Freundschaft

Mariani-Klavierquartett – „Brahms & Gernsheim – Piano Quartets Vol. 1”

von Johannes Vesper

Freundschaft
 
Mariani-Klavierquartett mit Brahms & Gernsheim
 
Das Repertoire für Klavierquartett (Klavier, Geige, Bratsche Violoncello) ist nicht sehr groß und so gibt es bekannterweise nicht viele feste Ensembles für diese Gattung. Das Mariani-Klavierquartett gründete sich immerhin schon 2009, nachdem die Mitglieder zuvor eine solistische Karriere verfolgt hatten. Auf großen Musikfestivals (Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein), in den berühmten Kammermusiksälen Europas (Philharmonie Berlin, Beethoven-Haus Bonn und anderswo) zuhause, wurde das Ensemble auch mit zahlreichen Rundfunkaufnahmen (NDR und SWR) bekannt. Zwecks Erweiterung des Repertoires wandte sich das Ensemble auch Raritäten zu, spielte die Klavierquartette der romantischen Komponistin Emilie Meyer oder des rumänischen Nationalkomponisten George Enescu ein. Man will sich nicht nur auf die Klassiker (Mozart, Beethoven, Schumann Brahms) beschränken.
 
Ihre jüngste CD, erschienen am 07.05.2021, widmet das Ensemble der Freundschaft zwischen Johannes Brahms (1833-1897) und dem etwas jüngeren Friedrich Gernsheim (1839-1916), die durch ihren Briefwechsel gut belegt ist. Es handelt sich um das erste Album einer dreiteiligen Serie zu diesem Thema. Brahms und Gernsheim trafen sich erstmalig 1862 beim Kölner Musikfest. Der aus Worms stammende Gernsheim war zu der Zeit Lehrer am Kölner Konservatorium, Leiter des städtischen Gesangvereins Köln und Kapellmeister an der Oper. Später übernahm er den Rotterdamer Musikverein und brachte als erfolgreicher Dirigent immer wieder das Deutsche Requiem von Johannes Brahms zur Aufführung. Ab 1890 in Berlin am Sternschen Konservatorium und als akademischer Kompositionslehrer an der Akademie der Künste schuf er romantische Musik, war mit seiner Kammermusik um 1900 (5 Streichquartette, 2 Streichquintette, 2 Klaviertrios, 3 Klavierquartette, 2 Klavierquintette, 4 Violinsonaten) geschätzt wie Dvorak, Bruch, Freund Brahms oder Reger. Die Rezeptionsgeschichte seiner Werke wurde wie die anderen jüdischen Komponisten nachhaltig beeinträchtigt durch den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland und endgültig durch die deutsche Nazi-Barbarei. 
 
Brahms hat die Komposition aller seiner drei Klavierquartette bereits in den 1850er Jahren begonnen, die Arbeit aber immer wieder ruhen lassen. Das erste (op. 25 g-Moll) wurde am 16.11.1861 in Hamburg uraufgeführt mit Clara Schumann, deren 125. Todestag sich jetzt am 20. Mai gejährt hat, am Klavier. Von der komplexen Tiefe und Wucht, auch von der Länge her (ca. 38 Minuten) sinfonisch anmutend, wurde Arnold Schönberg später zu einer Bearbeitung des Werks für Orchester angeregt. Das Allegro non troppo des Klavierquartetts wird mit einem ruhigen, nachdenklichen Thema vom Klavier unaufgeregt eröffnet, aber schon nach wenigen Takten vom gesanglichen Cello abgelöst. Dann nimmt die rhythmisch ungezügelte Brahmssche Dramatik ihren Lauf. Zu herrlichen Cello- Kantilenen, kommt auch die Bratsche zu Wort. Mit spannender Agogik und differenzierter Dynamik weiter Bögen entfalten die sich emanzipierenden Mittelstimmen eigene Kraft, wenn geheimnisvolles Pianissimo mit sinfonisch kraftvollem Forte synkopischer Tutti wechselt. Über merkwürdig pochenden Ostinato- Achtelrepetitionen huscht in gedämpfter Dynamik anschließend ein immerhin sieben Minuten dauerndes Intermezzo vorüber. Der langsame 3. Satz (Andante) ist charakterisiert durch große Melodiebögen, die im Mittelteil streng punktiert fast marschmäßig anmuten. Mit einem geschwinden Rondo alla Zingarese geht diese an Tiefe und Emotionalität kaum zu überbietender Aufnahme zu Ende.
 
Das sehr selten gespielte deutlich kürzere Klavierquartett von Gernsheim op. 20 in c-Moll erlebte das Ensemble „als wunderbare Entdeckung“. Schwelgende Melodien, begleitende, harmonisch  erhaltende Spätromantik, anspruchsvolle Instrumentalparts, lyrische Frische, Poesie und Gefühl vor allem im mittleren Adagio cantabile, bestechen bei dieser Aufnahme.
Ein informatives Beiheft bietet eine Einführung (Deutsch-Englisch-Französisch) in das Projekt des Ensembles, alle Klavierquartette dieser beiden Komponisten einzuspielen.
 
Philipp Bohnen (Violine) ist seit 2008 Mitglied der Berliner Philharmoniker und seit 2017 Dozent an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock.
Barbara Buntrock (Viola), ehemalige Solobratschistin des Gewandhausorchesters, gab diese Position zu Gunsten ihrer kammermusikalischen und solistischen Interessen auf und unterrichtet seit 2015 als Professorin für Viola an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf. In Wuppertal ist die Bratschistin bekannt und geschätzt. So hat sie vor Jahren in der Immanuelskirche das Kammermusikfestival „3B“ veranstaltet und leitet künstlerisch die „Musik auf dem Cronenberg“.
Gerhard Vielhaber (Klavier) erspielte zahlreiche Preise und tritt regelmäßig auf den großen deutschen Musikfestivals auf.
Peter-Philipp Stämmler (Violoncello) hat an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin studiert, konzertiert an allen großen Musikzentren Europas und Asiens.
Die späte Rehabilitierung des Komponisten Friedrich Gernsheim ist höchst verdienstvoll. Seine Musik und diese Aufnahme zeigen, welch qualitätvolle Musik noch hinter den großen Komponisten jener Zeit komponiert und gespielt wurde.
 
Mariani-Klavierquartett – „Brahms & Gernsheim – Piano Quartets Vol. 1”
© 2021 Audax Records (CD)
Philipp Bohnen (Violine) - Barbara Buntrock (Viola) - Gerhard Vielhaber (Klavier) - Peter-Philipp Stämmler (Violoncello)
 
Stücke:
Johannes Brahms: Klavierquartett in g-moll Op. 25: 1. Allegro 13:32, 2. Intermezzo. Allegro (ma non troppo) 07.24, 3. Andante con moto0 9:23, Rondo alla Zingarese. Presto 08.29.
Friedrich Gernsheim: Klavierquartett in c-moll Op. 20: 5. Allegro molto moderato 09:44, 6. Adagio cantabile 07:10, 7. Rondo. Allegro 05:58
Gesamtzeit: 1:00:2
 
Weitere Informationen: www.audax-records.com