Das Katzenjahr

Fototos von Frank Becker zu Versen

von Karla Schneider
Das Katzenjahr

Im November stehn wir Katzen
starren Auges auf der Schwelle,
riechen unterm Strauch den Winter,
kosten die bereiften Halme,
spürn das Fell allnächtlich jucken,
denn es sprießt, dieweil wir schlafen:
Silbergrannen, Tigergras.

Der Dezember dient dem Schlummern
tief vergraben in den Pfoten.
Selten wird die Promenade
durch den windzerwühlten Garten,
um den neuen Pelz zu lüften.
Fenstersitzen, Schnurreliedchen.
Lieblingskissen, Kraulehand.

Zaghaft heben wir die Pfoten,
liegt im Jänner jener weiße
blendend kalte Watteteppich
auf der uns vertrauten Landschaft.
Plötzlich packt uns hemmungslose
Lust, uns in dem Weiß zu wälzen
in verrückter Narretei.

Februar, der rätselhafte,
weckt die Unruh', nicht zu deuten,
und wir können nicht mehr schlafen,
denn es klagen Troubadoure
draußen bei der Schneebeerhecke.
Und wir streichen um die Türen,
halb gewonnen, doch nicht ganz.

März, oh! Mond der Katzenliebe!
Belcantöse Serenaden!
Balgereien, saturnalisch!
Nacht um Nacht hinaus ins Freie!
Dunkle Wiesen, nackte Büsche...
Schmalgehurt. Verschlafner Tag.

Friedlich in der Sonne blinzelnd,
ein Geheimnis in uns tragend,
lassen wir uns reglos streicheln,
wenn April das Lüftchen kräuselt.
Schaukeln schwer durch die Narzissen,
Blütenstaub auf Nas' und Fell.

Dann, im Mai, beginnt die Suche:
ob geheimnisvoll verstohlen,
auf dem Boden, in Veranden,
oder offen, blind vertrauend,
auf der Herrin Daunensteppbett - 
­kurz: ein Ort für die Geburt.

Wenig haben wir vom Juni.
Matt, mit eingefall'nen Flanken,
liegen wir geschlossnen Auges.
Ausgesogen, wundgenuckelt
von den nimmersatten Kindern,
Hüter ihrer Sauberkeit.

Hüter später erster Schritte,
Lehrer in des Julis Vielfalt,
in des Rasens sanftem Wäldchen
zwischen Wegrich und Ranunkeln:
wie man einen Eidechs kapert
und sich hundwärts buckelnd sträubt.

Der August dient der Erholung.
Rekonvaleszenten-Jagden,
zweite Brut der dummen Vögel,
und im Dämmer schweigsam lauern,
dass nervöse Mäuse kommen
im Kamillenfieberfeld.

Im September schwebt ein runder
Kupferkäse tief am Himmel,
riecht die Nacht nach welken Kräutern.
Kurz und heftig, ohne Sehnsucht,
fallen wir nochmals in Liebe
(keine Folgen, hoffentlich...).

Der Oktober - ach, wie sag ich' s –
­ist der Katzen-Totenmonat.
In dem einen Monat nämlich
ruft Tim Toldrum, unser König,
aus der Ferne alter Märchen,
rufen Murr und dieser Muzius
(beides ausgepichte Säufer
aus der Feder des Herrn Hoffmann),
denn sie wollen Unterhaltung,
haben ihre Märchen satt.

Und dann folgen wir dem Rufen,
laufen blindlings auf die Straßen,
stürzen uns in Nacht und Nebel
ohne Rücksicht auf Gefahren,
hinterlassen unsern Lieben
abgeworfene Kadaver.
Doch die Seele schmiegt sich schnurrend
an das Kissen von Tim Toldrum,
der schon giepert: "Freund, erzähl!"


© Karla Schneider 

Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2007

Alle Fotos © Frank Becker

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