Ein Loblied auf die Schule

Heinrich Spoerl - „Die Feuerzangenbowle“ - Eine Lausbüberei in der Kleinstadt

von Frank Becker

„Dieser Roman ist ein Loblied auf die Schule, aber es ist möglich, daß die Schule es nicht merkt.“

Ein Loblied auf die Schule


Meine erste Ausgabe der „Feuerzangenbowle“ bekam ich als Pennäler von meinen Eltern zum Geburtstag oder zu Weihnachten, ich weiß das nicht mehr zuverlässig. Ich muß etwa 14 Jahre alt gewesen sein und vielleicht ist damals der Eindruck entstanden, ich bräuchte etwas, das mir die Schule schmackhafter machen könnte. Ein weiser Einfall, denn mit diesem Buch ist es rundum gelungen. Ich ging zu einer Zeit, als die Klassen noch Sexta, Quinta, Quarta, Tertia und Prima hießen, in einer Kleinstadt, die Babenberg hätte heißen können, auf ein humanistisches Knaben-Gymnasium aus der wilhelminischen Epoche. Unter unseren Lehrer gab es Originale, als seien sie einer Schulposse entsprungen - und wir verehrten oder belächelten sie. Nur sie durften das wuchtige Gebäude durch den Haupteingang betreten. Schüler hatten den Eingang vom Schulhof aus zu benutzen. Im Treppenhaus des altehrwürdigen Schulgebäudes stand die Kopie einer griechische Plastik, die Flure rochen nach Bohnerwachs und um das Lehrerzimmer machten wir einen respektvollen Bogen.

Besonnte Zeit

"Er soll aber denken..." - Heinz Rühmann, Hans
Leibelt - Foto © atlas Film

Unser von allen hoch angesehener Biologielehrer Dr. B. warf mit Kreidestücken, in schweren Fällen mit seinem Schlüsselbund, wenn wir schwätzten oder träumten. Beim Musiklehrer Herrn Sch. lasen wir Micky Maus oder Fix und Foxi unter der Bank und er ließ es durchgehen. Sie hatten Spitznamen wie „Pelz“, „Hummel“ oder „Kongo“ und waren uns ebensowenig gewachsen wie wir dem Griechischen, dem Latein oder der Mathematik. In den heißen Sommern drängelten wir uns kurz vor 10.00 Uhr um das an der schattigsten Stelle der Schule aufgehängte Thermometer - manchmal wurde es behaucht. Was für ein Jubel, wenn dann die Quecksilbersäule die kritische Temperatur von 27 Grad anzeigte! Dann gab es nämlich Hitzefrei. Das kam wirklich vor. Unsere ersten Freundinnen „bezogen“ wir natürlich vom benachbarten Lyzeum der Ursulinerinnen. Es war eine besonnte, glückliche Zeit, die ich Schultag für Schultag wie Nektar aufsog. Die erste Zigarette, das erste Bier, der erste Kuß. Alles verbindet sich mit dieser Zeit, in der ich Heinrich Spoerls Roman „Die Feuerzangenbowle“ wohl ein dutzendmal las und an Freunde verlieh, bis das geliebte Buch - eine in rotes Leinen gebundene Lizenz-Ausgabe der Deutschen Buchgemeinschaft - schier auseinanderfiel.

Bilder im Kopf


"Wissense wat, Frollein - lassen se mich meine Jungs
in Frieden" - Paul Henckels, Hilde Sessak

Foto © atlas Film
In genau eine solche Welt läßt Heinrich Spoerl seinen Helden Johannes Pfeiffer aus Berlin, Verzeihung: Dr. Johannes Pfeiffer, soviel Zeit muß sein, eintauchen, damit er, der gefeierte Schriftsteller, von Privatlehrern erzogen, der nie eine richtige Penne mit richtigen Paukern erlebt hatte, dieses unerhörten Glücks doch noch teilhaftig wird. Es ist die aus dem Rausch der Feuerzangenbowle geborene Idee seiner honorigen, lebensälteren Freunde, die alle, wie mein Großvater, mein Vater (noch mit Band und Mütze) und ich eben dieses Glück hatten. Man schickt ihn also als Hans Pfeiffer in dieses traumhaft verschlafene Provinzstädtchen Odernitz (Babenberg hieß es in der Verfilmung und in späteren Auflagen), wo er nun erstmals in seinem Leben die Schulbank drückt und noch einmal als „Schöler Pfeiffer“ sein Abitur machen soll. Hier verschmelzen die Kopf-Bilder der Lektüre mit denen der kongenialen Verfilmung von Helmut Weiss aus dem Jahr 1944, zu der Werner Bochmann die Musik geschrieben hat. Das Drehbuch besorgte übrigens damals Heinrich Spoerl selbst. Angefangen von der Zimmerwirtin Witwe Windscheid, über Gymnasialdirektor Knauer (genannt Zeus), in dessen blondes Töchterlein Eva sich Hans unsterblich verliebt, Professor Crey (genannt Schnauz), Professor Bömmel, Mathematiklehrer Dr. Brett, Musiklehrer Fridolin, den Pedell, die Herrenrunde und Pfeiffers Verlobte Marion bis zu den Mitschülern Luck, Rosen, Knebel, Schrenk und Ackermann hat Heinrich Spoerl ein wunderbares Personal erfunden, das bis heute seine Leser hat und immer wieder neue findet. Bernd Ruland, ein Epigone, hat mit seinem Roman „Flegeljahre am Rhein“ 1960 dem großen Vorbild Heinrich Spoerl Reverenz erwiesen.

Der Film


Im Karzer - Ewald Wenck, Heinz Rühmann 
Foto © atlas Film
Der Film, er muß immer mal wieder erwähnt werden (gemeint ist die oben erwähnte Fassung von 1944, nicht die erste, etwas hölzerne von 1934 - ganz vergessen sollte man den dritten, dünnen Aufguß, den Helmut Käutner (!) 1970 versucht hat), verschaffte dem Buch einen großen Teil seiner unerhörten Popularität, zeichnete er doch mit Liebe die Figuren der Romanvorlage und die beliebten Lausbübereien von Chartreuse grün, dem Schummelversuch mit dem Taschenspiegel, Bömmels verstecktem Schuh und dem „Heute geschlossen“-Schild am Schultor, dem Heidelbeerwein in Prof. Creys Chemiestunde, bis zu seiner Kopie durch Pfeiffer erkennbar und urkomisch nach. Die von Ernst Ecksteins „Der Besuch im Carcer“ beeinflußte Karzer-Szene ist ebenso unvergessen wie Pfeiffers Flucht vor Marion im letzten Moment. Der Film verschaffte nicht zuletzt durch Heinz Rühmanns Pfeiffer, Erich Pontos Crey, Paul Henckels´ Bömmel, Karin Himboldts Eva, Hans Leibelts Zeus und Hilde Sessaks Marion dem Buch die Bestätigung der Bilder, die man so im Kopf hatte. Mit jedem Anschauen des Films, jeder neuen Lektüre des Romans oder neuerdings beim Anhören eines großartigen Hörbuchs, das den gelesenen Text mit O-Tönen des Films verbindet, kann man noch einmal in die Illusion einer heilen Welt eintauchen, wie es sie schon lange nicht mehr gibt, vielleicht ja nie gegeben hat. „Die Feuerzangenbowle“, eines der charmantesten Büchern der deutschen Literaturgeschichte, gehört zu den zehn Büchern, die ich mit auf eine einsame Insel nehmen würde.

Wahr sind die Erinnerungen...


Wahr sind die Erinnerungen..., die Träume..., die
Sehnsüchte... - Foto © atlas Film
Lassen Sie mich die letzten Zeilen von Heinrich Spoerls Roman zitieren, der mit seinem Verlag in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiern kann:
„Aber nun kommt das traurige Happy End: Hans Pfeiffer ist nicht von der Schule geflogen. Und er hat auch die Eva nicht bekommen. Das ging auch nicht. Denn Hans Pfeiffer war auf gar keinem Gymnasium. Und sein Direktor hatte auch keine Tochter. Hans Pfeiffer war überhaupt niemals in Odernitz. Denn Odernitz gibt es gar nicht. Und solche Gymnasien mit solchen Magistern und solchen Lausbuben gibt es erst recht nicht. Hat es auch niemals gegeben - oder höchstens im Verschönerungsspiegel der Erinnerung.
Hans Pfeiffer, über dessen mangelnde Wahrheitsliebe verschiedentlich geklagt werden mußte, hat die ganze Geschichte von A bis Z erlogen. Frei erfunden wie alle seine Geschichten. Sogar sich selbst mitsamt Marion und Literaturpreis, hat er erfunden.
Wahr an der Geschichte ist lediglich der Anfang: die Feuerzangenbowle.
Wahr sind auch die Erinnerungen, die wir mit uns tragen; die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.“       
        


Widmung

...damit wollen wir uns
bescheiden...
Foto © Nico Biesenbach


Diese mit meinen eigenen Erinnerungen durchwebte Buchbesprechung widme ich meinem alten Schulfreund Karl-Heinz Biesenbach, mit dem mich seit der Penne eine lebenslange Freundschaft verband. Mit ihm konnte ich in unserem Stamm-Café „Schulte“ (seit Schülertagen) von den guten alten Zeiten, der Penne, unseren Paukern und den Mädchen unserer Jugend träumen - und wir haben es oft getan. Ihm hätte ich gegönnt, „Die Feuerzangenbowle“ noch einmal zu lesen. Das Café „Schulte“ gibt es schon lange nicht mehr, und Karl-Heinz ist nicht mehr unter uns. Er starb im Sommer vor 16 Jahren.

Heinrich Spoerl - „Die Feuerzangenbowle“
Eine Lausbüberei in der Kleinstadt
© 1933 Industrie-Verlag u. Druckerei  -  Verlag der Mittag-Bücherei, Düsseldorf

© 2008 Droste Verlag, Düsseldorf, 216 Seiten, HLn., mit einem Frontispiz des Umschlags der ersten Ausgabe von Otto Pankok und einem Nachwort von Joseph Anton Kruse - 12,95 €

© 2019 Droste Verlag, 248 Seiten, Softcover, Leinen, 20,- €
ISBN 978-3-7700-2138-3


Die Abbildungen aus dem Film „Die Feuerzangenbowle
erscheinen mit freundlicher Genehmigung von www.goldie-film.de
 
Weitere Informationen unter:  www.drosteverlag.de  sowie unter: www.kinowelt.de