Joseph Beuys im Von der Heydt-Museum

Fotografien von Ute Klophaus

von Johannes Vesper

Joseph Beuys
im Von der Heydt-Museum
 
Fotografien von Ute Klophaus
 
Von Johannes Vesper
 
Die Fotografin Ute Klophaus wurde in Wuppertal geboren und lernte als 25jährige Joseph Beuys beim legendären 24-Stunden Happening (1965) in der Galerie Parnass von Rolf Jährling kennen. Als freie Fotografin war sie interessehalber, eher zufällig dorthin gekommen, bemerkte aber schnell, welch ungeheuerliche neue Bilder bei den Aktionen entstanden und begann zunächst nur beiläufig zu fotografieren. Charlotte Moormann spielt damals nackt in einem Plastiksack zusammen mit Nam June Paik Cello (Beethoven), während Beuys mit Bronzekreuzen warf. Auf dem Boden liegend, unter dem Kopf ein Fettkissen, umgeben von „einer Schachtel mit Zuckerstücken….einem Glas Wasser…einer Kiste gefüllt mit Fett“, bewegte er diese Dinge nach seiner eigenen Intuition. Die junge Fotografin war fasziniert von der inneren, meditativen Kraft des Künstlers, die sich allerdings nicht allen Zuschauern sofort offenbarte. Sie selbst empfand die Beuys´sche Suggestivkraft später noch viel stärker, sprach gar von „gewalttätiger Freiheitsberaubung“, wie Bazon Brock im Katalog schreibt. Die Piano-Aktion von Joseph Beuys lag da schon zwei Jahre zurück. Damals hatte Nam Jun Paik bei Jährling Musik ausgestellt und Joseph Beuys auf der Ausstellung unabgesprochen (!) das Klavier seines Künstlerkollegen zertrümmert. Diese nicht geplante künstlerische Aktion führte zu vorübergehenden Verstimmungen unter den Malern. „Eigentlich tut man so etwas ja auch nicht. Man okkupiert eine fremde Ausstellung nicht für sich. Das gehörte sich auch damals nicht“ erzählte schmunzelnd der Verleger Lothar Schirmer im Von der Heydt-Museum zur Eröffnung der jetzigen Fotoausstellung. Der Gründer des großen Foto- und Kunstbuchverlages sammelt seit 1974 Fotografien von Ute Klophaus, die nach dem Happening von 1965 von Joseph Beuys nicht lassen konnte. Sie hat seine Aktionen bis zu seinem Tode 1986 unermüdlich fotografiert, und zwar ausschließlich in Schwarz-Weiß, obwohl Joseph Beuys die Fotografie im Allgemeinen nicht mochte. „Fotografie kann nie Kunst sein“ habe er gesagt, weswegen auch mit ihm kein Fotobuch zustande gekommen sei. Die Fotografin hatte es nicht leicht ihm. verglich das Fotografieren mit einer Hasenjagd. Schnappschüsse aus der Hüfte, schnelles Fotografieren und sicherer Blick scheinen notwendig gewesen zu sein, um die Momente zu erhaschen.
 

Joseph Beuys, „In memoriam George Maciunas” (mit Name June Paik)
7. Juli 1978, 20 Uhr, Staatliche Kunstakademie Düsseldorf
Fotografie: Ute Klophaus - Courtesy Sammlung Lothar Schirmer
© Nachlaß Ute Klophaus - © für das Werk von Joseph Beuys: VG Bild-Kunst, Bonn, 2021


Ute Klophaus hatte nach einer Foto-Lehre die staatliche Höhere Fachschule für Photographie in Köln besucht, und war anschließend freiberuflich tätig. Ihre frühen schwarz/weiß Bilder aus der Heimatstadt (z.B. Kreuz auf dem Friedhof Hugostraße, Mauer in Rom u.a.) zeigen bereits eine ernste Bildsprache. Ihrer intensiven fotografischen Dokumentation Beuys´scher Aktionen über 20 Jahre und dem unermüdlichen Sammler Lothar Schirmer verdanken wir die jetzige Ausstellung, in der zum ersten Male seine Sammlung öffentlich präsentiert wird. Dank ihrer Fotos sind die Aktionen des Josef Beuys überhaupt noch wahrnehmbar. Die Bilder seiner Aktionen haben sich in „ihr Leben eingebrannt“ schrieb Ute Klophaus. Die „Sprache seiner Aktionen, seiner Bewegung“ hat sie in die Sprache der Fotografie übertragen und entgrenzt. Indem sie die Fotos mit abgerissener Kante präsentiert suggeriert sie, daß außerhalb des sichtbaren Bildes noch Weiteres geschieht. So blieben jedenfalls Bilder auch für diejenigen erhalten, die die Aktionen nicht leibhaftig erlebt haben. Faktisch entreißen diese Fotos vergängliche Aktionen ihrer Zeit, zeigen aus der Zeit herausgerissene Momente, wie der Titel der Ausstellung in Anspielung auf die Risskante der Fotos suggeriert. Geht die Atmosphäre der Aktionssituation, die Faszination des anwesenden Publikums mit Schwarz/Weiß-Schnappschüssen verloren oder verdichtet sich die Aktion auf diesen Fotos? Die Aufnahmen wirken jedenfalls authentisch, auch durch verbliebene, hinzugefügte (?), jedenfalls sichtbare Bearbeitungsspuren. Schlieren, Flecken, Unsauberkeiten beim Entwickeln blieben erhalten. Hochglanzfotos sieht man nicht. Unzweifelhaft hat Ute Klophaus mit ihren strengen Schwarz-Weiß- Fotografien das Erscheinungsbild von Joseph Beuys geprägt. Dabei zeigen die Bilder die ganze Subjektivität ihres Blicks auf die Aktionen. Sie selbst möchte mit dem „Fotoapparat das Eigentliche sehen“, „hinter die Dinge zu schauen“. Ist ihr das mit den Aktionsaufnahmen gelungen? In ihren drei Katalogtexten schildert sie, wie sie Josef Beuys begegnet ist, warum sie ihn fotografiert hat. Loretta Baum-Ischebeck beschreibt feinsinnig ihre Beobachtung der Fotografin beim 24-Stunden Happening in der Galerie Parnass am 05.06.1965.
 

Der Sammler und Verleger Lothar Schirmer - Foto © Frank Becker

Beuys selbst hat seine Aktionen bewegliche Plastik genannt, spricht von sozialer Plastik, glaubt mit seiner Kunst, die Gesellschaft verändern zu können, und schrieb 1971: „Meine Kunst ist Befreiungspolitik“. Seine Selbstinszenierungen wurden Kult und er selbst sagt: „Kunst soll der Erkenntnis dienen, sie ist Leben und Lehre“. Große Worte. Eine Erweiterung des Kunstbegriffs, die inhaltlich den Tod der Kunst bedeuten könnte. Sein Begriff „Plastik“ erstaunt, ist sein Werk doch tatsächlich „Kunststoff“ im wahrsten Sinne des Wortes.
Hat Josef Beuys beim Wuppertaler Maler Ernst Oberhoff studiert? Der Verbindung Beuys mit Wuppertal widmete Lothar Schirmer humorvoll einige Bemerkungen, fand doch 1953 im damaligen Städtischen Museum Wuppertal seine erste museale Ausstellung überhaupt statt. Pianoaktion und das Happening 1965 in der Galerie Parnass machten Beuys bekannt. 1971 gab es eine zweite  Ausstellung im Von der Heydt-Museum. 1972 nimmt Beuys nicht nur wieder an der documenta teil sondern besetzt auch mit abgewiesenen Studenten das Sekretariat der Düsseldorfer Akademie, woraufhin der Wuppertaler Johannes Rau, damals Wissenschaftsminister in NRW ihn, den Professor Beuys wegen Hausfriedensbruch fristlos entläßt. Zu Unrecht, wie später gerichtlich festgestellt wird. Ute Klophaus erhielt 1986 den damals noch so genannten Eduard Von der Heydt-Preis der Stadt Wuppertal. Mit dem Wuppertaler Performancefestival, nimmt die Stadt am NRW-weiten Beuys- Jubiläumsjahr 2021 teil, möchte sozusagen mit Beuysscher Nachhaltigkeit Gesellschafts- und damit Stadtentwicklung mittels „künstlerischer, gemeinwohlorientierter Interventionen“ im Sinne Beus´scher sozialer Plastik befördern. Auch die Ausstellung ist Teil des Jubiläumsprogramms.
 
Seine Auftritte und Selbstinszenierungen wurden im Gegensatz zu den wunderbaren Zeichnungen nicht von allen geschätzt, vorsichtig ausgedrückt. Ist Beuys mit seinen Aktionen eigentlich bildender Künstler? Nicht im engeren, konventionellen Sinn. Er selbst sagt von sich: „Ich bin gar kein Künstler. Es sei denn unter der Voraussetzung, daß wir uns alle als Künstler verstehen, dann bin ich wieder dabei“ (Joseph Beuys 1985). Erstaunlich, daß die beiden größten Bücher über ihn, das Beuysnobiscum Harald Szeemanns (1993) wie auch das gerade neu erschienene Joseph Beuys-Handbuch (Hg: Timo Skrandies/Bettina Paust) ganz ohne Abbildungen auskommen. Sein Werk hat eine Tendenz zum Chaos. Die „Fettecken und auseinander gerissene Luftpumpen“ zeigen dies sehr deutlich. In Schwierigkeit wird hier derjenige kommen, der das Werk aus sich heraus interpretiert. Wie kann mit der Darstellung dieses unappetitlichen Sammelsuriums die Einheit von Leben und Kunst befördert werden? Das läßt sich bei der Betrachtung allein nicht ohne weiteres erschließen. Joseph Beuys selbst hätte vielleicht helfen können, hat er doch mit goldüberzogenem Kopf und Honig im Haar sogar einem toten Hasen seine Bilder erklärt. Zu verschiedenen Aktionen und Räumen liefern Texte von Ute Klophaus im Katalog Erklärungen, ernste und nachdenkliche Betrachtungen (siehe auch Ihr Porträt im Katalog vorne!).
 
Die Beuysschen Aktivitäten endeten später im Politischen, als er 7.000 Eichen auf der documenta pflanzte und mit Umweltschutzideen zunächst für die rechte Aktionsgemeinschaft unabhängiger Deutscher kandidierte, die später in der Partei „Die Grünen“ aufging. Seine letzte Arbeit im Palazzo Regale Neapel, dank Ute Klophaus aktuell in Elberfeld, besteht aus zwei Vitrinen mit goldfarbenem Gestell und sieben rechteckigen Spiegeln an der Wand, ebenfalls mit goldfarbenen Rahmen und Spiegelfläche. In den Vitrinen liegen Beuys´sche Utensilien in Schwarz-Weiß: sein alter Rucksack, drei alte Schinken, eine Speckseite. In der anderen Vitrine liegt eine Kopie des Kopfes aus seiner Installation „Straßenbahnhaltestelle“, sein Pelzmantel, zwei Teller eines Konzertbeckens. Krönung eines bedeutenden Künstlerlebens? Man steht und schaut betroffen.
 

Joseph Beuys, „wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“
26. November 1965, 20 Uhr Eröffnung der Beuys-Ausstellung „… irgend ein Strang …“
in der Galerie Schmela, Düsseldorf, Hunsrückenstraße 16-18
Fotografie: Ute Klophaus, Bromsilberabzug auf Papier, schwarzweiß, Rißkante unten
Courtesy Sammlung Lothar Schirmer
© Nachlass Ute Klophaus - © für das Werk von Joseph Beuys: VG Bild-Kunst, Bonn, 2021

Zur Ausstellung (19.09.21-09.01.2022) erschien ein Katalog mit den rund 230 Fotos von Ute Klophaus aus der Ausstellung, die in sehr interessanten Beiträgen von Loretta Baum-Ischebeck, Antje Birthälmer, Bazon Brock, Ute Klophaus und Bernd Stigler kommentiert wurden. Außerdem wird dem Besucher ein Vademecum zu Verfügung gestellt, welches auf 30 Seiten Informationen zur Ausstellung (inklusive Raumplänen) bietet. Mit Erläuterungen zu und Zitaten von Josef Beuys, der Darstellung der Lebensläufe von Beuys und Ute Klophaus wird diese lebendige und kontroverse Kunstepoche gegenwärtig.
 
Aus der Zeit gerissen. Joseph Beuys: Aktionen, fotografiert von Ute Klophaus 1965-1986
© 2021 Sammlung Lothar Schirmer. Schirmer/Mosel Verlag, 208 Seiten, flexibel gebunden, ca. 250 Duotone-Tafeln. Format: 24 x 29 cm - herausgegeben von Roland Mönig und Antje Birthälmer

Nur über das Museum erhältlich. Museumspreis 32,- €