„Das Leben ist ein ständiges Weiterkriechen.“

Karl Otto Mühl zum 97. Geburtstag

von Frank Becker

Foto © Frank Becker
„Das Leben ist ein ständiges Weiterkriechen.“
 
Karl Otto Mühl zum 97. Geburtstag
 
Die Unermüdlichkeit des Geistes ist vermutlich der Weg zu ungebrochener Schaffenskraft von der Frische der Jugend bis in die Reife des Alters. Der Wuppertaler Dramatiker, Romancier und Lyriker Karl Otto Mühl ist diesen Weg 85 Jahre lang gegangen. Heute feiert er in Wuppertal seinen 97. Geburtstag.
 
An den Wänden seines Arbeitszimmers sind Fotos angeheftet: Max Schmeling ist zu sehen und Hermann Schulz. Franz Kafka und Siegmund Freud teilen sich den Platz mit Werner Zimmermann, Karl-Heinz Schniewindt und einigen anderen. Diese Männer bedeuten ihm etwas, deshalb möchte Karl Otto Mühl ihre Fotos da um sich haben, wo er schreibt.
Angefangen hat es vor gut 85 Jahren, wenige Jahre nachdem der 1923 in Nürnberg geborene Sohn eines Werkmeisters durch die Versetzung des Vaters 1929 in die gerade erst zusammen gefügte Stadt Wuppertal gekommen war. Der Anstoß zum Schreiben kam von einem alten Herrn aus der Nachbarschaft, einem ehemaligen Straßenbahnschaffner. Der kluge Mann, der – Mühl erinnert sich genau – ein altväterliches Hörrohr aus Messing benutzte, sprach oft mit dem Knaben und ermunterte ihn, aufzuschreiben, was da in seinem Kopf vorging. Der Junge schrieb, wandte sich an die Lokalzeitung «General-Anzeiger» – und konnte 1932 in der Jugendbeilage erste Kindergeschichten veröffentlichen. Später schrieb er neben dem Besuch der Realschule und der Lehre als Industriekaufmann weiter. Gedichte, Theaterstücke und «Epigonales», angeregt von großen Vorbildern.
 
1941 wurde Karl Otto Mühl zur Fahne gerufen, mußte in den Krieg ziehen. Bis 1942 hatte er die literarische Produktion vom Zufall des Einfalls abhängig gemacht. Sein Krieg währte ein Jahr, er überlebte, geriet in der libyschen Wüste bei El Alamein in englische Gefangenschaft. Nun schrieb er mit Plan – Dichtung zum Überleben. Fünf Jahre verbrachte der junge Mann, der kein Soldat hatte sein wollen, in Gefangenenlagern in Afrika, Europa und den USA. Und er schrieb: Gedichte, Aphorismen, Erinnerungen, Gedankenfetzen, Ideen – in schmale Oktavhefte, Kladden, die er bewahren konnte und 1947 mit zurück nach Hause brachte. Für die «Musenblätter» öffnete Mühl sein Archiv und erlaubte die Erstveröffentlichung bisher ungedruckter Texte:
 
Da wir es fühlten
 
Die bange Lust von Sommernachmittagen,
und gelbe Felder, die den Himmel tragen,
ein Dornbusch, starrend, wild verzweigt,
der sich in seinen Schatten neigt –
die Nächte nahen barfuß, nicht zu hören,
und gehen früh und wissen, daß sie stören.
Wir liessen stumm erschreckt die Arme nieder.
Es blinzelte durch träge Augenlider
ringsum mit schmalem Blick die Welt;
die Krüge wurden hingestellt,
und standen durstig an verdorrten Flüssen---
da wir es fühlten, daß wir sterben müssen.
 
(auf 1944/45 zu datieren)
 
1944 hatte Mühl in Naples/New York als «Prisoner Of War» zum Traubenpressen dienstverpflichtet, den Dramatiker Tankred Dorst kennen gelernt und Impulse von ihm bekommen Die Wege der beiden sollten sich später erneut kreuzen. Ins Ruinenfeld des zerstörten Wuppertal zurück gekehrt, folgte er dem Ruf Paul Pörtners, sich der Künstlergruppe «Der Turm» anzuschließen. Robert Wolfgang Schnell und später Tankred Dorst gehörten wie auch der verstorbene Maler Wolfgang vom Schemm dazu. Man sprach über Literatur und Kunst, Mühl schrieb Kurzgeschichten. 1948 legte er am Carl-Duisberg-Gymnasium sein nachgeholtes Abitur ab. Der Neuanfang war gemacht. Jetzt aber galten erst einmal Beruf und Brot. Diese Zeit beschrieb er in seinem erfolgreichen Romanerstling «Siebenschläfer», den er als mittlerweile leitender Angestellter zwischen 1964 und 1969 geschrieben hatte, aber erst 1975, im Jahr nach seinem Durchbruch als Dramatiker mit „Rheinpromenade“ veröffentlichte. Auch das mit durchschlagendem Erfolg (ca. 70 Inszenierungen) die deutschen Bühnen stürmende Stück hatte Mühl «nebenbei» geschrieben: «Täglich 20 Minuten hatte ich, während ich im Ratskeller Neuss auf meine Frau wartete», erinnert er sich. 1970 hatte Mühl geheiratet. Drei Töchter hat er mit seiner Frau Dagmar Friebel.
 
Weitere Theaterstücke folgen: «Rosenmontag», «Kur in Bad Wiessee», «Die Reise der alten Männer». Dreizehn sind es seither geworden, dazu Drehbücher zu Fernsehfilmen, Hörspiele, Romane und Gedichte. Der 1975 verliehene Von der Heydt-Preis beflügelte. Schon 1972 hatte sich Mühl durch Vermittlung Horst Laubes und Tankred Dorsts dem Verlag der Autoren angeschlossen, aber auch beim Hermann Luchterhand Verlag (Trumpeners Irrtum), beim Peter Hammer Veröag (Ein Neger zum Tee), beim Brockmeyer Verlag (Totenwache) und beim Verlag HP Nacke (Störrische Gedichte) veröffentlicht. Seit 2002 hat er für Prosa und Lyrik eine neue Verlagsheimat beim Wuppertaler NordPark Verlag gefunden, der u.a. die Gedichtbände In­mitten der Rätsel,  Lass uns nie erwachen und Simon Weinzierls hemmungslose Verse,  die Neuauflage des Romans Siebenschläfer, die Romane Hungrige Könige,  Nackte Hunde und Die alten Soldaten. die Gedichte und Lieder aus dem Theaterstück Das Privileg, das Besondere Heft Sandsturm,  die Aphorismensammlung Geklopfte Sprüche und zwei Bände mit Stehcafé-Geschichten.
Mühl denkt mittlerweile schon daran, aufzuhören, bzw. «Ein bißchen weniger vielleicht», sagt er und: «Das Leben ist ein ständiges Weiterkriechen.» Seit einer 1982 glücklich überstandenen Krebsoperation hat er die Einsicht gewonnen. «Wir sind ein Prozeß, aber die Leute wollen immer gerne, daß wir ein Denkmal sind.»
 
© Text und Foto: Frank Becker