Mode? Realit├Ąt?

Peter Lindbergh: Untold Stories.

von Johannes Vesper

Peter Lindbergh: Mode? Realität?
Untold Stories
 
Von Johannes Vesper
 
Die aktuelle Ausstellung in Düsseldorf (die Sie nun der Corona-Krise geschuldet leider nicht anschauen können) hatte er noch selbst kuratiert, bevor er im September 2019 verstarb. Aber glücklicherweise gibt es den opulenten Katalog dazu, den wir Ihnen hier vorstellen.
1944 wurde Peter Brodbeck in Lissa (ca. 70 km südlich von Posen, Wartheland) geboren, verbrachte seine Jugend aber in Duisburg, machte nach der Schule als 15jähriger eine Lehre zum Schaufensterdekorateur, jobbte gelegentlich, reiste zwei Jahre durch Frankreich, Spanien und Marokko, bevor er in der Werkkunstschule Krefeld freie Malerei, Gebrauchsgrafik und Design studierte. 1969 gab es eine erste Ausstellung seiner Werke bei Denise René/Hans Mayer in Krefeld. 1971 begann er ebenfalls in Düsseldorf mit der Fotografie, nannte sich Peter Lindbergh und bald erschienen seine Fotos im Stern (1978), in Vogue und in The New Yorker. Wichtige Museen weltweit besitzen seine Werke (Victoria& Albert Museum, London, Centre Pompidou, Metropolitan New York, Kunstpalast Düsseldorf u.a.). Seit 1978 lebte er bis zu seinem Tod in Paris.
 
Er verdiente sein Geld als Modefotograf, besuchte aber in den letzten 25 Jahren keine Modeschau mehr. Der Fummel an sich, Sexappeal und Glamour war sein Thema nicht. Ihn interessierte weniger die Mode als das Model, die Frau, die er mit seiner Kamera betrachtete und die ihrerseits am Ende auf dem Foto den Betrachter ansieht (Naomi Campbell, Ibiza 2000 (mehrere Bilder); Ulma Thurmann New York 2016 u.a). Claudia Schiffer (Santa Monica 1997) schaut cool aus dem Bild heraus. Der dunkle klare Hintergrund betont jede Einzelheit ihrer nicht fleckenlosen Gesichtshaut. Was wohl hinter ihrer Stirn abgeht? Was denken so Porträtierte? Darüber würde man gerne mehr wissen. Darüber erzählen die Bilder aber naturgemäß nichts. Andere Aufnahmen zeigen Szenen, ohne daß man erfährt, was den Frauen widerfahren ist, welche Rolle sie darin gespielt haben. Erin Wasson (Paramont Studios Hollywood 2016) wurde 2016 in Hollywood wie auf dem Theater in dunkler Straße angestrahlt. Die Aufnahme wurde inszeniert wie die Aufnahme von Angela Lindvall & Chris Dye in den Warner Bros. Studios Burbank 2004. Das Foto von den Männern auf der Straße vor hellem Licht (Los Angeles 2000) oder auch das von Mariacarla Boscono u. Sharon Cohend Ault 2014 im Vordergrund vor horizontal strahlendem Licht im Hintergrund oder das der beiden Männer, die auf den Fässern (Stomp Bologna 1997) tanzen und mit Stangen herumfuchteln, könnten in ihrer Dramatik auf Opernbühnen entstanden sein.
 

Lindbergh untold stories - Claudia Schifffer, Santa Monica 1997,  Karen Elson Los Angeles 1997


Lindbergh untold stories - Naomi Campbell, Ibiza 2000

Was Kristen McMenamy widerfahren ist, wenn sie quer über einem Stuhl liegt, links mit dem Kopf fast den Boden berührt, während sie die nackten Beine aus dem kurzen Kleid heraus rechts in die Luft reckt? Meist in schwarz/weiß - viel authentischer als Farbe, meinte Peter Lindbergh - sind höchst stimmungsvolle Bilder von Szenen zu sehen, die ungehörte, jedenfalls nicht erzählte Geschichten zu erzählen scheinen, was der Titel des Buches und der Ausstellung in Düsseldorf suggeriert (Untold Stories). Um Schnappschüsse, beiläufig aus dem Moment heraus geschossene Aufnahmen handelt es sich jedenfalls kaum. Andere Bilder leben von dem gezeigten Ausschnitt eines Bildes, welches der Betrachter mit seiner Phantasie vervollständigen kann. Die vier  Paar Frauenbeine auf Stühlen, im Bereich der Oberschenkel abgeschnitten (Atelier Baude Paris 1997), wecken Phantasien bezüglich dessen, was oberhalb des tatsächlichen Bildes eben nicht zu sehen ist. Die Lebens- und Genußfreude des Fotografen wird deutlich bei den Aktfotografien Karen Elsons (Los Angeles 1997) sowie bei der italienisch anmutenden Tafel (Sasha Pivovarova u.a. Brooklyn 2015). Erstmals sieht man in der Ausstellung Filmaufnahmen eines Todeskandidaten, der 30 Minuten in seiner Todeszelle in die Kamera schaut. Über einen Spiegel entstanden diese Aufnahmen. Minimale Veränderungen des nicht sehr ausdrucksstarken Gesichts gewinnen ihre Bedeutung durch die zum Tode verurteilte Person und ihre Taten, über die wir nichts erfahren. Wurde Täter oder Opfer abgelichtet?
 
 
Lindbergh untold stories - Los Angeles 2000

Unter seinem Lachen, seiner Leichtigkeit des Seins, seiner Sorglosigkeit, seiner Präsenz und seiner Freundlichkeit blühte seine Fotografie, meint Wim Wenders, dem Peter Lindberg ein guter, ein sehr guter Freund war und der sich in seinem sehr persönlichen Nachruf die Frage gestellt und beantwortet hat: „Was waren seine größten Gaben“? Exzellente Fototechnik, also Beherrschung von Blende, Belichtungszeit usw., reicht alleine für diese wunderbaren Fotos nicht aus. Sein Interesse und seine Neugierde am Gegenüber kommen dazu. Mit einem guten fotografischen Blick für die Situation gelingt es ihm wie seiner engen Freundin Pina Bausch, gelingt es seiner Persönlichkeit, seinem Charme, seinem künstlerischen Ernst die Models in eine Stimmung zu versetzen, in welcher sie die Lust haben, vor ihm zu posieren, sich von ihm fotografieren zu lassen. Vielleicht trifft das sogar auf die schwarzen Krähen zu, die er auf und über der Parkbank (New York 2005) vor den teilweise hellen Zweigen des umgebenden Gebüschs abgelichtet hat. Für diese Aufnahme wird er „keine Mannschaft von Beleuchtern, Kostüm- und Maskenbildnern, Techniker und Requisiteuren“, keinen Hollywood Filmset benötigt aber doch geduldig abgewartet haben bis Licht auf den Zweigen und Position der Vögel „stimmten“. Der Auswahl seiner Bilder ging das penible, konzentrierte Sichten von Tausenden Bildern voran.
 
 
Lindbergh untold stories - Sasha Pivovarova, Steffy Argelich, Kirsten Owen & Guinevere van Seenus, Brooklyn, 2015 Brooklyn 2015

Wim Wenders, schreibt zum Schluß, daß Schönheit im Sinne von Peter Lindberg nicht als Folge von Mode, sondern als Ausdruck seiner Freundlichkeit, Menschlichkeit, Freiheit und Unbefangenheit zu verstehen sei. Im abgedruckten interview mit Felix Krämer gesteht der Fotograf, daß das Kuratieren seiner Ausstellung ihm nicht leicht gefallen sei. Er habe dabei zum ersten Mal in einem anderen Kontext als dem der Mode über seine Bilder nachgedacht. Fotografie umfasse viel mehr als Mode, sie gehöre zur Gegenwartskultur und Modefotografie stelle einen eigenen Kulturbeitrag dar. Introspektion, Ausdruck, Empathie und Freiheit seien das, was ihn an der Fotografie interessiere. Lindberghs Bilder haben wie z.B. auch die seiner Freundin Pina Bausch unsere Sehgewohnheiten verändert. Schon bei vorangegangenen Ausstellungen in Rotterdam und München unter dem Titel „From Fashion to Reality“ ging es dem Fotografen kaum mehr um Mode, sondern um die Entwicklung des Künstlers. Ist Fotografie Kunst? Im Interview mit Felix Krämer fühlte er sich nicht als Künstler. Zu Unrecht! Fotografie ist Fotografie, sagte er. Das reicht.
 
Ohne Inhaltsverzeichnis und ohne Seitenangaben auf den Fotos ist die Zuordnung zu Entstehungsort und dargestellten Personen (Verzeichnis S. 282 ff) nicht benutzerfreundlich.
 
Peter Lindbergh: Untold Stories.
Photographs by Peter Lindbergh, published on the occasion oft the exhibition. Curator Peter Lindbergh, Kunstpalast Düsseldorf February to June 1 2020, Texte in Englisch, Deutsch und Französisch.
Von Wim Wenders stammt die „Erinnerung an Peter Lindbergh“ (Nachruf). Abgedruckt ist ferner: Peter Lindbergh im Gespräch mit Felix Krämer mit farbiger Skizze zum Ausstellungsplan.
© 2020 Taschen GmbH / © 2020 Peter Lindbergh Foundation, 320 Seiten, gebunden, 158 Abbildungen – ISBN:  978-3-8365-7991-9
60,- €
 
Weitere Informationen: www.taschen.com
 
Anschließend wandert die Ausstellung (wahrscheinlich) weiter:
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (20. Juni - 01. November 2020), Hessisches Landesmuseum Darmstadt (04. Dezember 2020 - 07. März 2021) und Museum d´Arte Contemporanea Donnaregina in Neapel (März - Mai 2021).
 
 Redaktion: Frank Becker