Das schwarze Gl├╝ck (2)

von Erwin Grosche

© 1966 Eduscho / Archiv Musenblätter

Das schwarze Glück
 
(eine süße Gebrauchsanweisung für einen entspannenden Augenblick,
vom Verfasser erprobt und aufgeschrieben)
 
2. Das Hauptspiel
 
Wenn wir nun die zwei Schokoladenriegel auspacken, merken wir auf einmal, daß sie in der Mitte leicht angeritzt sind, und das reizt so richtig, sie zu brechen; das soll man dann auch ruhig tun, denn so erhält man anstatt zwei Schokoladenriegeln vier 1/4-Schokoladenriegel, was ja schon mal eine Veränderung ist, und Veränderungen sind ja eigentlich immer ganz gut.
     Aber zur Sache: Einen dieser vier 1/4-Schokoladenriegel, bitte nur einen, legen wir auf die Zunge in den Rachenraum hinein, da kann er erstmal liegenbleiben, da tut er keinem was, und schließen den Mund ... ... jetzt kommts:
 
     Nun nehmen wir von dem heißen Kaffee - er muß heiß sein, sonst tauschen Sie ihn lieber um - einen gezielten heißen Schluck . . . und jetzt passierts:
 
     Der kleine 1/4-Schokoladenriegel, der bisher so unbedarft im Rachenraum herumlag, wird überrascht vom Eintreffen des heißen Kaffees und löst sich ohne eigenes Zutun, selbständig, fast vollständig auf. Im ganzen Rachenraum entsteht quasi so etwas wie eine Schokoladenlava, die sich selber ihren Weg sucht, bis sie in dieses häßliche Wort wie „Speiseröhre“ gelangt ist. Man kann dies noch forcieren durch bewußte kleine Kaffeenachschlucke, aber das ganze ist ein Erlebnis, welches man rein sprachlich, also verbal, ganz schlecht erfassen kann.
 
     Die umstehenden Gäste von Eduscho spüren auf einmal, „da ist etwas geschehen, da machen sich positive Energien breit, wir spüren Wärme und Harmonie“, aber sie wissen nicht, woher sie kommt, und das ist ja auch schön, daß man Glück spenden kann und trotzdem dabei anonym bleiben darf.
     Leider - ich will das gar nicht verschweigen - hat diese Entspannungsart auch einen Nachteil. Da man am Anfang mit dem Kaffeegenuß so ungestüm ist, bleibt man in der Regel auf dem letzten 1/4 Schokoladenriegel hängen. Jetzt machen viele den Fehler, gehen noch einmal zu der silbernen Box, holen sich noch einen Kaffee und noch einmal zwei Schokoladenriegel, was ja Quatsch ist, weil man dann wieder auf dem letzten 1/4 Schokoladenriegel hängenbleiben wird - und soviel Kaffee trinken, bis das mal, rein mathematisch, hinkommt, das schafft kein Mensch.
     Ich hab' es probiert. Der Puls rast unnötig schnell, man neigt zu Schweißausbrüchen und ist sehr leicht erregbar, was nicht angenehm ist, auch nicht für die umstehenden Gäste von Eduscho; es ist meistens ihre knappbemessene Frühstückspause, und das muß ja auch nicht sein. Dann lieber den letzten 1/4 Schokoladenriegel so genießen, wie es ihm zukommen könnte, also mit einer Tasse Kaffee, und außerdem ist dieses Schauspiel ja am nächsten Tag beliebig wiederholbar, wenn man will.
 
 
(Folgen Sie nach diesem Hauptakt am kommenden Samstag
unbedingt unserem Genießer beim Nachspiel.)
 
Anmerkung: Dies ist eine Geschichte aus der Hoch-Zeit nicht nur des Paderborner Kaffeetrinkens,
als es noch die D-Mark gab und man noch zwischen verschiedenen Kaffee-Röstern wählen konnte.