feststellen: Ja, es geht immer noch schlimmer. Hätte man sich je vorgestellt, einem nackten Schauspieler dabei zuzusehen, wie er mit einem riesigen Schwein (es ist, thank god for small favours, nicht echt, wirkt aber so) – kopuliert? Und das in so vielen Stellungen und mit so vielen Öffnungen bei Mensch und Tier, reib, reib, stoß, stoß, schleck, schleck, daß man dieser Brechreiz erzeugenden Tätigkeit mit seltsamer Faszination zusieht. Weil man es eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Aber es passiert, live, auf der Bühne des Burgtheater-Kasinos. (Davor hat sich der nackte Darsteller noch ein A 4 großes Stück Papier kunstvoll in den Anus gestopft. Die anderen Darsteller haben ihre Papiere aufgegessen. Mahlzeit!)
 
Wovon ist die Rede? Angeblich von einer Aufführung von „Die Hamletmaschine“ von Heiner Müller. Er hat mit dieser 1977 entstandenen Paraphrase von Gedanken und Motiven aus „Hamlet“, die in Bezug zu Müllers Überlegungen zu Politik und seine gesellschaftliche Wut gebracht wurden, eines der ersten „Stücke“ geliefert, das keines war, sondern einfach nur Text.
Wie ein Regisseur und Darsteller „Theater“ daraus machen, steht ihnen völlig frei. Sie können auch kaum etwas machen, was in Bezug zum „Original“ steht, auch egal. Sie müssen auch das Stück (wie es hier geschieht) nicht mit seinem berühmten Satz „Ich war Hamlet“ beginnen lassen. Ein Regisseur wie Oliver Frljić kann im Programmheft so hoch gestochen plaudern, wie er nur will – wenn er in einem Sarg ein Schwein hereinschleppen läßt, ist das seine Sache. Und Mann, o Mann, was ihm zu diesem Schwein noch alles einfällt!
 
Wer die „Hamletmaschine“ gelesen und schon einmal gesehen hat (zuletzt war in Wien 2015 im Vestibül des Burgtheaters die Gelegenheit), der ist ein wenig ratlos über das, was sich hier im Kasino abspielt. Es scheint – mit fünf Darstellern – nicht nur reich musikverbrämt (gerne auch mit „Gott erhalte“) und slapstickartig, sondern auch weitestgehend sinnfrei.
Bis dann das Publikum einbezogen wird. Da nehmen sie nacheinander die Mikros, sehen auf die Zuschauertribüne und klagen an, daß sie in lauter weiße Gesichter blicken, die privilegiert genug seien, ins Theater zu gehen. Schon will man sich unter der Schwere dieser Anklage schuldbewußt ducken, bis man seinen Verstand wiederfindet und sich fragt, welches Verbrechen man begeht, wenn man als weißer Mitteleuropäer in seiner Heimatstadt im Theater sitzt.
Dann wird man belehrt, daß die Schauspieler zwar auch „weiß“ (ist das strafbar?), aber wenigstens alle „Ausländer“ seien. Darum bezieht man Branko Samarovski einfach nicht ein, denn der ist ja Österreicher, und das paßt hier nicht – aber immerhin im damaligen Jugoslawien geboren, hätte sich da nicht was drehen lassen? Egal, er kommt in dieser „Vorstellung“ der Protagonisten nicht vor.
 
Man erfährt, daß Max Gindorff nicht nur aus Luxemburg stammt, sondern auch schwul ist. Marcel Heuperman ist Deutscher. Ja, so kommentiert die Ukrainerin Marta Kizyma, eindeutig geht es darum, österreichischen Schauspielern ihre Jobs wegzunehmen. Will jemand die Handynummer von Martin Kusej, um sich zu beschweren? Sie gibt sie gerne heraus…
Besagte Marta Kizyma hat übrigens wirklich vorbildhaft akzentfrei Deutsch gelernt. Daß man solches von der Ungarin Annamária Láng nicht sagen kann, wird noblerweise nicht erwähnt. Dennoch quält sie mir ihrem Akzent (wie schon in „Der Meister und Margarita“) dermaßen, daß es an Zumutung grenzt. „Das wird man doch sagen dürfen?“ Darf man? Vermutlich nicht. Immer diese Ausländerfeindlichkeit!
Diese Annamária Láng, mit einer „Krone“ am Kopf, als wäre sie Gertrud (ach ja, Ophelia wird, dies nebenbei bemerkt, von Branko Samarovski gespielt!), hat sich mit ein paar Zwirnsfäden „gefesselt“. Das Publikum wird nun aufgefordert, eine Schere zu nehmen und symbolisch „Ungarn zu befreien“ (Flüchtlingsfrage, eh schon wissen). Niemand ist „grün“ genug, hier helfend herbei zu stürzen. Bis zur nächsten Vorstellung wird sich herumgesprochen haben, was vom Publikum erwartet wird.
Inzwischen hat man kapiert, daß es vor allem um diesen aggressiven Einschub gegangen ist, „Publikumsbeschimpfung“, La MaMa, ja, ja, das waren noch schöne Happenings. Und wenn Marcel Heuperman dann ausführlich das Schwein fickt – das ist schon was als Äquivalent für das müde Heute. Oder?
 
Was war das? Nun, offenbar die zwanghafte, verkrampfte, aber auch ziemlich fickrig-infantile Lust zu provozieren (und wer da unbedingt einen tieferen Sinn hineingeheimnissen wollte, ist selber schuld). Und, verdammt noch mal, es klappt nicht! Wo waren die schönen, naiven Zeiten, als ein braves Wiener Publikum angesichts von Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ protestierte, weil man sich („gesundes Volksempfinden???“) so nicht auf der Bühne dargestellt sehen wollte!?!
Heute sieht man einem nackten Schauspieler beim Schweineficken zu – und das Publikum klatscht. Und warum? Weil es ihm, allen Bemühungen zum Trotz, völlig egal ist, was da vorgeht…
 
Renate Wagner